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Christoph Heins Erzählband "Vor der Zeit" ist erschienen

Christoph Heins Erzählband "Vor der Zeit" ist erschienen

Zur Leipziger Buchmesse hat er sie schon vorgestellt, gestern sind sie auch offiziell erschienen: Christoph Heins "Korrekturen" antiker Mythen, die er unter dem Titel "Vor der Zeit" in einem unterhaltsamen Erzählungs-Band versammelt hat.

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Korrigiert die alten Mythen bis zur Verkehrung ins Gegenteil: Christoph Hein.

Quelle: dpa

Mal treiben den 68-Jährigen Moral und Ethos, mal lässt er feiner Komik freien Lauf.

Zuletzt hatte sich Christoph Hein mit seinem Roman "Weiskerns Nachlass" erneut als Chronist der Gegenwart erwiesen, gerade eben erst mit seiner Unterschrift als politisch denkender und agierender Schriftsteller: In der April-Ausgabe der Zeitschrift Theater der Zeit protestiert er gegen den Rechtsruck in Ungarn und engagiert sich mit rund 50 anderen Künstlerin für einen Kongress "zugunsten eines demokratischen und republikanischen Ungarns" in Wien.

Es ist dies ein Denken und Agieren, wie es sich in seinem Schreiben wiederfindet. So auch im jüngsten Band "Vor der Zeit. Korrekturen", in dem er von Göttern, Helden und Menschen erzählt, von Leben, Liebe, Tod, von Handel und Händel, Feigheit und Mut, vom Streben und Stürzen, von Kriegen, Gier, Vergeblichkeit.

Die Handelnden sind bekannt: Asklepios, Eros, Odysseus, Prometheus, Zeus... Die Schauplätze ebenso: Hades, Hellas, Troja... Und auch das, worum es wohl immer und überall geht: Reichtum, Unsterblichkeit, Macht. Zur Einstimmung begleiten wir den Amateurarchäologen Frank Calvert (1828-1908), der dem heute ungleich berühmteren Heinrich Schliemann die Ausgrabungen in Troja ermöglichte. Später will er die geheimnisumwobene Insel Leuke erkunden, wird von rumänischen Offizieren der Lächerlichkeit preisgegeben und erfährt: "Ja, die neuen Götter sind nicht weniger gierig als die olympischen."

"Mit dem schlauen, selbstgefälligen Lächeln eines Gauners kehrte Zeus in den Olymp zurück", öffnet Hein das Kapitel "Väter und Söhne". Er, Zeus, hat gerade Europa verführt und in Kreta an Land gebracht und fühlt sich entsprechend erfrischt, da muss er sich in der Trinkhalle des Olymp mit den Forderungen und Bitten der Götter befassen, die um die Orakel in Hellas streiten, sich gegenseitig der Profanisierung beschuldigen, weil neuerdings jeder und überall die Zukunft voraussagen darf. "Diese Ankündigungen nahmen dem Schicksal den Moment der Überraschung und damit dessen eigentlichen Witz und Humor..."

Kurz: Orakel langweilen Zeus. Doch muss er sich mit ihnen beschäftigen, denn sie sind willkommene Nebeneinnahmen der auf großem Fuß lebenden Götter, die ihre Antworten auch nur in den Trinkhallen auswürfeln können, weshalb sie sich zum Teil widersprechen. Die Sterblichen haben längst begonnen, so lange die konkurrierenden Orakelschreine zu wechseln, bis sie die erwünschte Auskunft bekommen. Zwar weiß Zeus keine Lösung, doch weil ein Mächtiger ein Machtwort sprechen kann und manchmal muss, ringt er sich - in Gedanken noch ganz bei Europa - zu ein paar recht allgemein gehaltenen Regeln durch. Orakel müssen sich um die Wahrheit bemühen und sind ihr Wahrheit verpflichtet, der freie Wettbewerb wird "zum Nutzen der Allgemeinheit nicht eingeschränkt", die Orakel mögen "den Wohlstand mehren und den Frieden sichern".

Und so entstand die Zeitungslandschaft. Die Weissagungen werden also auf Papier veröffentlicht, herrschenden Trends angepasst, "es gab Gutscheine und Jahresabonnements", und bald meldeten die ersten Insolvenz an, auch, weil sich "die Menschen immer weniger für die Vergangenheit und die Zukunft interessierten". Wer Geld hat, kauft lieber den Lethetrunk, der "vollkommenes Vergessen und guten Schlaf" garantiert. Und damit ist dieses amüsante Gleichnis noch lange nicht zu Ende.

Hier gibt Christoph Hein der Geschichte einen eher gewitzten Dreh. In anderen, den meisten der insgesamt 25 Neuschreibungen dominiert der Ernst die Lage. Für Asklepios, der Todkranke rettet und so in die Zuständigkeit von Hades eingreift, der ihn daraufhin des fortgesetzten Diebstahls verklagt und auch durchkommt damit, weil Unsterblichkeit dazu führt, dass "uralte, hilflose und hässliche Menschen" die Erde bevölkern, "Greise, die versorgt werden müssen", bald "wird es mehr hinfällige, entkräftete Alte als junge Leute geben". So muss Asklepios ins Totenreich und wird dort mit dem "Platz des Vergessens" bestraft.

Hein argumentiert, wertet aber nicht. Er überlässt es den Lesern, Grausamkeit oder Gier mit Zuständen der Gegenwart abzugleichen, Beispielhaftes ins Zusammenhänge einzuordnen, Göttliches mit Menschlichem aufzuwiegen und die fabelhaften Überlieferungen zeitloser Gültigkeit zu überführen. Nach dieser Lektüre wirken Welt- und Lokalpolitik wie eine Fortschreibung der Mythen mit anderen Mitteln.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.04.2013

Fleischer, Janina

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