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Das Subkultur-Festival „Intermedia I“ in Coswig 1985 – Erinnerung und Diskussion

Im Dresdner Albertinum Das Subkultur-Festival „Intermedia I“ in Coswig 1985 – Erinnerung und Diskussion

Im Rahmen der Ausstellung „Geniale Dilletanten. Subkultur der 1980er Jahre in West- und Ostdeutschland“ diskutierten Zeitzeugen und Wissenschaftler im Albertinum über das Festival „Intermedia I“, das 1985 in Coswig bei Dresden veranstaltet wurde. Als eines der folgenreichsten Kulturereignisse der letzten Jahre der DDR wurden hier künstlerische und politische Freiräume ausgetestet.

Ausstellungsansicht mit zwei bemalten Faltrollos für das Festival „Intermedia I“ 1985 von Hans J. Schulze und Christine Schlegel sowie Detlef Schweigers „Findling“ von 1987 (v.l.n.r.)

Quelle: Teresa Ende

Dresden. Als „Gleichklang der Herzen“ bezeichnete einmal der Leipziger Fotograf Erasmus Schröter das Zusammentreffen der unterschiedlichsten Vertreter der Subkultur-Szene der DDR auf dem Festival „Intermedia I“ in Coswig 1985. Er charakterisierte damit die inzwischen einigermaßen legendäre, zwei Abende währende gemeinsame Veranstaltung von 40 unangepassten Malern, Freejazz- und Punk-Musikern, Super-8-Filmern und Tanz-Performern, die am ersten Juniwochenende 1985 im alten Ballsaal des dortigen Klubhauses zusammenkamen. Das Gegenkultur-Festival wurde von wohl mehr als 1200 Eingeweihten besucht (die Angaben zur Zahl der Teilnehmer schwanken zwischen 1000 und 1600), darunter Aussteiger und Ausreisewillige ebenso wie vergnügungshungrige „Normalbürger“.

Über das Festival und seine Folgen diskutierten jetzt im Lichthof des Albertinums der Kultur- und Kunstwissenschaftler Paul Kaiser mit drei an dem Ereignis unmittelbar Beteiligten: Mit Christoph Tannert, Leiter des Künstlerhauses Bethanien in Berlin, der das Festival damals gemeinsam mit Micha Kapinos organisiert hatte und der für den „Ost“-Teil der Sonderausstellung „Geniale Dilletanten“ kuratorisch verantwortlich zeichnet (DNN berichteten); mit der Künstlerin und aktiven Festival-Teilnehmerin Christine Schlegel sowie dem Filmemacher Thomas Claus, Autor, Regisseur und Produzent der Dokumentation „Spuren des Performativen – Die Intermedia I in Coswig 1985“, die anlässlich der Albertinumsschau entstand und dort zu sehen ist. Die Ausstellung „Geniale Dilletanten. Subkultur der 1980er Jahre in West- und Ostdeutschland“ ist eine Tournee-Ausstellung des Goethe-Instituts, wobei in der Dresdner Fassung auf Initiative der Albertinumschefin Hilke Wagner ein gleichwertiger Fokus auf die alternative Szene in der DDR gelegt wird. Entsprechend bildet „Intermedia I“ einen Fixstern der Ausstellung in Dresden – anders als bei den übrigen Stationen.

Allein, der Blick auf die Szene im Osten und Ereignisse wie „Intermedia I“ ist entscheidend, so wurde während der lebendigen und gewinnbringenden Diskussion überdeutlich, um die produktiven Überlappungen und Verschränkungen von bildender Kunst, Literatur und Musik (insbesondere der Freejazz-Szene) in der DDR wieder sichtbar zu machen, die Zwänge und „extremen Absurditäten“ (Christine Schlegel) des Kunstbetriebes und der Strukturen in der DDR zu verstehen – und heute allzu simple Kategorisierungen und Zuweisungen zu vermeiden.

„Intermedia I“ 1985

Unter dem Motto „Intermedia. Klangbild/Farbklang“ verfolgten die Veranstalter das Ziel, schon existierenden künstlerischen Grenzüberschreitungen, die ansonsten nur im privaten Rahmen realisiert wurden, eine Plattform zu geben, also „den Zeitgeist auf großer Bühne öffentlich zu machen“, so Claus. Es gab ein Budget von „ein paar Tausend Ostmark“, erläuterte Tannert, das vornehmlich durch den relativ hohen Eintrittspreis von 12 Mark und Gelder des Coswiger Klubhauses gedeckt wurde. Geworben wurde nur mittels zweier Postkartenmotive, fotografisch abgezogen und dreihundertfach verschickt; ansonsten vertraute man auf Mundpropaganda.

Der Veranstaltungssaal war mit bemalten Faltrollos von 40 Künstlern aus Berlin, Dresden, Leipzig, Erfurt, Magdeburg, Cottbus und Schwerin geschmückt, darunter Arbeiten von Micha Brendel, Lutz Fleischer, Hubertus Giebe, Angela Hampel, Andreas Hegewald, Johannes Heisig, Veit Hofmann, Christiane Just, Petra Kasten, Michael Kunert, Walter Libuda, Reinhard Sandner, Hans Scheuerecker, Wolfgang Smy und Gudrun Trendafilov. In der Ausstellung sind zwei dieser großformatigen, von gestischen Figuren bevölkerten Faltrollos von Christine Schlegel und Hans J. Schulze zu sehen.

Die Darbietungen reichten von wilden Malperformances, Filmvorführungen und ebenso ekstatischen wie experimentellen Konzerten bis hin zu subtil-merkwürdigen künstlerischen Darbietungen; in den Umbaupausen wurde zu Independent und Jazz aus der Konserve getanzt. Mehr als sonst arbeiteten die Künstler in Coswig intensiv mit Vertretern anderer Gattungen zusammen und erforschten so neue Ausdrucks- und Erfahrungsmöglichkeiten von Kunst: Die Dresdner Maler Andreas Hegewald, der im Albertinum mit dem „AUS REISE“ betitelten Gemälde einer zwischen zwei Welten zerrissenen expressiven Figur vertreten ist, Klaus Werner und Dietmar Zaubitzer experimentierten mit Klangkunst. Der Leipziger Lutz Dammbeck brachte in der Rauminszenierung „Herakles“ Film, Malerei, Musik und Tanz zusammen. In einem Klangexperiment trat Hans J. Schulze mit der Gruppe „Pf...“ auf. Christine Schlegel präsentierte einen von ihr gedrehten Super-8-Film mit verfremdetem Filmmaterial, in deren Vorführung die Tanzperformerin Fine Kwiatkowski live eingriff.

Programmatische Grenzüberschreitung

Gerade die Praxis der Grenzüberschreitung von einem künstlerischen Medium zum anderen war eine Strategie in der DDR-Subkultur der 1970er- und 1980er-Jahre und wurde von Protagonisten wie A. R. Penck vorangetrieben. Das hier anarchisch ausgelebte Aufbrechen künstlerischer Grenzen richtete sich gegen die erstarrten Strukturen im Kunstbetrieb der DDR ebenso wie gegen die (kultur)politischen Richtlinien der SED. Denn die Reglements des Verbands Bildender Künstler der DDR erlaubten die Betätigung in nur einem, dem jeweils genehmigten künstlerischen Gebiet – intermediale künstlerische Aktivitäten waren nicht vorgesehen. Die Missachtung dieser Richtlinien im großen Stil und auf großer Bühne wie in Coswig 1985 war ein deutlicher Ruf nach Veränderung der bestehenden Verhältnisse. Sie waren nicht kunst- oder medientheoretisch basiert, sondern Ausdruck eines starken Freiheitsimpulses, so Schlegel und Tannert übereinstimmend.

Die zuständigen Partei- und Kulturfunktionäre hatten das Festival, über das auch Medien der BRD berichteten, zunächst genehmigt. Allerdings wurde der Leiter des Klubhauses, Wolfgang Zimmermann, zwei Monate nach der Veranstaltung abgesetzt. Auch Künstlerinnen und Künstler hatten in der Folge unter Repressalien zu leiden, viele verließen in der Folge die DDR. Entsprechend blieb „Intermedia I“ – anders als ursprünglich geplant – das einzige Festival dieser Art.

Fortsetzung dringend nötig

Dass diese Diskussionsveranstaltung im Rahmenprogramm der Ausstellung „Geniale Dilletanten“ eine vergleichsweise große Aufmerksamkeit erfuhr, liegt nicht nur an den sämtlich gut gewählten Gesprächspartnern und ihren höchst interessanten, zum Teil anekdotisch-humorvollen Ausführungen zu den Geschehnissen rund um das Festival 1985. Viele Zuhörer kamen sicherlich auch in der Hoffnung, die Diskussion werde sich stärker in eine andere Richtung entwickeln oder: entladen. Schließlich hatte der Moderator des gut geführten Gesprächs, Paul Kaiser, die Staatlichen Kunstsammlungen insgesamt und Hilke Wagner im Besonderen in der Sächsischen Zeitung unlängst scharf für ihren Umgang mit Kunst aus der DDR kritisiert. In dem Artikel „Wende an den Wänden“ vom 18. September warf er dem Haus vor, „in der DDR mit großem Erfolg gezeigte“ Werke „ausgemustert“ und ins Museumsdepot „entsorgt“ zu haben.

Tatsächlich berührte die Diskussion immer wieder Fragen nach der heutigen Bewertung – nicht nur der des Subkultur-Festivals in Coswig, sondern nach der Rolle seiner Protagonisten im vereinten Deutschland und schließlich nach dem aktuellen Umgang mit ihnen und ihren Werken. Christine Schlegel sprach sich gegen die zur Disposition stehende Wiederaufwertung der Werke von „staatsgebundenen“ Künstlern in der DDR aus und wies auf die besonderen Schwierigkeiten der Künstler hin, die in die BRD ausreisten, wie Ralf Kerbach, Helge Leiberg, Cornelia Schleime und viele andere, Schlegel eingeschlossen, die sich hernach wiederum isoliert und „abgedrängt in Reservate“ wiederfanden und deren Bedeutung sich im Kunstmarkt nicht adäquat widerspiegelt.

Es braucht mehr derartige, in Fairness und Offenheit geführte Gespräche wie dieses im Albertinum, wenn wir jenseits von Anschuldigung oder Verklärung das facettenreiche künstlerische Wirken in der DDR und die Bedingungen, die sie formte, sichtbar machen und reflektieren wollen. Es braucht dreierlei, so Christoph Tannert: „das Gespräch, den Streit und das Vorzeigen der Werke“.

Die Sonderausstellung „Geniale Dilletanten. Subkultur der 1980er Jahre in West- und Ostdeutschland“ im Albertinum läuft bis 19.November. Geöffnet täglich 10 bis 18 Uhr, Montag geschlossen.

www.skd.museum.de.

Von Teresa Ende

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