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Ausstellung „Tierisch beste Freunde“ öffnet in Dresden

Hygiene-Museum Dresden Ausstellung „Tierisch beste Freunde“ öffnet in Dresden

„Über Haustiere und ihre Menschen“ ist der Untertitel der jüngsten Schau im Dresdner Hygiene-Museum. Entlang von rund 250 Exponaten suchen die Kuratoren nach Antworten auf die Frage, was dieses eigenartige Beziehungsgeflecht ausmacht. Dabei kann der Besucher sogar buchstäblich in die Rolle von Haustieren schlüpfen.

Eine Installationslandschaft mit ausgestopften Haustieren ist der Auftakt der Schau.
 

Quelle: Oliver Killig

Dresden.  K

Doch beginnen wir ruhig mit dem Virtuellen. Es hat sich seinen Platz erobert in dieser Ausstellung mit ihren rund 250 Exponaten. Zu Hause ist es im letzten großen Raum der Schau, wo die Perspektiven noch einmal grundlegend wechseln. Hier kann der Besucher buchstäblich in den Käfig des Wellensittichs schlüpfen und sehen, wie der Vogel seinerseits die Menschen wahrnimmt: wie in Zeitlupe nämlich, weil der Sittich wesentlich mehr Bilder pro Sekunde erfasst als der Mensch. Die „richtige“ künstliche Welt liegt aber nebenan, in einem überdimensionalen Aquarium – ohne Wasser, dafür mit einer speziellen Brille, die von der Decke baumelt. Sobald man sie aufgesetzt hat, öffnet sich in virtueller Realität der Blick eines Fisches auf seine Umgebung unter Wasser. Dass dabei eine Riesenkrabbe und auch eine Qualle auftauchen, mag zwar fast mehr an freies Meer als an die Enge des Aquariums erinnern, tut aber dem Erlebnis keinen Abbruch. An dieser (nur einen) Virtual-Reality-Brille dürfte es demnächst jedenfalls zu ersten Besucherschlangen innerhalb der Ausstellung kommen.

Am Beginn des Exponaten-Parcours muss man erst einmal kurz schlucken. Ausgestopfte Tiere unter Glas lassen wenig Gutes ahnen. Doch dieser Moment des Zweifelns geht vorüber. Ein riesiger, sechs mal zwölf Meter messender Teppich beherrscht den Raum und ist Sinnbild des Heimes. Ab Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts wird dieses Häusliche auch Heimat für Tiere, die bald darauf genau diese Bezeichnung bekommen: Haustiere.

Im viktorianischen England will das Bürgertum mit dem Adel gleichziehen. Also werden Porträts mit Heimtieren in Auftrag gegeben, um die eigene Tierliebe zu zeigen. Selbstdarstellung und Selbsterhöhung in einem, das Tier als Projektion und auch als Statussymbol. Mehr und mehr setzt das Züchten ein, mehr und mehr wird es zweifelhafte Ergebnisse zeitigen.

Christoph Schwabe

Christoph Schwabe: Mim + Melanie, aus „Doppelpack. Mein Hund und ich“ (2014).

Quelle: Christoph Schwabe

Doch es gibt auch einen anderen Weg in die Heime der Menschen, wie die Geschichte des Sankt Andreasberger Kanarienvogels zeigt. Die Art kam mit Tiroler Bergleuten um 1730 in den Harz, wo sie vor allem als Nutztiere in den Gruben gebraucht wurden. Bildete sich eine tödliche Gasmischung, starben die Tiere, retteten damit aber die Menschen. Die wiederum begannen, die Vögel zu züchten und auch zu verkaufen. Ein kleines Geflecht aus Abhängigkeiten, wie es die Haustier-Mensch-Beziehung charakterisiert. Oder mit den Worten der Kuratorin Viktoria Krason: Es herrschen Asymmetrie und Machtgefälle zwischen Mensch und Haustier.

Dieses fein austarierte Ungleichgewicht ist sozusagen Gegenstand des zentralen Ausstellungsraumes. Dafür finden sich dort auch andere Zahlen, wie die rund 300 000 Tiere, die jährlich in deutschen Tierheimen landen. Andererseits wird Treue (des Tieres, meist Hunde) mit Trauer (des Menschen) belohnt, was bis hin zu Todesanzeigen reichen kann. Anderen geht so viel Anhänglichkeit dagegen ziemlich auf die Nerven, wie in der Sofaecke bei Thomas Manns „Herr und Hund“ nachzuhören ist.

Die Ausstellung (28. Oktober 2017 bis 01. Juli 2018) zeigt an 250 Objekten wie das Tier zum Haustier wurde und Frauchen oder Herrchen beeinflusst.

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Dass der moderne Mensch auch gern mal in Fellkostüme steigt, um zu kuscheln – ist das Re-Identifizierung mit dem Tier (in uns)? Dass er (es ist wirklich oft ein Mann) sich mit Tieren umgibt, um seinen Status zu untermauern? Das sind Fragen, die gestreift werden, wie im Film der Österreicherin Elizabeth T. Spira über den Wiener Privatdetektiv Walter Penk-Lipovsky, der seine Hunde als Einschüchterung und Ego-Aufbrezelung ge- respektive missbraucht. An solchen Ecken spielt die Ausstellung klar hinüber ins Soziologische.

Gestern kam übrigens auch die Nachricht, dass zwei Frauen nach einem Schiffbruch und gut fünf Monaten Umherirren in den Weiten des Pazifiks gerettet worden sind. Zwei Hunde, die mit an Bord waren, wurden ebenfalls in Sicherheit gebracht. Ohne die Vierbeiner hätten die Frauen womöglich ihren Lebensmut und Überlebenswillen verloren. Eine Extremsituation, die jedoch die Bedeutung, die Haustiere für uns haben können, noch einmal zeigt. Für die Frauen waren sie Lebensretter – was sind sie im Normalfall? Beste Freunde, wie der Ausstellungstitel suggeriert? Vielleicht doch eher Gefährten, die trotz all unserer Liebe unergründbar bleiben.

bis 1. Juli 2018, geöffnet Di-So 10-18 Uhr, viel Begleitprogramm, besonders für Familien
bei Matthes & Seitz erschienen: „Tierisch beste Freunde“ (10 Euro) und „Haustiere“ (28 Euro)

www.dhmd.de

Von Torsten Klaus

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