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Der Countertenor Bejun Mehta ist Artist in Residence der Dresdner Philharmonie

Interview Der Countertenor Bejun Mehta ist Artist in Residence der Dresdner Philharmonie

Wenn Chefdirigent Michael Sanderling im Albertinum die neue Saison der Dresdner Philharmonie eröffnet, wird mit dem Countertenor Bejun Mehta nicht nur ein renommierter Solist als Gastkünstler mit dabei sein, der Amerikaner gibt vielmehr sein Debüt als Artist in Residence. DNN sprachen mit ihm über die damit verbundenen Vorhaben und Erwartungen.

Bejun Mehta

Quelle: Josep Molina

Dresden.  

Frage: Herr Mehta, was verbindet Sie mit der Dresdner Philharmonie?

Bejun Mehta: Ich habe schlicht und einfach ein Angebot bekommen. Allerdings kein ganz einfaches Angebot, sondern etwas ganz Wunderbares und Spezielles. Eine Residenz mit der Gelegenheit, während der Spielzeit vier große Programme zu gestalten! Das ist erst einmal eine große Ehre für mich, es passt aber auch sehr gut in meine momentane Karriere. Mit dieser Chance, für das Dresdner Publikum vier unterschiedliche Programme zu gestalten, kann ich die Vielseitigkeit der Countertenorstimme zeigen. Es wird Barockmusik geben, klassische Musik, für mich geschriebene Neue Musik, aber auch Kammermusik, große Arien, kleine Kantaten – und das alles in einer Saison.

Zum Auftakt heute und morgen Abend gibt es Mozart?

Dieses erste Programm musste mit Schostakowitsch funktionieren, das war die Bedingung. Dessen 4. Sinfonie ist ein großes und packendes Werk. Da hatte ich die Idee, zum großen Orchester würde Mozart sehr gut passen, besonders in Dresden. Ich denke, dass dieser Kontrast gut aufgehen wird.

Sie proben auch schon am zweiten Programm, das am 10. September in der Frauenkirche erklingt?

Das heißt „Deeds of Kindness“ und wird eine Mischung aus dem frühen Mozart und dem späten Händel sein. Damit will ich zeigen, wie ähnlich sich die beiden in dieser Übergangszeit gewesen sind. Also ein Programm für das Philharmonische Kammerorchester, in dem ich singen und dirigieren werde. Diese Kombination ist nicht so ganz einfach! Das dritte Konzert heißt dann „Dream of the Song“, ein wunderbares Stück, das George Benjamin für mich geschrieben hat. Er hatte schon in seiner letzten Oper eine Rolle für mich komponiert, und ich hoffe, dass wir weiter zusammenarbeiten werden. In „Dream of the Song“ hat er meine Stimme mit Frauenchor verbunden, das sind zwei Welten. Die Uraufführung voriges Jahr in Amsterdam war ein großer Erfolg.

Mein letztes Dresdner Programm ist dann ein reines Kammermusikprogramm in ganz kleiner Besetzung. Die Idee dahinter ist eine Art Salonkonzert für die großartige Schlosskapelle. Da wird ein Concerto grosso von Händel aufgeteilt werden, zwischen den einzelnen Sätzen gibt es dann Arien und Solokantaten von Alessandro Scarlatti, Johann Christoph Bach, Melchior Hoffmann und natürlich von Händel selbst. Das Schöne an diesem Ort, hier können wir die Musik besser mit dem Publikum teilen. Ich möchte in den Solokantaten ja Geschichten erzählen. Das wird sicherlich spannend.

Bejun Mehta

geboren 1968 in Laurinburg, US-Staat North Carolina

der Sohn einer Sängerin und eines Pianisten (sowie Großneffe des Dirigenten Zubin Mehta) begann frühzeitig eine musikalische Ausbildung

hatte bereits als Knabensopran Leonard Bernstein begeistert

Unterweisung als Sänger und Cellist, später auch als Dirigent

studierte Deutsche Literatur an der Yale University

sang zunächst als Bariton, spielte Cello solistisch sowie in verschiedenen Orchestern, arbeitete u.a. als Tonmeister, begann später seine Stimmausbildung als Counter-Tenor

1998 Debüt an der New York City Opera, seitdem internationaler Durchbruch an zahlreichen großen Opernhäusern und Festspielen (u.a. Salzburg, Wiener Festwochen)

erfolgreiche Zusammenarbeit u.a. mit Daniel Barenboim, René Jacobs, Marc Minkowski, Kent Nagano

2016/17 Artist in Residence der Dresdner Philharmonie

Ist so eine Künstler-Residenz nicht auch ein Zugeständnis? Schließlich binden Sie sich damit für längere Zeit an Dresden.

Ein Zugeständnis? Überhaupt nicht! Ich liebe diese Stadt. Mein erstes Konzert hier war in der Frauenkirche, seitdem kehre ich immer wieder gern hierher zurück. Aber ich betrachte meine Karriere auch nicht in Abschnitten von einer Saison zur nächsten. Ich sehe das eher als ein großes Werk, schon zwanzig Jahre lang. Und ich hoffe, ich habe noch viele Jahre vor mir! Also bin ich jetzt mittendrin und sehe das alles eher als Bogen. Daher ist eine Residenz etwas so Besonderes, hier kann das Publikum Teil dieses Bogens werden. Und Teilnehmer natürlich.

Welchen Stellenwert hat just dieses Orchester dabei für Sie?

Für mich ist es hoch interessant, barocke Arien und klassische Arien mit einem modernen Orchester wie der Dresdner Philharmonie zu gestalten. Ich bin da überhaupt nicht doktrinär, dass man diese Musik nur mit Spezialensembles aufführen darf. Ich liebe solche Ensembles zwar sehr und arbeite gerne mit ihnen. Aber mit modernen Instrumenten erlangen wir einen ganz anderen Klang. Ich finde es wunderbar, mit verschiedenen Klangarten zu spielen. Händel-Arien müssen nicht „alt“ klingen, man will ab und zu auch die moderne Power dazu haben. Hier habe ich jetzt die reizvolle Gelegenheit, mein Repertoire mit einem modernen Ensemble zu erarbeiten, das dafür sehr offen ist. Diese Offenheit in Dresden ist für mich sehr kostbar. Daher bin ich der Intendantin Frauke Roth auch sehr dankbar für diesen Mut, denn sie hat es gewagt, einen Countertenor für die Residenz nach Dresden einzuladen. Vermutlich ist das für ihr Publikum doch etwas außergewöhnlich.

Ein Instrumentalist als Artist in Residence ist zumindest üblicher. Aber Sie waren ja auch mal Cellist und sind heute nicht nur Sänger, sondern als Dirigent wesentlich vielseitiger tätig?

Also ich sehe mich absolut als Countertenor. Gut, vor 25 Jahren habe ich einen Umweg gemacht und den falschen Rat bekommen, als Bariton zu singen. Aber ich bin kein Bariton und habe rasch meine wahre Stimme gefunden. Als Dirigent fange ich jetzt eigentlich erst wieder an, nachdem ich schon in der Uni-Zeit viel dirigiert hatte, es dann aber eine Weile gelassen habe. Wer mich nur als Sänger kennt, wird das vielleicht als etwas Neues empfinden. Aber für mich ist das eine Art Rückkehr zu etwas, das ich sehr liebe. Das mag nach Vielseitigkeit klingen, doch ich finde, es kommt alles aus derselben Quelle in mir. Die Erfahrungen als Sänger, Schauspieler und Musiker fließen da alle zusammen. Denn als Künstler ist es wichtig, dass man sich immer neu entwickelt. Bei allem, was wir machen, geht um die Humanität der Menschen.

Herr Mehta, bei Ihrem Namen muss man zwangsläufig nach Ihrer musischen Verwandtschaft fragen. Ist Zubin Mehta für Sie als Großneffen des Dirigenten eher Belastung oder mehr Vorbild?

Eine Belastung ist er überhaupt nicht für mich. Wir musizieren oft zusammen, und ich schätze ihn sehr. Die pure Wahrheit ist, er hat so ein anderes Repertoire als ich, dass es fast nie zu Überlappungen kommt. Somit kann er musikalisch kein Vorbild für mich sein, was aber nichts über ihn oder mich aussagt, sondern eine Repertoirefrage ist. Ich sehe ihn in dem Sinne als Muster für mich, weil er so ein toller Mensch und als Dirigent so fabelhaft begabt ist. Er ist in der ganzen Welt bekannt und ist ganz menschlich geblieben. So groß und so normal zur selben Zeit, davon kann man viel lernen.

Konzerte: 3. und 4.9., 19.30 Uhr, Albertinum

Von Michael Ernst

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