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Das 6. Zittauer J-O-Ś-Festival lud mit Überraschungen zum raschen Szenen- und Sprachwechsel

Europatheater als Kulturtrinität Das 6. Zittauer J-O-Ś-Festival lud mit Überraschungen zum raschen Szenen- und Sprachwechsel

Das „Trinationale Theaterfestival J-O-Ś“ bot in Zittau an fünf Tagen neun Inszenierungen in Originalsprache, darunter sieben Gastspiele von den Partnertheatern aus Jelenia Góra und Liberec, aber auch von weiteren Gastensembles aus Wrocław, Jelenia Góra, Zielona Góra und erstmalig aus Pardubice sowie Ramallah.

Das Lubuski Teatr aus Zielona Góra mit Tankred Dorsts „Fernando Krapp hat mir diesen Brief geschrieben“

Quelle: PR / Adam Hanuszkiewicz

Zittau. Das Zittauer „3Länderspiel“ war schon vor Dorotty Szalmas Amtszeit immer ein 4-Sprachen-Spiel, denn auch die reifere Theaterjugend spricht im Zweifel vor und hinter den drei Partnerbühnen, die seit Herbst 2011 einen arteigenen Schauspielpakt pflegen, sowieso Englisch. Seitdem die gebürtige Budapesterin mit kleiner Tochter, polnischem Mann und deutschem Schäferhund von Wien ins Dreiländereck zog, um Schauspielintendantin am Gerhart-Hauptmann-Theater zu werden, ist immer ein Gastland Trumpf, so dass der Titel in ihrem viertem, also dem sechsten Jahrgang insgesamt, sowieso obsolet war.

Statt auf vier Länder oder fünf Sprachen rekurriert es nun auf den Namen der zugrundeliegenden Kooperation, heißt kurz „Trinationales Theaterfestival J-O-Ś“ und bot an fünf Tagen neun Inszenierungen in Originalsprache, darunter sieben Gastspiele von den Partnertheatern aus Jelenia Góra und Liberec, aber auch von weiteren Gastensembles aus Wrocław, Jelenia Góra, Zielona Góra und erstmalig aus Pardubice sowie Ramallah. Nach Ungarisch, Georgisch und Ukrainisch in den Vorjahren wurde jetzt sogar Arabisch proklamiert, denn das vierte Gastland hieß – schon vor Reiseplänen mächtiger weißer Männer terminiert – ausgerechnet Palästina.

Zunächst standen „Die Syrien-Monologe“ an – für die rund 40 Besucher, von denen die Hälfte das anschließende Publikumsgespräch dank Interesse enorm ausdehnten, mit englischem Skript und sehr guten deutschen Übertiteln. Als Zwei-Personen-Stück in Regie des Libanesen Iman Aoun bietet das Ashtar Theatre aus Ramallah harte Erfahrungen von syrischen Flüchtlingen, vor zwei Jahren erfragt in einem der großen, randvoll gefüllten jordanischen Flüchtlingslager. Sieben Einzelschicksale wurden in kurzen Sequenzen mehr gelesen als gespielt.

Jene „Frauen Trojas“, frei nach Euripides von Autor und Regisseur Data Tavadze und seinem Royal District Theatre aus Tiblissi, sind als theatrale Sensation schwer zu überbieten. Diese Exotik ist eingebettet in eine zentraleuropäische Theatertradition, die sich – sieht man von der Sprache ab – hier im Eck durchaus gut als kulturelle Identität beobachten lässt, wobei man die Differenzen gar nicht missen mag. Wobei diesmal neben der Seinsfrage auch mehrfach die Selbstdefinition über Partnerreflektion – meist in Form von Sex – im Mittelpunkt stand.

So zeigte das Norwid-Theater Jelenia Góra mit „Mann und Frau“ eine frivole Viereckskomödie des neuen polnischen Kultautors Aleksander Fredro in Regie von Wiesław Cichy, die mit dem wohl schnellsten Orgasmus der Theatergeschichte beginnt, dem dreieinhalb weitere folgen. Sie saugt ihre Komik auch aus dem triebhaften Spiel von Intendant Tadeusz Wnuk, der als Graf Wacław genau wie seine Ehefrau Elwira und der gemeinsame Hausfreund Alfred, die es alle gern und oft treiben, aber von der Magd Justysia locker überboten werden – was nicht lange stört.

Kluck, Ratthei und Hargesheimer kommen gen Zittau

Am Abend zuvor, bei der Eröffnung, outete sich Wnuk noch als Festivalfan, der zu Beginn der Kooperation noch viel mehr Haare hatte. Während dies der aktuelle Schirmherr, ein ferner sächsischer EU-Abgeordneter, wegen Abwesenheit nicht hören konnte, ließ sich Kunstministerin Eva-Maria Stange die Eröffnung nicht nehmen. Sie erlebte ein Foyer voller junger Leute und danach noch zwei außergewöhnliche Höhepunkte: Einerseits das Gastspiel vom Lubuski Teatr aus Zielona Góra, die Tankred Dorsts „Fernando Krapp hat mir diesen Brief geschrieben“ entsandten. Carsten Knödler, zwischen Roland May und Dorotty Szalma drei Spielzeiten Intendant in Zittau, seit 2013 Chemnitzer Schauspieldirektor, kam just am Abend der Verkündung seiner Vertragsverlängerung (bis 2023!) mit seiner ersten polnischsprachigen Regiearbeit zurück an die alte Wirkungsstätte.

Er hatte mit Joanna Wąż als schönster Julia der Stadt, Lech Mackiewicz als unfehlbarem Krapp und Robert Kuraś als poetischem Graf Juan Bordavela großartige Darsteller für die Dreiecksbeziehung und inszeniert die 14 Bilder als Psychogramm in einer Art elegischer Choreografie. Wie seine ehemaligen Kollegen noch am Abend herausfanden, sei es mittlerweile die „Favorite Performance“ des polnischen Darstellerquintetts, bei der man sich ob der Geheimnisfülle fragt, ob der Graf nicht der verschollene Jugendfreund Julias sein und ob jener zum ergreifenden Schluss plötzlich emotionale Krapp nicht alles schon erlebt haben könnte.

Andererseits erlebte Stange die Präsentation der drei besten unter 197 Bewerbern vom Wettbewerb des Writer-in-Residence-Projektes – laut Ausschreibung mit je zehntausend Euro plus vier Monate Unterkunft dotiert. Zuerst kommt Oliver Kluck von Berlin zur Residenz nach Zittau, um ein Stück fürs Hauptmann-Ensemble zu schreiben. Danach wird Daniel Ratthei aus Cottbus für den „Club 27“ arbeiten. Sascha Hargesheimer hingegen wird ein Stück entwerfen, was laut Szalmas Idee in allen drei Theatern als Uraufführung gleichzeitig laufen und sich per Zusammenschaltung finalisieren soll. Denn eigentliches Ziel der Schauspielkooperative ist neben dem Austausch die Produktion eigener, gemeinsamer Stücke. Vor zwei Jahren gab es so gar zwei eigene Uraufführungen in trinationaler Besetzung: Die Profis und auch die Theaterjugend erlebten als „Club 27“ eine verbindende Probezeit und etliche Aufführungen in allen drei Ländern. Und im Herbst startet das Haus mutig mit der Uraufführung „Der Fleck“ von Joanna Mazur in die neue Spielzeit. Das Werk der Polin gewann beim internationalen Dramenwettbewerb „Talking about Borders“ den zweiten Platz.

Das nächste Festival ist bereits fix terminiert und lockt vom 23. bis 27. Mai 2018 nach Zittau. Es startet mit der Uraufführung von „House on a Crossroad“, wird gespielt von den besten der derzeit 45 Jugendlichen aus den drei Städten unter den namensgebenden Hausbergen Jested, Oybin und Sniezka, also dem erwähnten „Club 27“, und soll ein „wildes spartensprengendes Crossover-Projekt der Superlative“ werden. Wenn deren Publikum dann genauso euphorisch reagiert wie sie selbst jetzt, sind Standing Ovations garantiert.

Eher spontane Wirkkraft jenseits der offiziellen Protokolle zeigt, wenn spontan der Liberecer Landrat samt Frau angedüst kommt – weil mit der tschechischen Rockband Priessnitz, genau wie die Kafka-Band (2015) ein Projekt des Zeichners Jaromir 99, eine seiner Lieblingsbands hier zum Festival spielt. Spätestens in zwei Jahren werden diese Aura auch alle Freunde und Bekannte der drei auserwählten Dramatiker erleben können, wenn diese zuvor je vier schreibfreudige Monate und vielleicht alle gemeinsam die siebte Edition hier erlebt haben. Ob sie so gut kochen können, wie es die Liberecer Intendantin Jarmila Levko oder der gastgebende Geschäftsführer Caspar Sawade bei der trinationalen Koch-Show beim Familien-Gartenfest mit Freibier aus allen Eckländern bewiesen, darf bezweifelt werden.

http://www.g-h-t.de/de/J-O-S/

Bildtext zu GHT-ZI_FernandoKrapp:

Tankred Dorst auf Polnisch: Joanna Wąż versucht als Julia mittels Eifersucht Robert Kuraś als Graf Juan Bordavela den gefühlskalten, aber steinreichen Fernando Krapp zu emotionalisieren.

Foto: PR / Adam Hanuszkiewicz

Bildtext zu JOS-Writers01:

Zwei von drei der künftigen Residenzschreiber kamen nach Zittau: Oliver Kluck und Sascha Hargesheimer – und wurden von Intendantin Dorotty Szalma geehrt und vorgestellt.

Foto: GHT / Pawel Sosnowski

Von Andreas Herrmann

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