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Dead Can Dance zelebrierten statisch in der Jungen Garde in Dresden

Dead Can Dance zelebrierten statisch in der Jungen Garde in Dresden

Man tut den Musikern Unrecht, wenn man behauptet, dass es quasi einem Sechser im Lotto gleichkäme, wenn nach diesem Winter und nach diesem Frühling ein Dead-Can-Dance-Open-Air in eine laue, kurze und beinahe wolkenlose Juninacht fiele.

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Lisa Gerrard und Brendan Perry sind Dead Can Dance.

Quelle: Patrick Johannsen

Das ist zwar hübsch, aber vermutlich hätte ein Konzert des Duos auch im Schneetreiben seinen ganz eigenen transzendenten Reiz. Schlussendlich ist das Wetter hierfür so nebensächlich wie nationale Grenzziehungen, wenn universelle Spiritualität und multiethnisches Instrumentarium das Bühnengeschehen bestimmen.

Dass dieses Klanggemälde von riesigen Baumwipfeln und einer blauen, abendhimmlischen Sphäre gesäumt wird, führt immerhin schneller zum tiefen Luftholen oder zum Sich-in-Trance-Tanzen: Wenn sich für Lisa Gerrard und Brendan Perry alias Dead Can Dance der Vorhang hebt, lauscht ein wahrlich vielseitig orientiertes Publikum. Weltfolkloristen in archaischer Umarmung, New-Age-Hippies in Trainingsanzügen, gerührte Gothic-Grüppchen, die sich in eine Familienpackung Taschentücher teilen sowie Leute, die ihre Utopie nicht textil säumen, denen aber nicht minder die Tür des Seelenkäfigs aufspringt, wenn Gerrard ihre heilige, soprane Lautmalerei beginnt.

Zuvor obliegt die Eröffnung Perrys weichem Bariton mit "Children of the Sun", ein Stück vom 2012er Comeback-Album "Anastasis", das mit seiner gut tragende Brücke zwischen weitläufig-entschleunigtem Andachtshorizont und kurz angebundenem heißen Blechgebläse geradezu stichwortgebend ist für eine Erklärung dieser Band, deren Weltmusikladen nie zum Kaufhausgedudel taugte, nie schmierige Betroffenheit hofierte und in keinem Fall musikkulturell unterschiedlich Geprägtes mit der Brechstange kombinierte.

Dead Can Dance suchen nach wie vor in ihren Arrangements das Universelle, das alles Verbindende und zelebrieren Emotion, Weltenklang und dessen natürliche Schönheit in formstrengen Auftritten. In ihrer Konsequenz ist das für Schubladen jeglicher Art eigentlich ungeeignet. Für Zuhörer - Fans, Umarmende und Unwissende gleichermaßen - ein Fest.

Und so wirkt die Bühne, auf der Dead Can Dance zusätzlich mit vier zurückhaltenden Percussionisten und Tastensynthetikern arbeiten, auf den ersten Blick bescheiden. Einen zweiten Blick gibt es vielerorts nicht, denn für das sich hypnotisch und eingängig auftürmende "Rakim" schließt das gut gefüllte Zuschauerrund für Momente kollektiv die Augen, hier mit einem erregt-zufriedenen Grinsen, dort mit andächtigen Schweißperlen auf der Stirn.

Gerrards dünne Klöppel hüpfen dazu förmlich über das sonst auch gern gestrichene Yangqin, das chinesische Saiteninstrument mit dem gefühlt arabischen Klang, das fast durchgehend den Auftritt der Band begleitet. Ein Höhepunkt, der dann gut anderthalb Stunden durchhält, mit Stücken von fast allen Alben, die in der vermeintlichen Beschränktheit des Tour-Instrumentariums ein erstaunlich organisches Antlitz präsentieren. Mittendrin mochte man meinen, dass die sparsame Lichtdramaturgie am und hinter dem einen weißen Vorhang durchaus auch noch etwas konsequenter funktioniert hätte, wenn noch etwas weniger noch etwas mehr gewesen wäre.

Auf die sich drehenden, bunten Spiralen hätte man gern verzichten können, schließlich schaffen Dead Can Dance eine in erster Linie recht ungewöhnliche Atmosphäre und verkaufen kein Duschbad im Drogeriemarkt. Daher auch die geforderten nummerierten Sitzplätze.

Nebenbei funktioniert diese Musik irgendwie nicht - schaltet oder schweift man ab, beginnt das Getragene zu dudeln. Die Chance für einen unvergesslichen Abend: Scheuklappen. Zur Zugabe entheiligt man den Gestus zugunsten der Empathie mit Tim Buckleys "Song to the Siren". Umwerfend im Kopf und entsprechend nachhallend trotz eigentümlich statischer Show.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.06.2013

Niklas Sommer

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