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Claudia Michelsen stattet Dresden einen Besuch ab

Im Interview Claudia Michelsen stattet Dresden einen Besuch ab

Sie zählt zur ersten Garde deutsche Schauspielkünstler: Claudia Michelsen. Am Sonntag ist sie mit zwei Schauspieler-Kolleginnen im Dresdner Schauspielhaus zu Gast. Vorab sprach Michelsen mit den DNN über ihren ersten Film, den anspruchsvollen Heiner Müller und warum sie gern auf die Theaterbühne zurückkehren würde – trotz Ängsten.

Claudia Michelsen

Quelle: SWR/SRF/Nikkol Roth

Dresden. Sie zählt zur ersten Garde deutscher Schauspielkünstler: Claudia Michelsen. Die 48-Jährige ist aktuell unter anderem als Magdeburger Polizeiruf-Kommissarin Brasch bekannt, aber auch aus Filmen wie „Der Turm“ oder „Der gleiche Himmel“. Am Sonntag ist sie mit zwei Schauspieler-Kolleginnen im Dresdner Schauspielhaus zu Gast. Vorab sprach Michelsen mit den DNN über ihren ersten Film, den anspruchsvollen Heiner Müller und warum sie gern auf die Theaterbühne zurückkehren würde – trotz Ängsten.


Frage:
Vor geraumer Zeit sprach ich mit Joachim Król. Er hatte da schon auf sein nächstes Projekt, „Brechts Dreigroschenfilm“, verwiesen. Sie spielen dort ebenfalls mit, zusammen mit Lars Eidinger oder Hanna Herzsprung. Wer von den Kollegen singt denn am besten?

Claudia Michelsen: Ich glaube, wir sind alle nicht perfekt, aber darum geht es auch nicht. Selbst Brecht wollte das nicht. Es war eine bewusste Entscheidung, Schauspieler singen zu lassen – und keine Sänger. Die Dreigroschenoper hatte ja für damals fast etwas Raues, Punkiges.

Als ich las, dass Sie mit von der Partie sind, habe ich gemerkt: Ich kann Sie mir singend nicht vorstellen…

Ich werde Sie wahrscheinlich auch enttäuschen. (lacht) Es tut mir irre leid, aber ich kann’s nicht mehr ändern. Es ist auch ziemlich schwierig für uns Frauen, Mezzosopran, irrsinnig hoch. Frauen haben damals in der Regel ja auch viel höher gesprochen. Na ja, es wird spannend, ich hoffe, Sie freuen sich trotzdem darauf.

Es gibt ja andererseits auch genug Schauspieler, die eine eigene Band haben und singen.

Das werden Sie mit mir nicht erleben.

Von Ihrem aktuellen Projekt mal einen Gedanken zurück an Ihr Filmdebüt: „Die Besteigung des Chimborazo“ von 1989. Können Sie sich noch daran erinnern, an der Seite des jungen Jan Josef Liefers?

Ja, ich habe sogar ein Foto aus diesem Film bei mir stehen. Das hat Jan mir mal geschenkt.

Tatsächlich?

Es ist herrlich. Auf dem Foto sind Jan Josef und ich zu sehen – und im Hintergrund Götz Schubert. Für mich waren es mit 18 Jahren damals meine ersten Drehtage überhaupt.

Sie sind danach relativ schnell zum Theater gegangen. In Ihrer Vita finden sich Namen wie Frank Castorf oder Heiner Müller. Wie war Müller eigentlich?

Heiner Müller war einer der größten Köpfe des letzten Jahrhunderts und ich hatte das Glück, ihn am Anfang meiner Theaterzeit oder besser schon während meiner Zeit an der Schauspielschule kennenzulernen. Müller gab dir Gedanken, Bilder – und man versuchte, sie umzusetzen. Es fällt mir schwer, das zu beschreiben. Er fehlt heute auf jeden Fall.

Kürzlich hatten wir Armin Petras interviewt, der den Satz sagte: „Vielleicht hat das Theater an Strahlkraft verloren.“ Ist das so? Wie sehen Sie das?

Das kann Armin Petras viel besser einschätzen als ich, dafür schau ich viel zu wenig Theater. Aber meistens wenn ich in die Berliner Volksbühne gehe, ist die Strahlkraft da. Ein Lebensgefühl für viele, ein Raum, der vielen in Berlin so wichtig ist und war.

Petras meinte das eher mit Blick auf fehlende Personen wie Pina Bausch oder Christoph Schlingensief, der ja der letzte große Rebell gewesen ist.

Es wird sie immer wieder geben, diese Rebellen. Da habe ich gar keine Sorge. 1989 hatte das Theater noch eine andere Funktion. Wir wollten Dinge bewegen oder zumindest darauf hinweisen. Für mich war es das Größte. Und als das dann plötzlich wegfiel, kam die Frage auf: Was machen wir jetzt? Unterhaltung? Das war auf einmal nicht mehr klar. Aber das ist seit langem wieder anders und es gibt spannende Ensemble in den verschiedensten Städten.

Fehlt Ihnen das Theater manchmal?

Ja.

Gibt es Rollenüberlegungen, eine Rückkehr auf die Bühne?

Würde ich wahnsinnig gern machen. Ich wäre sicherlich auch sehr nervös und hätte Angst davor, aber trotzdem ja. Die Frage ist natürlich: Wo, mit wem, in welcher Konstellation? Wir werden sehen. Bei aller Trauer um die Volksbühne und Frank Castorf freue ich mich aber erstmal sehr auf Oliver Reese als neuen Intendanten am Berliner Ensemble und darauf, dass er Castorf-Berlin erhält.

Sie sind ja auch anderweitig gut eingebunden, nicht zuletzt mit dem Leseprojekt, das sie gemeinsam mit Ann-Kathrin Kramer und Karoline Eichhorn jetzt nach Dresden führt. Sie erzählen in einer literarischen Montage 200 Jahre deutsche Geschichte entlang der Lebensläufe von Bettina von Arnim, Else Lasker-Schüler und Erika Mann. In der Ankündigung heißt es sinngemäß: „Leistungen von Frauen wurden von männlichen Chronisten nicht nur ignoriert, sondern von Männern oft geradezu verhindert.“ Wie viel hat sich geändert an diesem Satz?

Da hat sich schon sehr viel geändert. Ich habe ja in dem Film „Ku’damm 56“ mitgespielt. Und mir war bis dahin nicht so bewusst, wie in den Fünfzigern und Sechzigern eigentlich die Stellung der Frau war. Sie hatte nicht viel zu sagen. Das war vor 60 Jahren. Eigentlich ist es nicht sehr lange her – unglaublich, was in dieser Zeit bereits passiert ist.

Lassen Sie uns abschließend auf Ihre Heimatstadt Dresden zu sprechen kommen. Sie ist ja auf der Landkarte des Rechtspopulismus zur Zeit ganz stark vertreten.

Ist es wirklich so? Oder wird über diese rechtspopulistische Bewegung einfach nur mehr geschrieben als über die Gegenbewegung?

Das ist sicher auch ein Aspekt, der zu diskutieren wäre.

Ich weiß, es gibt enorm viele Leute, die das ganz anders sehen, aber über die wird medial nur wenig berichtet. Dadurch wird Dresden auf einmal so ein brauner Fleck auf der Landkarte. Dort gruppiert es sich nur lauter. Ich glaube aber, dass das überall steckt. Die Frage ist ja: Woher kommt das? Weil die Leute nicht abgeholt worden sind. Deren Not verwandelt sich in Hass – statt den Grund zu suchen für das eigene Leid, das eigene Unvermögen. Wer hat Schuld an der eigenen Misere? Im Zweifel immer der Andere.

„Drei Frauen aus Deutschland“ , Gastspiel am Sonntag, 19.30 Uhr, Schauspielhaus, mit Ann-Kathrin Kramer, Karoline Eichhorn und Claudia Michelsen, Tickets ab 18 Euro

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Torsten Klaus

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