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Das Dresdner Schauspiel lockt in der Adventszeit mit Funkes „Herr der Diebe“

Bühnenpremiere für den Kinderbuch-Klassiker Das Dresdner Schauspiel lockt in der Adventszeit mit Funkes „Herr der Diebe“

Cornelia Funkes Kinderbuch-Klassiker „Herr der Diebe“ feiert die Kindheit in all ihren Facetten: mit Erwachsenen, die gerne wieder Kinder wären, und Kindern, die nichts lieber wollen, als möglichst schnell erwachsen zu sein. Die Weihnachtsinszenierung 2017 am Staatsschauspiel Dresden hatte Premiere

„Herr der Diebe“ am Staatsschauspiel Dresden

Quelle: Sebastian Hoppe

Dresden. Die Serenissima gibt es nicht nur als Bühnenbild, sondern auch als Bastelbogen im großformatigen Programmheft. San Marco inclusive Turm, Paläste wie auch die Halbruine des verlassenen Kinos „Stella“, die der Kindergang als Unterschlupf dient. Die preisen in einem Lied den geflügelten Löwen von San Marco, der die Kinder in Venedig beschützt. Nein, das ist kein reduziertes Bühnenbild von Olaf Altmann. In dem jetzt am Staatsschauspiel Dresden angelaufenen Weihnachtsschlager gibt Alain Rappaport den Kinderaugen Opulentes zu schauen. Der Bestseller „Herr der Diebe“ von der anscheinend unersetzbaren Cornelia Funke spielt in Venedig, also kommt auch Venedig in üppiger Ausstattung auf die Bühne. Auf die Drehbühne, denn so ist ein schneller Schauplatzwechsel ohne Blacks möglich. Die Spieler steigen über Treppen und Türen sogar von außen ins Innere des Kinos oder von Idas Haus. So naturalistisch die Kulissen auch gehalten sind, kitschig wirkt das nicht. Naja, wenn dann auch Boote über die Bühne schippern, die so gar nicht an Gondeln erinnern, darf man nachsichtig schmunzeln.

Cornelia Funke hat seit vielen Jahren so etwas wie ein Abonnement auf den Adventsspielplan des Schauspielhauses, angefangen von „Tintenherz“ bis zu „Reckless“. Hinzu kommen die Bekanntheit des im Jahr 2000 erschienenen Buches „Herr der Diebe“ und seine Verfilmung. Eine sichere Bank also, und auch diesmal gab es herzlichen bis begeisterten Applaus. Die Zielgruppe ab acht Jahren ging auch aufmerksam mit. Den Spielern im ohnehin stark verjüngten Ensemble der Intendanz Joachim Klement merkte man an, wie gern sie für die Kinder spielen. Und doch lief diese Geschichte irgendwie nicht auf allen zwölf Zylindern, riss sie nicht so mit wie die möglicherweise verklärende Erinnerung an vergangene Weihnachtsinszenierungen. Verglichen etwa mit der sich wie von selbst ergebenden Situationskomik in Oscar Wildes „Gespenst von Canterville“ etwa oder der Poesie von „Reineke Fuchs“.

Der Kinderkrimi von Venedig ist ja auch über lange Strecken simpel erzählt, verwirrt erst gegen Ende und wirkt auch in der Dresdner Bühnenfassung zum Finale eilig zusammengerafft. Die Hamburger Brüder Prosper und Bo reißen nach dem Tod ihrer Mutter nach Venedig aus, weil sie sich nicht von Tante Esther adoptieren lassen wollen. Dort geraten sie in eine recht liebenswürdige Bande von Outlaws mit ihrem Herrn der Diebe, der gar kein Waise ist, sondern den eigenen reichen Vater beklaut. Während die Fahndung der Tante nach den Kindern über einen Detektiv läuft, bekommt die Truppe den Auftrag ihres jungen Lebens. Ein mysteriöser Löwenflügel soll gestohlen werden. Er gehört, wie sich herausstellt, zu einer Löwenfigur eines Karussells auf einer vorgelagerten Insel, das je nach Fahrtrichtung eine schlagartige Alterung oder Verjüngung der Mitfahrer bewirkt. Am Happy Ende klappt es mit der Resozialisierung der Bande, es herrscht Vollbeschäftigung, und sogar bei Ida und Detektiv Victor ist ein kleen Stickchen Glick im Spiel.

Eben dieser Victor ist in seiner Anlage und in der Art, wie ihn Moritz Dürr spielt, die Brückenfigur zwischen Bühne und Publikum schlechthin. Ein bisschen raffiniert, ein bisschen vertrottelt, letztlich ein Helfer. Ida alias Nadja Stübiger, die nach dem Holzflügel suchen lässt, ist das weibliche Pendant und nach Typ die handfeste Calamity Jane von Venedig. Richtig üble Bösewichte gibt es im Stück eigentlich nicht. Und wenn, dann erscheinen sie bei Philipp Lux, der gefühlt zwei Dutzend Mal die Rolle wechselt, stets komödiantisch angehaucht. Die Kinderbande, überwiegend mit Studenten des Schauspielstudios besetzt, spielt und singt leidenschaftlich. Paul Wilms und Tillmann Eckardt als entflohene Brüder spielten sich besonders in die Herzen der Zuschauer. Die flotte „Wespe“ von Marina Poltmann gewiss auch. Ihr blieb eine von Kindern gewiss nicht gleich verstandene Spitze gegen die gegenwärtige Anklage- und Selbstbezichtigungswelle vorbehalten, als sie sich an Detektiv Victor heranschmiss und zugleich etwas von sexueller Belästigung kreischte.

Regisseur Niklaus Helbling macht besonders im zweiten Teil im wahrsten Wortsinn großes Kino, lässt das Boot mit Videohilfe täuschend echt auf stürmischen Wellen schaukeln oder die Karussellinsel explodieren. Was er nicht geschafft hat: Gerade den Schauspieleleven Sprechkultur beizubringen oder andernfalls etwas Tempo herauszunehmen. Besonders bei den Turbulenzen im ersten Teil hätte sich mancher Besucher eine Übertitelung gewünscht.

Von Michael Bartsch

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