Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Das NDR-Sinfonieorchester und das Curtis Institute of Music aus Philadelphia bei den Dresdner Musikfestspielen

Das NDR-Sinfonieorchester und das Curtis Institute of Music aus Philadelphia bei den Dresdner Musikfestspielen

Schön, dass die Dresdner Musikfestspiele alljährlich die Welt nach Dresden holen. So erlebt man in drei Wochen, was musikalisch in den Kulturmetropolen geschieht - im Jahreslauf geschieht dies allzu selten.

Voriger Artikel
Dietrich Fischer-Dieskau, der wichtigste deutsche Bariton des 20. Jahrhunderts, ist tot
Nächster Artikel
42. Dixieland Festival Dresden auf dem Höhepunkt – Jung und alt wippen im Takt

Dabei war das Gastspiel des NDR-Sinfonieorchesters in der Semperoper mehr als eine schöne Geste, schließlich reiste man von der Elbe an die Elbe, und Hamburg und Dresden pflegen ja seit 25 Jahren eine Städtepartnerschaft. Das Orchester konzertierte unter der Leitung seines neuen Chefdirigenten Thomas Hengelbrock, und dieser brachte gleich Hamburgs berühmtesten Sohn mit: Johannes Brahms traf im Konzert auf Robert Schumann, da brauchte es keinerlei Ouvertüre oder Solistendarbietung mehr. Diese Begegnung ist stets eng, intensiv und mit reichlichem Zugewinn zu genießen. Die 3. Sinfonie Es-Dur, die "Rheinische Sinfonie" des Wahl-Düsseldorfers Schumann, inszenierte Hengelbrock als ausgereiftes Meisterwerk voller Temperament und rauschhafter Ideenentfaltung. Innig, aber dennoch flüssig gerieten die Mittelsätze; der vierte Satz wurde nicht als Weltuntergang betrachtet, sondern demonstrierte mit schönen gedeckten Farben ein Innehalten vor dem sprühenden Finale. Hengelbrocks flexibles und aktives Dirigat zauberte einen exorbitanten Farbreichtum im Zusammenspiel, aber auch im Einzelton jeder Orchestergruppe hervor.

Zu einem weiteren Höhepunkt geriet nach der Pause die Aufführung der 1. Sinfonie c-Moll von Brahms. Hengelbrock verstand sie als einen sinfonischen Befreiungsschlag voller Leidenschaft, die mit bemerkenswerter Agogik in allen Sätzen dargestellt wurde. Überraschend verteilte Hengelbrock die Kontrabässe auf beide Bühnenseiten und erreichte so eine tolle Raumwirkung. Kurz stockte der Atem, als der Dirigent im 4. Satz die suchenden Pizzicati der Streicher allein musizieren ließ. Gehör und Vertrauen sorgten hier aber genau für die passende Zielrichtung. Mit Sorgfalt für kleine Details, ein wenig offenem Potenzial in wichtigen Pausen und Übergängen, aber auch mit dem Mut zu einem letzte Kräfte bündelnden Vorwärtsdrang im Tutti schuf Hengelbrock eine Interpretation, die das Werk vor dem Ohr neu entstehen ließ. Mit einer Zugabe von Dvorák bedankte sich das Ensemble für den Jubel des Publikums.

Kammermusik-Marathon

Nach dem Eröffnungskonzert der Dresdner Musikfestspiele bot sich in der "Gläsernen Manufaktur" die Gelegenheit, die Studenten des Curtis Institute of Music aus Philadelphia in einer Vielzahl von Kammerbesetzungen zu hören. Die Hintergrundgeräusche um die Bühne auf der weitläufigen Empore verlangten bei bald vier Stunden Musik nicht nur die dafür nötige Konzentration, sondern zusätzlich Kraft, um Wesentliches von Unerwünschtem zu trennen. Dieser Aufgabe wollten sich weit weniger Zuhörer unterziehen, als Stühle aufgestellt waren, und deutlich vernehmbar saß unter den Gekommenen ein enthusiastischer Fanblock. Die Ankündigung zu den Auftritten des "Curtis" fiel im Vorfeld nicht weniger enthusiastisch aus, doch mit reichlich Eindrücken vom "Curtis Kammermusik-Marathon" versorgt, fällt eine emphatische Nachlese eher schwer.

In drei Abteilungen waren Kompositionen aus Klassik, Romantik und klassischer Moderne mit Wiener oder Budapester Provenienz mit je einer Komposition von Studenten des Curtis Institute zusammengestellt. Die zeitliche Lücke - zweite Wiener Schule bis zur Gegenwart - blieb leer. Alle drei Komponisten mit Geburtsjahren um 1990 zeigten keinen Drang zum Experimentieren. Daniel Temkin (*1986) war mit seinem "Brass Quintet" ebenso konventionellen Harmonieschemata verhaftet, wie Katerina Kramarchuk (*1988) bei "Tides of Solitude" (Fagott, Violine, Cello, Klavier). Stücke mit Programm waren alle drei, auch wenn Gabriella Smith (*1991) mit "Kisiabaton" (Oboe, 2 Violinen, Viola, Cello) den weitesten Schritt zu einer musikalisch freien Gestaltung ging. Ornithologisch Lautmalerisches wurde hier mit neueren Mitteln (Geräusche, Spaltklänge, Glissandi) illustriert. Die jeweiligen Ensembles waren mit die stärksten des Konzerts.

Der mittlere Block enthielt neben den leidenschaftlich und mit rhythmischer Präsenz gespielten "Tides of Solitude" in Bartoks "Kontraste" für Klarinette (Stanislav Chernyshev), Violine (Nigel Armstrong) und Klavier (Yue Chu) den fraglos musikalisch intensivsten und im Spiel freiesten Vortrag. Auch Brahms' Trio für Klavier, Violine (Hannah Ji) und Horn (Katherine Jordan) Es-Dur besaß Energie, wenngleich die Musiker die aufgenommene Spannung nicht konsequent bis zu den Satzenden weiterzutragen vermochten und vieles holzschnittartig blieb. Pianist Yue Chu war kein adäquat gestaltender Partner, sondern musste von seinen Kollegen förmlich mitgezogen werden.

Einer Achterbahnfahrt glich das Zuhören bei Ernst von Dohnányis "Serenade" op. 10 (Yiying Julia Li, Violine; Ren Martin-Doike, Viola; Tessa Seymour, Violoncello). Manches in diesem unterhaltsamen Werk gelang wirklich reizvoll, dann wieder tasteten sich die Musikerinnen zaghaft durch große melodische Bögen. Trotz allem blieb der Charakter des Ganzen deutlich.

Offensichtliche Schwierigkeiten zeigten sich bei Joseph Haydns Streichquartett Nr. 23 f-Moll, Beethovens Streichquartett Nr. 16 F-Dur sowie seiner Sonate für Klavier und Violoncello A-Dur op. 69, in denen Unklarheiten über die Zusammengehörigkeit von Abschnitten oder klangliche Merkwürdigkeiten noch die geringeren Probleme waren.

Wertvoll war diese Begegnung mit dem musikalischen Nachwuchs aus Übersee unbedingt, denn sie erlaubt den Vergleich mit dem Stand der Ausbildung hier, und nicht zuletzt können hiesige Musikschüler und Lehrer ihre eigenen Schlussfolgerungen daraus ziehen.

Sonntag

Das Mahler Chamber Orchestra und Leif Ove Andsnes (Dirigent und Solist) bringen 11 Uhr in der Semperoper Beethovens 1. und 3. Klavierkonzert zu Gehör, außerdem Strawinskys "Apollon Musagète". Auf Schloss Wackerbarth ist 16 Uhr und 20 Uhr das ungarische Volksmusikensemble "Muzsikás" mit traditioneller Musik der Dörfer seiner Heimat zu hören. In der Semperoper spielt 18 Uhr die Tschechische Philharmonie unter Ingo Metzmacher Werke von Janácek, Dvorák und Schönberg; Solist ist Martin Stadtfeld (Klavier).

www.musikfestspiele.com

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.05.2012

Alexander Keuk Hartmut Schütz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr