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Der 16. Scheune Schaubuden Sommer in Dresden ist eröffnet

Der 16. Scheune Schaubuden Sommer in Dresden ist eröffnet

Es ist warm, von Regen keine Spur. Der Rindenmulch quietscht also nicht, sondern liegt entspannt auf dem Festivalgelände und macht auf Schongang. Vermutlich auch weil sich das Wetter einfach mal zusammenriss, kamen rund 1000 Besucher zur Eröffnung des 16. Scheune Schaubuden Sommers, fast 400 mehr als im letzten Jahr. Die ersten hatten schon wieder dieses Glänzen in den Augen, Budenfieber vermutlich, aßen Apfel-Zimt-Popcorn aus dem Fantastomaten oder tranken Lenins Bio-Bier um sich runter zu kühlen.

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Beim Schaubuden Sommer fliegt auch mal ein Elefant durch die Luft. Foto:

Quelle: Flechtner

Man sprach von Taumelnächten und davon, dass der Sommer nun offiziell begonnen hat. Beim ersten Rundgang hat sich die Autoren jedenfalls gehörig infiziert und berichtet hier über die ersten Budensymptome.

Jedes Jahr wird der Hinterhof der Scheune und das darf man jetzt ruhig ein wenig müllhaldig verstehen innerhalb von zwei Wochen aus dem Nichts auf Schaubudenschick herausgeputzt. Tatsächlich hat das große Aufbauteam um den Herrn Zirkusdirekter Helmut Raeder und den nimmermüden Heiki Ikkola wieder mal auf die Minute genau dafür gesorgt, dass nun nicht nur die Bretterbuden, Zirkuszelte und das große Treppengerüst stehen, sondern auch dafür, dass elektrische Fledermäuse (vom Maschinenmeister Jim Whiting) überm Schaubuden-Café flattern und viele kleine und große rosafarbene Elefanten (der fliegende ist von Muriel y César) übers Gelände träumen, von denen die letzten noch während des Abends auf Schilder gemalt wurden. Die ganze Veranstaltung bewegt sich ja bis zum Ende immer noch ein bisschen weiter, schlägt ein paar Haken und sorgt dafür, dass man jeden Tag etwas Neues entdecken kann.

Am ersten Abend konnte man unterm Dach beispielsweise erleben, wie liebevoll Jan Heinke aus einer Badewanne Musik heraus streicheln kann oder Demian Kappenstein auf Schrott und anderen Hinterlassenschaften trommelt. Von den "recycelte Klanglandschaften" ging es hinab in das Gewirr aus Marktgeschrei, Gemurmel und zur Musik der Zigeunerkapelle Romantica. Vorm Zelt des Duos The Fuck Hornisschen Orchestra wrang Julius Fischer sein bis auf die Knöpfe durchgeschwitztes Hemd aus, während sein Kollege Christian Meyer beim Getränkeholen fast vergaß, wieder auf die Bühne zu gehen. Im Vorderzelt tobten die vier jungen Franzosen von der Compagnie Tellem Chao und legten einen charismatischen Auftritt zwischen Clownerie, Nitzsche-Referenzen und sportlicher Ektase hin, die selbst den Schlagzeuger erfasste und ihn zum Höchstgeschwindigkeits-Solo trieb. Atem war ihr großes Thema, wenngleich es andere Shows geben dürfte, die auch dem Publikum den Atem rauben, wie möglicherweise das heute und morgen auftretende "Electro Punk Cabaret" Sado Opera. Man munkelt, es wird deftig bis schmerzhaft und eine Show, an der Marquis de Sade seine Freunde gehabt hätte.

Bei so viel Kurzweil und Spektakel waren die leiseren, kritischeren Töne manchmal schwer zu hören. Umso schöner, wenn man sich irgendwo einreihte und genau da landete. Der großartige australische Puppenspieler Neville Tranter galoppiert mit seinen durchweg irre wirkenden Handpuppen durch die afghanische Wüste. Als Puppenspieler Nigel sucht er seinen Assistenten und trifft stattdessen auf Osama Bin Laden, der sein Kamel lieber mag als seinen Gott, auf einen französischen Soldaten der unbedingt einen Terroristen zur Strecke bringen will, aber nur, weil er dann wieder nach Hause darf oder auf ein geschäftstüchtiges Krokodil, das in der Wüste "Body Bags" verkauft und deshalb Körpergrößen perfekt schätzen kann. Tranter braucht für seine höchst eigene Interpretation des Kasperletheaters in seinem Stück "Punch and Judy in Afghanistan" nur eine Wand, hinter der er sich manchmal versteckt und die Charaktere auf seinem Arm wechselt. Mit seinen Puppen verwickelt er sich in Gespräche, die wunderbar zynisch darlegen, was für ihn am Hindukusch falsch läuft und was auf viele andere Ebenen übertragbar ist. Noch bis Sonntag in der Schaubude zu sehen.

Bis es mit dem Herrn Direktor und der Kapelle im Rattenfänger-Stil zur mobilen Mitternachtsshow ging, waren die Treppen gut gefüllt. Viele Besucher, so schien es, atmeten erst einmal ein wenig Alltag aus, um später von der Schaubudenluft zu schnuppern, in der jede Menge Poesie, aber genau so viel Wahnsinn lag. Vorsicht, Ansteckungsgefahr!

www.schaubudensommer.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.07.2013

Juliane Hanka

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