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Cameron Lines präsentieren Debütalbum im rappelvollen Dresdner Wettbüro

Postmoderne Verneigung Cameron Lines präsentieren Debütalbum im rappelvollen Dresdner Wettbüro

Cameron Lines präsentierten ihre neue Scheibe „Till I Hit The Dust“ im rappelvollen Dresdner Wettbüro. Und begeisterten ihre Fans.

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Micha Adler und Sebastian Schindler sind „Cameron Lines“

Quelle: Javier Sobremazas

Dresden. Die Jugend setzt auf Kautschuk. Das ist – bleibt man beim samstäglichen Plattendebütkonzert von Cameron Lines im vollen Alten Wettbüro als halben Heimspiel – in dreifacher Hinsicht erstaunlich. Einerseits das Entwederoder: Die neue Scheibe „Till I Hit The Dust“ als großer Konzertanlass des Duos, die seit 2013 zusammenwirken und seither neben der Heimat auch schon Berlin, Prag, Besançon, Pilsen oder Genf rockten, gibt es in elektronischer Dateiform – oder aber als physisches Vinyl aus analogen Zeiten. Dieses hat dann sogar ersteres als Zugabe anbei.

Das ist eine gute Idee, denn den 65 Vorbestellungen folgten nach dem Konzert noch 50 Verkäufe. Und die völlig zurecht – von einem Publikum, das größtenteils zwischen Abiturabschluss und Jugendende durch Familieausgründung, also im gefühlten Alter von 17 bis 34 Jahren – und alle in legerer, also kautschukfreier Kleidung ohne die typisch-leidige Fankennzeichnung – zu verorten ist. Dabei ist die Musik – das ist die dritte Wunderlichkeit – angelehnt an Zeiten, die zumindest beim jüngeren Teil von den Großeltern vermittelt sein müsste. Denn der staubig-warme Garagen-Bluesrock, mit dem Band wirbt, entpuppt sich als nur leicht verkappte Hommage an große Vorbilder – wie offenkundig Led Zeppelin.

Dabei setzen Micha Adler und Sebastian Schindler nur auf Gitarre und Schlagzeug, sowie sehr sauberen Satzgesang und Technik. Letzteres recht gewaltig, es entsteht ein mitreißender Sound, der durchaus eigen klingt, aber nicht ganz zum total ekstatischen Ausflippen, eher zur bewegten Gedankengenese animiert – ganz so wie es das Video zum Titelsong, dessen Premiere das Konzert einleitete, verheißt.

Es ist dynamische Sehnsuchtsmusik, die vor allem der Reiselust huldigt – die Wurzeln aus den frühen Sechzigern werden mit zeitgemäßen Drive, also Schleifen und Verzerrung veredelt – ohne sich aber in Psychedelic zu verlieren. Das heißt, die Musik funktioniert auch bei voller Sinneskraft, was heutzutage seltener wird.

Das liegt sicher an der Bodenhaftung der Protagonisten. Gitarrist Adler ist als Randnürnberger hauptberuflich Sozialarbeiter im Flüchtlingsheim, Sebastian Schindler ist als Dresdner Referent einer recht linken Stadtratsfraktion. Beide schrauben gern an alten Bussen rum (einer VW, einer Fiat), und beide schreiben sich selbst in ihre Biografie: „Den Rest der Zeit verbringt er damit, die Band voran zu bringen.“

Das kann so wenig an Zeit nicht sein, sieht man das Ergebnis: Die Scheibe – gepresst in einem nagelneuen Vinylwerk im oberen Bayern – wurde über die eigene Crowd vorfinanziert. Ab Mitte Dezember sammelte das Duo aus Dresden und Nürnberg genau 1726 Euro und übertraf damit das Ziel von anderthalb Riesen locker. 32 Fans und 77 Unterstützer sind verzeichnet, viele kamen am Sonnabend ins ausverkaufte Wettbüro.

Auch dass die beiden Hauptpreise gar nicht gebucht, passt ins unaufgeregte Bild: Zwar muss Gitarrist Micha nun im April zwei (von fünf möglichen) exklusiven Gemälden für die 50 Euro-Spender liefern, aber das „Paketo Kompletto“, also einmal alles mitsamt Tourplakat, handsignierte LP, 2014er EP, VIP-Ticket zur Release Show, eine Musikstunde mit Micha oder Basti, ein von Micha gemaltes Gemälde, ein Privatkonzert plus „ewige Dankbarkeit“, welches das Zehnfache gekostet hätte, ging ebenso wenig ab wie die beiden Privatkonzerte für je 300 Euro Produktionskostenvorschuss.

Nach rund einer Stunde war halb Zwölf Schluss – eine furiose Schlussnummer erübrigte die Zugabe, die nächsten Auftritte für die Dresdner Fans sind am Tag der Arbeit an der Hendrix-Scheune und am 25. Mai im Ostpol. Mal sehen, wie viele der insgesamt 400 Stück Erstauflage der 12-Zoll=15-Euro-Scheiben vom Dresdner Label Undressed Records dann noch zu haben sind. Der echte Musikfreund bevorzugt natürlich neben dem Konzert den inhabergeführten Einzelhandel – im magischen Dreieck der Spielorte liegt nicht zufällig das Zentralohrgan.

www.cameronlines.bandcamp.com

Von Andreas Herrmann

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