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Der Maler, Graphiker und Installationskünstler Hans-Joachim Hennig ist mit 71 Jahren gestorben

Erinnerung Der Maler, Graphiker und Installationskünstler Hans-Joachim Hennig ist mit 71 Jahren gestorben

Der in Radebeul lebende Maler, Graphiker und Installationskünstler Hans-Joachim Hennig ist kurz vor seinem 72. Geburtstag gestorben. Ein Nachruf.

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Hans-Joachim Hennig, o.T. (zu Eugenio Montale), Mischtechnik auf Papier, 2001.

Quelle: Buchhandlung LeseZeichen

Dresden. Mit dem Maler, Graphiker und Installationskünstler Hans-Joachim Hennig auf Reisen zu gehen, hatte zugleich etwas von der Ernsthaftigkeit einer Forschungsexpedition und von lustvoller Spiegelfechterei. Das Angebot eines soliden Stiefelmachers oder das Gebrutzelte einer Straßenköchin zogen ihn oft weit mehr in Bann als die in den Reiseführern verzeichneten touristischen Attraktionen. Ich erinnere mich, wie er sich gelegentlich eines gemeinsamen Ausstellungsprojektes in Kolumbien von zwei vielleicht zehnjährigen Straßenjungen zu einem pantomimischen Frage-Antwort-Spiel über seine Herkunft, seine Identität sowie die in seinem Besitz befindlichen Dinge des Lebens- und Künstlerbedarfs hinreißen ließ. Vergessen habe ich, welche dieser Dinge genau es gewesen sind, die wenig später mitsamt den Straßenjungen in verschlungenen Altstadtgassen verschwanden. Allerdings entsinne ich mich wiederum gut, dass der Künstler den charmanten Dieben die ehrliche Bewunderung für ihren Coup nicht versagte und jedes Mal lachte, wenn er die Geschichte jemandem erzählte. Die Szene kam mir am letzten Sonntag wieder in Erinnerung, aber der Reihe nach:

Der Lebensweg von Hans-Joachim Hennig begann im Mai 1945, als Europa in Trümmern lag. Als Sohn einer nach Westen geflüchteten Familie mit pommerschen und kaschubischen Ursprüngen kam er in Schleswig-Holstein zur Welt. Seine Kindheit und Schulzeit verbrachte er in Hamburg sowie – nach der Entscheidung seines Vaters, in die DDR überzusiedeln – an verschiedenen Orten in Mecklenburg und Thüringen. Nach einer Ausbildung zum Krankenpfleger bemühte er sich erfolglos um ein Studium der Malerei und Graphik an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, studierte schließlich an der Universität Leipzig Kulturwissenschaften und Kunstgeschichte und war in der Folgezeit in der Kulturabteilung der Gewerkschaften in Leipzig und beim Amt für industrielle Formgestaltung in Dresden tätig. Ich begegnete ihm, nachdem infolge der Ereignisse des Herbstes 1989 die besagten Ämter aufgelöst und ihre vormaligen Mitarbeiter sich selbst überlassen waren – und zwar beim neugegründeten Dresdner Kunstverein „reiter“, wo sich damals ein Dutzend Köpfe bei der Redaktion eines Kulturjournals und an weiteren Projekten erhitzte. Im Chaos und Überschwang jener Tage fand Hans-Joachim Hennig zu seiner jugendlichen Passion zurück und wechselte in den prekären Berufsstand des Künstlers.

Hans-Joachim Hennig

Hans-Joachim Hennig

Quelle: privat

Seine damals einsetzende, zeitweise geradezu manische Bildproduktion stand zunächst im Zeichen der Farbe Schwarz – die damit behandelten, oft regelrecht traktierten Bildflächen hatten etwas von einer verstruppten Kampfzone. Doch zum Ende des Jahrtausends hin lichteten sich die dunklen Gestrüppe auf seinen Bildern und gaben den Blick auf Landschaften und Figuren frei. Man könnte von einem allegorischen Impressionismus sprechen, der aus dem Abstand der Zeit von den Unwägbarkeiten jener fernen Tage zeugt, als Mobilfunk und Internet ihren Siegeszug antraten. Die neuen Sujets in Hennigs Werk wurden von einer Hinwendung zur Technik des Aquarellierens und einer weitgehenden Verlagerung des Kunstprozesses in die freie Natur begleitet. So wie er seither zwischen Ostsee- und Mittelmeerküste, Tegeler See und Radebeuler Schrebergarten pendelte – zu Fuß, mit dem Fahrrad, per Anhalter oder Sparpreisticket, ausgerüstet mit dem nötigsten Handwerkszeug sowie Kaffee, Pfeife, Flachmann und Selbstgebackenem – mutete er zuweilen wie ein aus der Zeit gefallener Plenairist des 19. Jahrhunderts an. Wie jenen Vorläufern des modernen Künstlertums war ihm das Unterwegssein zu neuen Horizonten allemal wichtiger als eine wohlklingende Ausstellungsbiographie; nichtsdestotrotz nutzte er Ausstellungsgelegenheiten, so sie sich ergaben, für phantasievolle Installationen seiner bildnerischen Funde. Deren doppelsinnig-selbstredende Titel wie „Ähnliche Landschaften“, „Illustre Zustände“, „Privatgelände“ und „Landpartie“ geben Kostproben des göttlichen Humors, mit dem er auch als Weggefährte und wacher Gesprächspartner brillierte und der allen, die ihn gekannt haben, mitsamt dem dazugehörigen verschmitzten Blick in Erinnerung bleiben wird.

Zu Hennigs liebenswerten Verschrobenheiten gehörte es, dass er keine Geburtstagsfeiern mochte, stattdessen lud er regelmäßig Ende Mai zu einem zwanglosen Beisammensein in seinem Garten in Radebeul ein. So geschah es auch am vergangenen Sonntag, als sich dort – zwei Tage vor seinem 72. Geburtstag – Kinder, Enkel und Freunde einfanden. Der von ihm selbst bereitete Kartoffelsalat stand bereit, auch für Wein und Bier war gesorgt. Allein der Künstler fehlte, denn auf einen Notruf des Gartennachbars hin hatte man ihn kurz vor Eintreffen der ersten Gäste ins Krankenhaus gebracht, wo nur noch sein Tod infolge eines Hirnschlages festgestellt werden konnte. Seitdem komme ich nicht von der fixen Vorstellung los, dass er sich mit einer den kolumbianischen Straßenjungen abgeschauten Finte seine eigene Seele gestohlen hat – und sehe ihn, wie er auf einer jenseitigen Lichtung zusammen mit dem alten Quijote einen selbstgebrühten Kaffee trinkt und über seinen gelungenen Coup grinst. Das Traurige dabei ist, dass sein Weggang wohl mit dem Ende einer Epoche zusammenfällt und es in Zukunft immer schwerer wird, Menschen und Künstler dieses Formats zu finden. Immerhin bleiben uns seine Bilder und die schöne Aufgabe, die sich darin spiegelnden Spuren dieser Epoche zu sichten.

Die Beisetzung findet am 1. Juni um 10.15 Uhr auf dem Dresdner Heidefriedhof statt.

Von Volkmar Billig

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