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Das sechste Nordwind Festival in Hellerau beginnt morgen

Das sechste Nordwind Festival in Hellerau beginnt morgen

Beim diesjährigen Nordwind Festival im Europäischen Zentrum der Künste Hellerau präsentiert sich die etablierte freie Szene aus Nordeuropa. Manches davon wie die Iceland Dance Comapny ist andernorts bereits bestens bekannt.

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Das Motto "Balagan" des Festivals bedeutet kräftig zu rütteln, zu schütteln, für Unordnung zu sorgen, wenn vermeintlich unaufgebbare Ordnungen und Zuordnungen unmenschlich zu werden drohen.

Quelle: PR

Dresden. Für Carmen Mehnert, in Hellerau verantwortlich für Programmleitung und Performing Arts, gehört diese Company zu den besten des nördlichen Landes, besonders seit Erna Ómarsdóttir mit ihrer Kunst den modernen Tanz mit verschiedenen Traditionen Islands verbindet. In Dresden kommt "Black Marrow" zur Aufführung, beeindruckende Bilder, abgeleitet von Erscheinungen der Naturgewalten und Geschichten der Menschen, auch gepaart mit einem guten Schuss Humor, zeichnen diese Produktion aus. Gemeinsam mit ihrem Kollegen, dem Punk-Musiker Vladimir Jóhannsson, stellt Erna Ómarsdóttir in einer Lecture Performance ihr künstlerisches Konzept unter dem Motto "Borderline Musical" vor.

Und noch eine Gelegenheit, die Vielseitigkeit der beiden Ausnahmekünstler kennenzulernen, bietet sich, wenn beim Gastspiel der von ihnen gegründeten Formation Lazyblood zu Metal-Music, Folk aus Island, Electronica und Disco-Sound in einer "Electronic Metal Opera" das expressive Duo in Momenten von roher Kraft und poetischer Tiefe tänzerisch Posen und Formate des Pop dekonstruiert.

Aus Norwegen kommt der Tänzer Ludwig Daae mit seinem humorvollen Solo "MM" im Dialog mit Videoprojektionen des eigenen Körpers zum Nordwind Festival. Tilman O'Donnell aus Schweden kennt man als Tänzer der Forsythe Company. In Hellerau begibt er sich nun unter dem Titel "Whatever Singularity #453" in einen Dialog mit einem Video-Vortrag des 1937 in Rabat geborenen französischsprachigen Autors und Philosophen Alain Badiou.

So wie sich hier Formate und künstlerische Ansprüche mischen, performativ ineinander übergehen, so bringen Festivalbeiträge auch die Klangkunst des Nordens nach Dresden. Aggressiv kombinieren die Musiker von Supersilent aus Norwegen Free-Jazz und Rockmusik. Ganz anders das Programm "Im Spiegel der Zeit" des Yuxus Ensembles aus Estland. Unter der Leitung von Harry Traksmann, Konzertmeister beim Tallin Chamber Orchestra, dürften spannende Klangkorrespondenzen entstehen, wenn z.B. Werke von Erkki-Sven Tüür oder Arvo Pärt erklingen, dessen berührendes Stück "Spiegel im Spiegel" erstmals in Dresden aufgeführt wird.

Ganz anders wird es klingen in "Personal Symphonic Moment" von Elina Pirinen aus Finnland zum Abschluss des Festivals. Ihr Auftritt war ein Highlight beim diesjährigen Festival Tanz im August in Berlin. Jetzt, erstmals in Dresden, begibt sie sich mit ihren starken Tänzerinnen weniger narrativ, eher kreativ und dekonstruktiv auf eine freie, tänzerische Annäherung an Schostakowitschs siebte Sinfonie.

Für Carmen Mehnert ist dies ein wichtiger Teil des Programms, denn hier wird exemplarisch zu erleben sein, wie sich zeitgenössischer Tanz politischen Ansprüchen stellen kann, wie performative Kunst Denkgewohnheiten, Sichtweisen und Hörerfahrungen beim Publikum in ungewohnte Dimensionen führt. Und somit ist es für sie auch wichtig, drei Künstler aus Russland im Rahmen des Festivals nach Dresden zu bringen, deren Arbeiten aufs Engste mit ihren persönlichen Existenzen verbunden sind. "Resistance" heißt die Aktion von Andrej Kuskin, in der er sich gesundheitsschädigenden Ausdünstungen aussetzt, um die Falschbilder des Lebens, wie sie Hochglanzmagazine suggerieren, bei körperlichem Einsatz wegzuschrubben. "Sketch" ist der Titel seiner Installation im Nancy-Spero-Saal, bei der er mit transparentem Papier arbeitet, die durchscheinenden Wände nachzeichnet, sichtbar werden die Widersprüche zwischen Ideen und Realität, zwischen dem, was wir sehen sollen oder möchten, und dem, was wir in Wahrheit wahrnehmen.

Ob Pjotr Pawlenski zum Festival kommen wird, ist nicht sicher, noch ist er in Moskau inhaftiert, denn er hat vor wenigen Tagen die Tür des russischen Inlandgeheimdienstes in Brand gesetzt. Um Pussy Riot zu unterstützen, nähte er sich den Mund zu, um gegen repressive Grenzen zu protestieren, wickelte er sich in Stacheldraht. Der Aktionskünstler, dessen Mittel Blut und Schmerzen sind, will im Rahmen des Festivals seine Arbeiten präsentieren und sich dem Gespräch stellen.

Sicher, so Carmen Mehnert im Gespräch, hier geht man an die Grenzen. Aber für sie als Absolventin des Studienganges der angewandten Theaterwissenschaft in Gießen ist es wichtig, an die eigentliche Bedeutung des inflationär gewordenen Begriffs Performance mit gebotenem Nachdruck zu erinnern. Angeregt durch so wichtige Lehrer wie André Wirth oder Robert Wilson, durch freie Arbeiten mit John Jesurun in New York oder mit Mario Vargas Llosa in Lima, später gemeinsam mit Dieter Jaenicke beim Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg, beim Theaterfestival der EXPO in Hannover oder als Tanztheaterdramaturgin, kam sie bewusst 2009 nach Dresden, um an diesem Ort der Moderne in Hellerau entstandenen Traditionen gerecht zu werden. Aber dies nicht durch ein Übermaß an Rekonstruktionen, sondern eher im Sinne der Begründer der Hellerauer Ideen, durch das bewusste Ausreizen und Durchbrechen von Grenzen.

Heute ist für die in Peru als Tochter einer Peruanerin und eines deutschen Vaters aus Leipzig geborene, immer mehrkulturell geprägte Carmen Mehnert der Aufbruch in die Offenheit künstlerischer Formen und Experimente wichtiger denn je. Gerade, um Unsicherheit, Voreingenommenheit oder Angst vor fremden und unbekannten Menschen abzubauen.Und solche Ideen und zeitbezogenen Konzepte bestimmen für sie in hohem Maße das komprimierte Programm des Nordwin-Festivals in diesem Jahr. Dass der Wind aus dem Norden oder Nordosten mitunter mal scharf wehen kann, sollte niemanden davon abhalten zu kommen.

Und ob die ganze Mühe, das ganze Engagement Sinn machen angesichts der aktuellen Situation, gerade in Dresden? Das wird sich zeigen für Carmen Mehnert, die im Gespräch davon berichtet, dass sie immer wieder gefragt wird, wann sie denn nun endlich diese Stadt verlassen werde. Nicht gehen, bleiben, so ihre Antwort. Arbeiten, wenn nötig auch den Widerspruch provozieren, das ist für sie derzeit die Herausforderung in Dresden. Der will sie sich stellen, auch mit dem Programm des Festivals unter dem Motto "Balagan". Das bedeutet kräftig zu rütteln, zu schütteln, für Unordnung zu sorgen, wenn vermeintlich unaufgebbare Ordnungen und Zuordnungen unmenschlich zu werden drohen. Da kann ein scharfer Wind nicht schaden.

Nordwind Festival, 20. bis 28. November www.hellerau.org

Boris Gruhl

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