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Das Däschdlmäschdl eines Erotomanen

Im Pauls-Theater Pirna Das Däschdlmäschdl eines Erotomanen

Sachsens Kurfürst August der Starken ist als Schwerenöter in die Geschichtsbücher eingegangen. Von diesem Mythos lebt die Revue „Däschdlmäschdl auf Sächsisch“, die jetzt im Tom-Pauls-Theater in Pirna Premiere hatte. Im Zentrum stehen einmal mehr August der Starke und die bis heute schillerndste all seiner Mätressen: die Gräfin Cosel.

Tom Pauls gibt August den Starken.

Quelle: PR

Pirna. Wirft man, ob nun amüsiert, irritiert oder genervt, einen Blick in den mal wieder kräftig rauschenden Blätterwald, dann könnte ja derzeit ob des Sachsen-Bashings der Eindruck entstehen, dass Sachsen einst ein Fehleinkauf von Helmut Kohl war. Vom Musterknaben-Image ist einstweilen nichts geblieben, was sich hingegen gut gehalten hat, ist der Ruf Augusts des Starken als Schwerenöter.

Von diesem Mythos lebt nicht zuletzt die Liebesrevue „Däschdlmäschdl auf Sächsisch“, die jetzt im Tom-Pauls-Theater in Pirna Premiere hatte. Im Zentrum stehen einmal mehr August der Starke und die bis heute schillerndste all seiner Mätressen: die Gräfin Cosel. Nun ist das natürlich so eine Sache, man weiß durchaus heute, dass es um den Wahrheitsgehalt dessen, was insbesondere Freiherr Karl Ludwig Wilhelm von Pöllnitz (1692-1775) in seinem seinerzeit berühmten, in zahlreichen Auflagen gedruckten Buch „La Saxe galante“ über die Liebesabenteuer August des Starken schilderte, eher mäßig bestellt ist.

Aber egal, im diesem Stück begegnet ein Nachtwächter namens Bernd (Tom Pauls) also dem unsterblichen, seit 300 Jahren durch die Mauern der Burg Stolpen spukenden Geist der Cosel – und wittert erst mal Terrorgefahr, einen Fall für SEK und DAK. Das ist aber nur die Rahmenhandlung des nach einem Text von Mario Süßenguth von Irina Pauls, der Schwester von Tom Pauls, in Szene gesetzten Stücks. An sich wird von Laaß und Pauls vor Augen geführt, was der Jungspund Friedrich August auf seiner Kavalierstour 1687 bis 1689 so erlebt. Manieren und Kunstverständnis soll er endlich lernen, aber der fromme Wunsch der sittenstrengen Mutter erfüllt sich nicht, was für Sachsens Tourismusindustrie bis heute natürlich ein unglaubliches Glück darstellt. Denn ganz ehrlich, es ist besser, einen Monarchen mit dem Beinamen der Starke und dem Ruf eines Frauenhelden zu vermarkten, als Herrscher, die – man hat eben den Mächtigen früher nicht nur schöngetan – mit Beinamen wie der Wahnsinnige, der Stammler oder der Dicke in die Geschichtsschreibung Eingang fanden.

Ob Paris, Madrid oder Venedig – August der Starke (auch Pauls), der unglaublich froh ist, dass er Dresden, „dieses Tal der Ahnungslosen“, endlich mal hinter sich lassen konnte, macht also allerlei Damen den Hof, meist nicht gerade galant, aber doch ziemlich erfolgreich. In der Serenissima füllt der Elbtaler Schürzenjäger sich zudem derart mit Alk(ohol) ab, dass ihm das zweifelhafte Etikett „Wüstling von Venedig“ angehängt wird. Und in Wien wird ihm geweissagt, dass er alsbald Kurfürst Sachsens wie auch König von Polen sein wird. Historisch stimmt natürlich hinten und vorne nichts – und das liegt nicht nur an dem einen oder anderen eingestreuten Gag mit Zeitbezug, etwa wenn vom K-Block die Rede ist, der begeistert ist ob der Künste des Sachsen als Stierkämpfer, oder mal eben die Marseillaise angestimmt wird, die zu Augusts Lebzeiten schlicht noch nicht den Adel Europas erschauern ließ, da sich eine Revolution in Frankreich noch nicht mal als Silberstreif am Horizont abzeichnete.

Alles in allem ist der Pointen- und Gagfaktor nicht ganz so hoch wie in anderen Produktionen des Hauses, gleichwohl hat die Angelegenheit ihren Reiz und Unterhaltungswert. Das liegt am Spiel von Pauls und an den vielen eingestreuten Liedern. Das Stück ist nicht nur eine Liebes-, sondern auch eine Musikrevue. Die vier Musiker des Freddie-Ommitzsch-Studio Ensembles zeigen, dass ihnen stilistisch nichts fremd ist, ob Bach oder Beatles, Queen oder Purcell – sie haben’s drauf. Größter Heuler war das Lied „Märchenprinz“ von der Ersten Allgemeinen Verunsicherung, zu dem Pauls alias August der Starke geradezu abhottet. Und auch mit barockem Hoftanz fremdeln die Musiker unter ihren weißen Perücken nicht. Der einzige Nachteil der vielen Lieder: Die Handlung, die ja ohnehin schmal ist, wird ziemlich zerhackt. Aber es zugegebenermaßen nicht anders zu machbar, denn Laaß muss nun mal das tun, was viele Frauen gern tun: in viele Gewänder schlüpfen, muss bzw. darf sie doch allerlei Frauen verkörpern und zwar die Gräfin Cosel, die Marquise von Munzera, die Kammerzofe Lilou und eine Wiener Wahrsagerin. Als August der Starke oder als Frau aus dem Volk, die gegen die Ausländerin Cosel pegi(da)ftet (sie entstammte einer der ältesten Adelsfamilien Holsteins), gibt Pauls in bewährter Manier dem Affen Zucker, hat zumindest als Bernd auch ein paar ruhige, nachdenklich stimmende Momente, bevor er dann wieder einen den Saal zum Brüllen bringenden Satz wie „Eine zweite Ehe ist der Triumph der Hoffnung über die Erfahrung“ vom Stapel lässt.

Sehr gelungen auch die Idee, eine Art Figurentheater einzubauen. Laaß und Pauls stehen hinter einem großen Tuch, man sieht nur zwei Perücken, die zwei Hofdamen symbolisieren, die sich echauffieren wie zwei alte Klatschweiber oder Kabarettisten, denen die ganze Richtung nicht passt.

www.tom-pauls-theater-pirna.de

Von Christian Ruf

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