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Das London Philharmonic Orchestra begeisterte im Kulturpalast

Dresdner Musikfestspiele Das London Philharmonic Orchestra begeisterte im Kulturpalast

Das London Philharmonic Orchestra begeisterte am Montag und Dienstag mit zwei Konzerten bei den. Unter Leitung von Vladimir Jurowski musizierte das Orchester mit gleich drei hochkarätigen Solisten und interpretierte große Sinfonik von Mahler und Schostakowitsch. Im Rahmen der Konzerte wurde dem britischen Cellisten Steven Isserlis der diesjährige Glashütte MusikfestspielPreis verliehen.

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Der Brite Steven Isserlis erhält als erster Cellist den seit 15 Jahren bestehenden Glashütte Original MusikFestspielPreis

Quelle: Oliver Killig

Dresden. Einen deutlichen Schwerpunkt bei den diesjährigen Dresdner Musikfestspielen bilden Gastspiele namhafter Orchester aus aller Welt – mit dem wiedereröffneten Kulturpalast steht nun auch ein Saal zur Verfügung, der den berühmten Blick über den Tellerrand, Vergleiche und einzigartige Erlebnisse sinfonischer Konzerte ermöglicht. Das London Philharmonic Orchestra konnte man in einer kleinen Residenz gleich zwei Mal erleben – es gastierte zum ersten Mal bei den Musikfestspielen. Dafür leistete sich das Orchester sogar eine kurze Unterbrechung der berühmten Glyndebourne Opernfestspiele, die vor wenigen Tagen mit Verdis „La Traviata“ begonnen haben.

Der Chefdirigent des Londoner Orchesters ist in Dresden kein Unbekannter, doch auch für Vladimir Jurowski, der seit über zehn Jahren die Geschicke des Ensembles leitet, war es eine Premiere im Kulturpalast. Drei Konstanten gab es in den beiden Konzerten: hochkarätige Solisten, jeweils ein großes sinfonisches Werk und einen „Starter“ mit einem Stück von Michail Glinka. Mit spanischen Melodien und französisch inspirierten Walzern pirschte sich der Komponist an russlandfremde Genres heran, dennoch sind ihm mit der „Walzer-Fantasie“ und der spanischen Ouvertüre Nr. 2 „Erinnerung an eine Sommernacht in Madrid“ typische, reizende Zeitgemälde gelungen. Mit offenen Ohren und viel Sensibilität für die Linienzeichnung gelang dem London Philharmonic hier der Konzerteinstand, bevor man mit den Instrumentalkonzerten zu größeren Taten aufbrach: am ersten Tag war es das 1. Klavierkonzert e-Moll von Frédéric Chopin, mit dem der 22-jährige kanadische Pianist Jan Liesiecki das Publikum begeisterte.

Völlig zu Recht, denn nach dieser klangschönen Darbietung möchte man meinen, in seiner Generation sollte man ihn wohl als allerersten Pianisten zu Chopin befragen. Liesiecki hat Antworten, und die veredeln und vergolden die Noten des polnischen Klavierzauberers – nicht mit Pathos, sondern mit einem unglaublichen Gespür für die kleinsten Nuancen, für Längen und Anschlag. Da steckt Konzept dahinter, aber auch sehr viel Seele. Letzteres bewies auch die Zugabe: So viel Seelendrama in fünf Minuten Musik wie in dem von Lisiecki unnachahmlich dargebotenen ersten Nocturne aus Opus 48 erlebt man selten.

Vladimir Jurowski beschloss das erste Konzert mit Gustav Mahlers 4. Sinfonie, dieser liedhaften Idylle, die in ihrer steten Reduktion, in Abbrüchen und sinnlich entworfenen Karikaturen die Welt nicht aus den Angeln hebt, aber uns doch zumindest sanft irritiert. Dies schien auch die Botschaft von Jurowski zu sein, der mit seinem Orchester eine sehr genaue Pastellzeichnung entwarf und somit die wenigen Höhepunkte des Werkes kraftvoll entfalten konnte. Die russische Sopranistin Sofia Formina hob dann die Sinfonie mit dem Wunderhorn-Lied im 4. Satz endgültig ins Engelhafte, Unirdische. Sie vertraute dem ruhigen Fluss ihrer hellen Stimme und bewahrte das sinfonische Kleinod damit vor zu viel Künstlichkeit.

Einen Tag später betrat nach dem feurigen Kastagnetten-Entrée von Glinka der englische Cellist Steven Isserlis die Kulturpalast-Bühne. Isserlis erhielt als erster Cellist den seit 15 Jahren bestehenden Glashütte Original MusikFestspielPreis; damit wurde sein Lebenswerk, aber auch sein jahrelanges Engagement für den Nachwuchs – Isserlis ist unter anderem Autor mehrerer Kinderbücher – gewürdigt. Als Isserlis den Preis aus den Händen von Festspielintendant Jan Vogler erhielt, dankte er mit den Worten „Ich glaube, man kann sagen, dass ein singendes Kind generell ein glückliches Kind ist, und je mehr wir großartige Musik in das Leben der Kinder bringen, desto besser werden ihre Lebenserfahrungen sein.“

Vor der Preisverleihung stand für den Cellisten noch ein hartes Stück musikalische Arbeit an: das Cellokonzert e-Moll op. 58 von Sergej Prokofjew ist selten auf den Bühnen zu hören, und sicher ist dieses Werk alles andere als ein leichter Snack, den man nebenbei genießen kann. Nicht freizusprechen von einer Ambivalenz war die Darbietung des Werkes. Isserlis arbeitete wunderschöne lyrische Momente aus, zeigte sich technisch zumeist souverän und komplett emotional im Zugang. Die Schwächen des Werkes, das sich ein ums andere Mal in sich selbst vergräbt, hebelt auch ein Weltklasse-Interpret kaum aus, doch genau dieses grüblerisch-derbe Element weiß Isserlis natürlich mit dem passenden Ton zu modellieren. In vom Orchester (sensibel!) begleiteten Passagen verschwand Isserlis Instrument leider, wenn der Satz zu dicht wurde. Geräuschhaftes blieb übrig – erneut müsste hier über die Möglichkeiten und Grenzen der Saalakustik diskutiert werden. Die von Isserlis fast wie eine Improvisation angegangene Kadenz des Konzertes und seine Zugabe, „Der Gesang der Vögel“ von Pablo Casals, waren dann ein versöhnlicher Genuss, bevor das Schlussstück des Gastspiels des London Philharmonic Orchestra erneut in schwermütige Gefilde führte: Dmitri Schostakowitschs letzte, seine 15. Sinfonie schwankt zwischen Groteske und bitter-trauriger Erinnerung; immer tönt unaufhaltbar verrinnende Zeit in tickenden Schlagzeugpassagen durch. Von hervorragend nachvollziehbarer Transparenz war Jurowskis Interpretation, wobei das rasante Tempo des Allegretto-Kopfsatzes überraschte und neue Hörhorizonte ermöglichte. Da klangen die Motivzitate plötzlich nicht „wie Rossini“, sondern Schostakowitschs eigene Lesart im Zusammenhang behielt immer die Oberhand. Unglaublich zarte Blechbläserfarben kontrastierten im Finalsatz eine vom Orchester gemeinsam angegangene, darum sehr gewaltige Steigerung, nach der das „Uhrwerk“ der Sinfonie rasch sein Ticken einstellt. Zwei Tage Darbietung feinster Orchesterkultur fanden damit einen fulminanten Abschluss.

Von Alexander Keuk

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