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Auf Rüstzeit: Luther-Choräle im Bigband-Jazz

Das Bundesjazzorchester und seine jüngste CD Auf Rüstzeit: Luther-Choräle im Bigband-Jazz

Martin Luthers Texte, Übersetzungen und Nachdichtungen haben schon immer als Vorlage für Musik gedient. Im sogenannten Reformationsjahr kommt auch der Jazz nicht daran vorbei, wie das Bundesjazzorchester auf seiner jüngsten CD unter Beweis stellt.

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Quelle: jpc

Dresden. Auf seiner diesjährigen Winterarbeitsphase im März hat sich das 1988 von Peter Herbolzheimer gegründete Bundesjazzorchester (Bujazzo) dreier Choräle des in diesem Jahr heftig überstrapazierten Reformators Martin Luther angenommen und mit den musikalischen Ergebnissen dieser Probenarbeit in der Bundesakademie Trossingen das Kurt-Weill-Fest Dessau sowie diverse Kirchenveranstaltungen in Berlin, Weimar und Wittenberg beglückt. Nun liegt das vom Bundesfamilienministerium geförderte Resultat auch auf CD vor. Gut möglich, dass beim Anhören dieser Scheibe manch ein „Oh Gott“ gestöhnt wird – aus den verschiedensten Gründen, versteht sich.

Bibeltreue Lutherianer mögen frohlocken, dass „Ein feste Burg“ nun auch im Jazz angekommen ist, was freilich nicht so ganz neu ist. Andere Menschen stöhnen womöglich über die von einem Gesangsensemble teils missionarisch eifernd vorgetragenen Texte, zumal über den Einstand mit dem Luther-Zitat „Ich bin kein Besessener!“ Das wird dann gleich derart „sündhaft“ häufig deklamiert, dass die Besessenheit schier mit den Händen greifbar zu sein scheint. Die historische Quelle hierfür sollen traumatische Angstzustände des seinen „strafenden Gott“ fürchtenden Klosterbruders Martinus gewesen sein.

Michael Villmow, Komponist und Künstlerischer Leiter dieses Bujazzo-Projektes, hat diesen Worten eine dräuende, von vielen Wortwiederholungen „Besessen, besessen!“ begleitete Musik zugedacht, die just diese Getriebenheit unterstreicht. Auch „Tok Tok Tok“ klingt illustrativ bis plakativ und soll Luthers Hammerschläge an der Wittenberger Schlosskirche ins Heute transportieren.

Dabei ist das musikalische Material zwar durchweg frisch präsentiert, denn in diesem Orchester wirken junge Könner ihres Fachs mit, aber alles andere als ein Novum. Die CD „Verley uns Frieden“ soll schließlich auch nicht den Jazz reformieren, sondern sich in den Chorus der nachhaltig umstrittenen Jubiläumsfeierlichkeiten zu 500 Jahren Re-Formation (deren kriegerische Folgen durchweg ausgeblendet bleiben, ebenso wie die Spaltung der damaligen Christenkirche) einbringen. Dazu bieten Orchester und Vokalensemble jede Menge Spielfreude und blitzblanken Sound auf, hier und da mit schönen Extempores gemixt, überwiegend aber auf dem hinlänglich bekannten Boden von Luthers Chorälen basiert. Im festen Tonsatz „Aus tiefer Not“ dehnt sich das auf fast eine Viertelstunde aus, beinhaltet allerdings ein inbrünstig vorgebrachtes Trompetensolo. Überhaupt überzeugen die rein instrumentalen Passagen noch am ehesten, denn sie stehen für das großartige Spielvermögen dieser Bigband. Hier wird es jedoch in postlutherische Dienste gestellt und wirkt teils unfreiwillig albern.

Mitunter klingen die Arrangements („Sünde, Sünde, Sünde“) freilich auch derart banal, als wären sie einer öffentlich-rechtlichen Krimiserie entsprungen. Wenn aber fragwürdiges Textmaterial mit musikalisch dürftigem Allgemeingut gepaart wird, entsteht noch lange nichts Innovatives. Das aber ist mal das Markenzeichen des Bundesjazzorchesters gewesen. So altbacken schwülstig wie hier war es noch nie.

Bujazzo: „Verley uns Frieden“
Deutscher Musikrat, DMCHR 71192

Von Michael Ernst

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