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Bürochaos mit Denkmalsatire im "Büro für Ordnung und Chaos"

Anna Mateur Bürochaos mit Denkmalsatire im "Büro für Ordnung und Chaos"

Diesmal herrschte mehr Chaos als Ordnung in Anna Mateurs Büro, das sich pünktlich zum Winterhalbjahr wieder jeden letzten Dienstag im Monat in der Neustädter Scheune abarbeitet: an sich, der Kommunikation und am Publikum.

Dresden. Diesmal herrschte mehr Chaos als Ordnung in Anna Mateurs Büro, das sich pünktlich zum Winterhalbjahr wieder jeden letzten Dienstag im Monat in der Neustädter Scheune abarbeitet: an sich, der Kommunikation und am Publikum. Ihr männliches Stammquartett - also Kameramann David Campesino, Poetry-Dichter Max Rademann aus Schwarzenberg und die beiden Musiker Bjorn Reinemer (Schlagwerk) und Jan Maihorn (Gitarre) - hatte es somit weder leicht noch schwer, denn das Bühnentalent ihrer Chefin kennt, vor allem in Sachen Spontaneität und Witz, kaum Grenzen. Auch thematische nicht, so dass die angekündigte Konzentration auf die Verteidigung "unserer wichtigsten christlichen Werte unter der Plastiktanne", also den Familienstreit, die Völlerei und die Trunksucht gelegentlich zumindest verbal auf der Bühne rasch aus dem Blick geriet.

Als Gäste waren ihrem erwachsenen und kreativen Stammpublikum wieder zwei Neustädter angekündigt: Fürs Chaos hatte sie sich Claudia Muntschick eingeladen. Diese hatte einerseits ihren Bassisten Malle mit, mit dem sie drei Songs aus dem Repertoire des Punktrios Goldner Anker darbot. Als Anker zur Begrüßung erschien dem diesmal achtköpfigen Dresdner Gnadenchor im Hintergrund die Lorelei passend. Später begleitete er, was gewöhnungsbedürftig klang: Punk und Chor - das kommt nicht in Ordnung.

Dafür geriet der Dialog der Damen fürs Publikum wesentlich erkenntnisreicher als jener sommerliche in der Saloppe, als Katharina Franck ihre Jugend beleuchtete. Denn Muntschick, die nicht nur als Rockröhre, sondern auch als Architektin für Industriebrachen, Chefin des Löbauer Haus Schminke und Vorstand von "Wir gestalten Dresden" einen gut gefüllten Kalender und viel Durchblick hat, hatte einen - als Denkmalpflege-Comedy angekündigten - Vortrag mit 85 Fotos über moderne Bausünden vorbereitet. Das war pure Stadtentwicklungssatire, die rasch nach Dresden führt: die frühe Prager Straße, der Fresswürfel und das Fernmeldeamt (Stilrichtung: Brutalismus - kein Witz), alles wird ersetzt durch neue Beliebigkeit.

Der Höhepunkt: Die über drei Jahre währende symbolische Demontage unseres Palastes der Republik in Ostberlin-Mitte, mit dem erklecklichen Verweis, dass neue Regime immer als Zeichen ihres Siegs alte Gebäude schreddern und ersetzen. Das erläutert Muntschick in rasendem Tempo mit Fachkenntnis und Humor, ohne auf positive Beispiele des Verweigerung als Volksmachtmittel - freilich in der Schweiz - oder auf die Sinnlosigkeit von Dingliebe zu Gebäuden zu verzichten.

Auch der zweite Gast, als ordentlich verbrämt, ist ein neustadtbekannter Geist: Andy K. erzählte über seine Straßenkunst, die sich in witzigen Grafitti oder Installationen niederschlägt. Der nächste Termin fürs Büro für Ordnung und Chaos ist der 29. Dezember. Gebucht ist Andreas Gundlach. Und nebenher geht es garantiert um ordentliche christliche Werte wie Familienstreit, Völlerei und Trunksucht.

Andreas Herrmann

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