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Auch als Theoretiker noch ein Dichter

Lessingpreis für Kurt Drawert Auch als Theoretiker noch ein Dichter

In Literatur sieht er ein Reservoir von Kritik. Biografisches hält er für nachrangig – außer als Stoff für sein Schreiben: Kurt Drawert. Der Dichter erhält in diesem Jahr den mit 13 000 dotierten Lessingpreis. Am Sonnabend wird die Auszeichnung in Kamenz überreicht.

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Kurt Drawert

Quelle: Ute Doering

Kamenz. Kurt Drawert ist als kritischer Poet ein Tausendsassa in allen literarischen Genres. Die hohe Schule des abstrakten Philosophierens beherrscht er ebenso brillant wie die aufwühlende Sprachkunst der Verse. Essays, Romane, Stücke hat er geschrieben, viele Gedichte, darunter großartige Liebesgedichte. „Doch ich mochte es, / dir in der Ferne näher zu sein / als in der Nähe die Ferne zu spüren“, heißt es zum Beispiel in „Ich wollte noch sagen“.

In seinen Texten vermittelt er uns mindestens eine doppelte Erkenntnis: zum einen, was das Menschliche, was Individualität ausmacht, zum anderen, dass es dies zu verteidigen gilt – gegen eine Welt der Beschleunigungen, der künstlichen Ersatzprodukte, der Zerstreuung, Ablenkung und Subjektvernichtung, eine „absurde sprachlose Welt, die immer neue Techniken der Bewusstseinszerstörung entwickelt“, wie er 2001 in einem Gespräch mit Axel Helbig gesagt hat. Biografisches hält der Dichter für nachrangig: „mein Gott, wie unwesentlich“. Es sei denn, als Stoff: „Und die Buchwelt“, hat er 2001 im Gespräch erklärt, „ist ja eh und immer eine andere, wahrere.“

Daher nur kurz angerissen: 1956 geboren im brandenburgischen Hennigsdorf; Vater Kriminalpolizist; Kindheit bei Berlin; 1967 Umzug der Familie nach Dresden; Facharbeiter für Elektronik; Abi an der Abendschule; Hilfsarbeiter an verschiedenen Stellen; wichtigste: Sächsische Landesbibliothek. Dort hat er westliche Literatur und Philosophie verschlungen, alles, was die DDR im „Giftschrank“ verschloss. Nichts anderes als Künstler wollte er sein.

In den 1980ern Studium am Leipziger Literaturinstitut. 1984 Umzug nach Leipzig. 1987 erster und einziger Gedichtband in der DDR: „Zweite Inventur“ (bei Aufbau). Nach kurzer Revolutionseuphorie 1989 Ernüchterung. Umzug in den Westen, zuerst 1993 nach Osterholz-Scharmbeck bei Bremen, 1996 dann nach Darmstadt – wo er bis heute lebt.

Befreit hat er sich mit dem Weggang in den Westen Deutschlands aus einer Situation, die ihn nicht mehr schreiben ließ. „Meine Freunde im Osten / verstehe ich / nicht mehr, im Landstrich / zwischen Hamme und Weser // kenne ich keinen“, heißt es im Gedicht „Ortswechsel“. Diese Erfahrung weitet er zur umfassenderen Situation eines generell Unbehausten: „Nirgendwo bin ich angekommen. / Nirgendwo war ich zu Haus.“ Heimat? Am ehesten hat er sie in der Sprache gefunden. Die freilich bedeutet ihm Anstrengung: Arbeit am Text.

Erfahrungen seiner Zeit als Hilfsarbeiter in der Landesbibliothek inspirierten ihn zu seinem ersten Roman: „Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte“ (2008). Darin rekonstruiert eine Kaspar-Hauser-Figur die DDR in Berichten als Dantesche Hölle, in der die Bewohner einer „Abrichtungsprozedur“ durch Erziehung unterzogen werden. Eine Architektur, gespeist aus der Traumwelt des Unbewussten. Auch hier wird die DDR sprachphilosophisch analysiert: ideologiegeprägte Worte und Formeln werden demontiert, persifliert, verballhornt.

Ein profunder Kenner der deutschen Lyrikszene ist Kurt Drawert ebenfalls. „Lagebesprechung“ (2001) heißt eine Anthologie, in der er wichtige Stimmen junger deutscher Lyrik aus den 1990er Jahren versammelte, um deren „ästhetische Komplexität und poetologische Variabilität“ in einem Umriss zu zeigen. Wer zum „festen lyrischen Bestand“ gehört, erfährt man da, und wer zu den vielversprechenden neuen Stimmen. Bei etlichen, zeigt sich heute, lag er mit seinem Gespür richtig.

Als Theoretiker bleibt Kurt Drawert dennoch Dichter. „Darüber hinaus verstehe ich Philosophie nur literarisch, wie ich Literatur philosophisch verstehe“, hat er in „Schreiben. Vom Leben der Texte“ (2012) bekannt. Essays wie diese verlangen dem Leser einiges ab. Man muss bereit sein, dem Autor auf bisweilen anstrengende Höhentouren der Abstraktion zu folgen. Dazu sollte man sich zumindest in Grundzügen mit Denkweise und Begriffsinstrumentarium klassischer oder strukturaler Psychoanalyse, den Theorien von den Zeichen und Sprechakten vertraut machen. Sigmund Freud, Roland Barthes, Ferdinand de Saussure, vor allem Jacques Lacan sollten einem etwas sagen. Dann wird man um Erkenntnisse darüber bereichert, wie ein Text zu Literatur wird, was das Internet mit Literatur anrichtet, dass das Zentrum eines guten Gedichts eine „nicht in Erscheinung tretende Substanz“ ist, es also auch mit religiösen Transzendenzerfahrungen zu tun hat.

Überhaupt die Lyrik. Sie bildet den Mittelpunkt seines Schreibens, denn das Gedicht hält er für die „höchste literarische Ausdrucksform, weil es auf kleinstem Raum den größten sprachlichen Mehrwert erzeugt“.

Literarischen Moden ist er stets aus dem Weg gegangen, etwa der der postrukturalistischen Auflösung des Subjekts in bedeutungsfreie Diskurse. Da sei er „hoffnungslos existentialistisch und modern“ hat er bekannt – „ein Dinosaurier im Fachgeschäft für Computer“.

In „Idylle, rückwärts“ (2011), einer Sammlung seiner gültigen Gedichte von den Achtzigern bis 2010, lässt sich ablesen, wie sich sein Blick immer stärker auf die Fragwürdigkeiten der globalisierten Welt weitet. Voll apokalyptischer Ahnung sieht das Ich dieser Texte in Dubai den Sand unter den Mauern der himmelwärts strebenden Reichtumssymbole rieseln, Risse sich im Marmorbrunnen abzeichnen. In der New Yorker Wall Street hört er das Geld ohne Pause arbeiten, blickt in die Leere sinnloser Bewegung: „Wer nicht läuft, fällt ins Getriebe, / und wer ins Getriebe fällt, ist tot“.

Seine widerständige Wachheit, in der DDR geschult, hat jenes Land überlebt. Bis heute folgt Kurt Drawert dem Grundsatz: „Literatur ist im Grunde ihres Wesens immer ein Reservoir von Kritik.“

Von Tomas Gärtner

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