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Ausstellung widerlegt das Klischee, dass Volkskunst alt und verstaubt sei

„Made by me in Saxony. Volkskunst jetzt!“ Ausstellung widerlegt das Klischee, dass Volkskunst alt und verstaubt sei

Nussknacker und Schwibbogen aus dem Erzgebirge, bemalte Ostereier von den Sorben der Oberlausitz, das verbindet man in der Regel mit dem Begriff Volkskunst. „Und deswegen kommen auch dreiviertel der potenziellen Besucher erst gar nicht in den Jägerhof, weil sie denken, dass hier nur angestaubte Volkskunst zu sehen ist“, sagt Igor Jenzen...

Harry Matthes. Landleben, Bildteppich, 1974-76
 

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden.  Nussknacker und Schwibbogen aus dem Erzgebirge, bemalte Ostereier von den Sorben der Oberlausitz, das verbindet man in der Regel mit dem Begriff Volkskunst. „Und deswegen kommen auch dreiviertel der potenziellen Besucher erst gar nicht in den Jägerhof, weil sie denken, dass hier nur angestaubte Volkskunst zu sehen ist“, sagt Igor Jenzen, der Direktor des im Jägerhof beheimateten Museums für Sächsische Volkskunst mit Puppentheatersammlung. „Wir tragen den Begriff ,Volkskunst’ mit Würde“, aber er sei schwer zu tragen, meint Jenzen. In dem von ihm geleiteten Haus zeigt man nun eine Ausstellung, in der vieles anders ist, die weit weg von Klischees von Trachtennostalgie und Ofenbankgemütlichkeit ist und all jene locken soll, die Volkskunst meiden wie der Teufel das Weihwasser oder Sahra Wagenknecht eine Koalition mit Sozialdemokraten und Grünen.

Das fängt schon beim Titel „Made by me in Saxony. Volkskunst jetzt!“ an. Unorthodox sind auch die Plakate, mit denen geworben wird. Die Wortkombination „VolksKunstJetzt!“ wurde wie ein Graffiti gestaltet, eher „nicht die Sprache der Stammklientel unseres Hauses“, wie Jenzen einräumt. Man habe sogar kurz überlegt, die Außenwände des Jägerhofs besprayen zu lassen. Aber ganz so weit ging man dann doch nicht.

Der Grundgedanke der Ausstellung ist der Gründungsgedanke der Volkskunst. Also von Oskar Seyffert (1862–1940), der von der als „seelenlos“ empfundenen akademischen Hochkunst ziemlich abgetörnt war und in den 1890er-Jahren sein Konzept der Volkskunst von Dresden aus populär machte. Ihn interessierte das Ursprüngliche, Unverbildete und Unkonventionelle an der „Kunst der kleinen Leute“. Gerade wenn die Kunst nicht erlernt wurde, die Wege nicht vorgeschrieben und die üblichen Mittel nicht vorhanden waren, entstünden oft besonders originelle Werke mit eigenem Zauber. Es geht nicht um echt oder falsch, erlaubt oder verboten, sondern darum, was man als Ausdruck eigenen künstlerischen Tuns empfindet. Was „echte Volkskunst“ ausmacht, das wird in jeder Generation neu verhandelt. Im Dritten Reich verband man bekanntlich Volkskunst gern mit den Begriffen „Volk“ und „Heimat“, wobei da viel Ablehnung des als anders und fremd Empfundenen im Spiel war. Wie Jenzen weiß, sorgte nicht zuletzt das Winterhilfswerk dafür, Volkskunst aus dem Erzgebirge populär zu machen mit dem Nebeneffekt, dass seitdem alle Welt glaubt, dass Schnitzer im Erzgebirge grundsätzlich bedürftig seien.

Justus Ehras

Justus Ehras. Roboter, 2014

Quelle: Dietrich Flechtner

Präsentiert werden lustige, ernste, skurrile, traditionelle, individuelle und experimentelle, jedenfalls aber überraschende und anregende Ergebnisse, die frei nach dem Frank-Sinatra-Prinzip „I did it my Way“ von „selbstautorisierten“ Künstlern unterschiedlicher Fachrichtungen in Hinterhöfen, Fab-Labs, Garagen, Werkstätten und sonstigen Kreativzentren geschaffen wurden. Materialtechnisch wurde da nicht selten ein „Up- oder Recycling“ praktiziert. Was für Schwerter und Cola-Dosen gilt, das ist Treibholz oder ollen Automaten nur billig.

Eng und kreativ arbeitete man mit der Volkskunstschule Oederan zusammen, die dieses Jahr ihr 50. Jubiläum feiert. So werden allerlei Figuren präsentiert, die Schüler der Volkskunstschule mal mehr, mal weniger gekonnt aus dem Holz schnitzen.

Über 150 aktuelle Exponate werden flankiert von einer historischen Ein- und Ableitung. Märchenbücher bezeugen, dass so mancher Künstler früh anfängt, wurden diese Bücher doch von Kindern gestaltet, die Märchen auf ihre Weise erzählen – „und da geht es sehr wild zu“, wie Jenzen versicherte. Ein Blickfang sondersgleichen ist ein vier mal vier Meter großer ausrangierter Kiosk, der in ein Aquarium umgewandelt wurde. Das Institut für fadenscheinige Meeresforschung“ war 2015 so frei, nach dem Motto „Halle häkelt“ ein regelrechtes Korallenriff zu stricken und zu häkeln, samt Seepferdchen und Meeresschildkröte, Hai und Meerjungfrau. Auch (Clownfisch-)Verwandte von Nemo und Merlin tummeln sich in dem Riff, das so voller Details steckt, dass man sich gar nicht sattsehen kann.

Ein anderes interessantes Stück ist ein „Wurminator“, ein Vogel aus Stahl und Blech, der Teil eines interaktiven Fütterungsspiels war, das von Sebastian Quiroz und Justus Ebras für ein Musikfestival gebaut wurde. Von dem renommierten Hallenser Popart-Künstler Moritz Götze stammt ein spezieller Nussknacker, der so gänzlich anders ist als all die anderen knackig-knackenden Kollegen aus dem Erzgebirge. Götze ein Volkskünstler? Ja, und er kenne mindestens drei andere Künstler, die im stillen Kämmerlein oder im Keller Volkskunst machen würden, wie Jenzen versichert.

Klöppelverein Jahnsbach

Klöppelverein Jahnsbach. Geklöppeltes Getier, 2016

Quelle: Dietrich Flechtner

Ein typisches Merkmal einer autodidaktischen Herangehensweise ist, dass ein einmal gefundener Weg, eine Methode, ein Material, ausgiebig ausgelotet werden. Wenn man mal seine Ausdrucksform gefunden hat, dann bleibt man in der Regel auch dabei. An einer Hörstation kann man – auf Knopfdruck – Interviews lauschen, in denen sieben Menschen offenbaren, wie sie den Weg zur Volkskunst fanden. Das Erstaunliche: Laut der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Sonja Riehn sehen sich die meisten gar nicht als Künstler, sondern „nur“ als künstlerisch tätigen Menschen.

Die Ausstellung bietet auch „Makerstube“ bzw. „Bastelspace“, also eine Bastelstube, die zum Selbermachen einlädt. Sehr umfangreich und vielfältig ist das Rahmenprogramm mit Kursen und Workshops. Man kann Pappmaché-Vögel bauen, aber sich auch in einer Fantasiewerkstatt seinen ganz persönlichen Helden zusammenbauen“, ob der nun dem eigenen Vater, Superman oder Wickie ähnelt, bleibt jedem selbst überlassen. Man kann schnitzen, Strohsterne basteln, zum Scherenschnitt ansetzen, Löten oder auch einen Trickfilm-Workshop besuchen. Wer sich schon immer mal in Cyanotypie (einem fotografischen Edeldruckverfahren mit typisch cyanblauen Farbtönen) oder Amigurumi (einer japanischen Strick- oder Häkelkunst) versuchen wollte – hier wird ihm geholfen. „In das Begleitprogramm ist das meiste Geld des Budgets hineingeflossen“, wie Jenzen mitteilt.

Bis 5. November,
tgl. außer montags 10 bis 18 Uhr,
Museum für Volkskunst,
Infos zum Veranstaltungsprogramm
im vielerorts ausliegenden Faltblatt oder auch www.skd.museum

Von Christian Ruf

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