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Ahmad Mesgarha spielt den „Othello“ in Dresden

Von Verehrung zu Vernichtung Ahmad Mesgarha spielt den „Othello“ in Dresden

Der Traum vom Schauspiel lag wohl in der Wiege und bleibt im Blut: Ahmad Mesgarha ist einer aus jener Garde der Dresdner Staatsschauspieler, die das Bühnengeschehen am Schauspielhaus seit fast dreißig Jahren entscheidend mitprägen. Jetzt zur Wiedereröffnung des sanierten Schauspielhauses ist er Shakespeares Othello.

Ahmad Mesgarha als Othello in der Dresdner Neuinszenierung am Staatsschauspiel.
 

Quelle: Krafft Angerer

Dresden.  Der Traum vom Schauspiel lag wohl in der Wiege und bleibt im Blut: Ahmad Mesgarha ist einer aus jener Garde der Dresdner Staatsschauspieler, die das Bühnengeschehen am Schauspielhaus seit fast dreißig Jahren entscheidend mitprägen. Jeder Theaterfreund hat ihn in wichtigen Rollen gesehen – nimmt man nur die Auswahl der ihm wichtigen Arbeiten auf seiner eigenen Netzpräsenz, rauscht deutsche Theatergeschichte vorbei. Nicht nur als Story oder Text, sondern mit bleibenden Bildern samt Gefühlen im Kopf, und man sinniert sehr, sehr lange über Enttäuschungen, die sich an ihm und seiner Darstellung festmachen ließen. Vergeblich.

Das Gegenteil ist hingegen üppig bestückt und verbindet ihn – neben den acht aktuellen Inszenierungen – mit großen Autoren und bekannten Regisseuren in der Ära von vier Intendanten. Klaus-Dieter Kirsts „The Rocky Horror Show“ in der Zirkuszeltvariante anno 1993 wurde mit ihm als Frank N Furter zum Kult, später folgten als Hauptrollen Johannes Vockerat in Hauptmanns „Einsame Menschen“ in Regie von Horst Schönemann, Hettore Gonzaga in Hasko Webers „Emilia Galotti“ oder der Apollon in Löschs „Orestie“. Vor allem aber ist Mesgarha als der dreifache Dresdner Mephisto berühmt – jeweils in Regie von Holk Freytag in den Jahren 2005 und 2007, als jener ihn nicht nur für Klaus Manns Henrik Höfgens, sondern auch in „Faust I“ und „Faust II“ als teuflischen Spieler besetzte.

Traumrollen also, die für ihn, Ostberliner Jahrgang 1963, nur über gewisse Umwege zugänglich waren. Sein Vater stammt aus einer iranischen Dynastie, der dank der Flucht eines Onkels nach Berlin kommen konnte, und blieb auf dem Prenzelberg. Der Onkel, als Schauspieler und Intendant ein berühmter Theatermann in Teheran, musste vor dem Schah fliehen – so dass diese familiäre Wurzeln bis heute ein wunder Punkt bleiben, der noch der Bearbeitung harrt. „Im Osten war das kein Problem, da war mein Name genauso exotisch wie jene der Kosmonauten, denen wir alle nachstrebten.“ Erst viel später erfuhr er, dass sein Vater, der in Berlin von der Stasi genau beobachtet wurde, um der Familie willen jede Rückkehr mied. Es war die mangelnde Gewissheit einer heilen Rückreise, die einen Besuch verhinderte.

Sein Umweg über Baufacharbeiter mit Abitur und Grundwehrdienst war hingegen DDR-typisch. „Mein Vater war Baustatiker, ich wäre gern Architekt geworden“, erklärt Ahmad Mesgarha heute. So machte er, trotz bestandener Aufnahmeprüfung an der Theaterhochschule, seinen Berufsabschluss und ging erst danach, also 1985, zum Studium nach Leipzig.

Sein festes Dresdner Engagement begann in den letzten DDR-Atemzügen im September 1990, zuvor war er ein Jahr bei Peter Sodann in Halle und spielte dort unter anderem Mordret in dessen 89er-Version von Christoph Heins „Ritter der Tafelrunde“. Auch im Großen Haus begann er hochdramatisch: als Cal in Koltes’ „Kampf des Negers und der Hunde“ in Regie von Tobias Wellemeyer. Nun also Othello, den Shakespeares als „Mohr von Venedig” und schwarzen Kriegshelden zeichnet, der als erfolgreicher General im politischen Machtkampf an latentem Rassismus, besonders geschürt durch seinen Fähnrich Jago, scheitert.

Fremdsein als zunehmendes Gefühl

Mesgarha schwärmt in seiner eloquenten Weise für den Regisseur. Dieser heißt Thorleifur Örn Arnarsson, ist fünfzehn Jahre jünger und Isländer (siehe auch DNN-Interview vom 27.10.). „Thor ist jemand mit unglaublicher Beobachtungs- und Motivationsgabe. Er sieht alles und weiß genau, was er will. Und er vermittelt Dir das – per Blickkontakt, drei Zentimeter vor Dir, direkt in die Augen“, erklärt Mesgarha den intensiven Probenprozess, der gerade jetzt in der spannendsten Phase sei.

Zuvor haben sie gemeinsam seine persönliche Befindlichkeit und die des Helden abgeglichen. Arnarsson fragt genau nach – und Mesgarha, der in Dresden mit Ehefrau, zwei Töchtern im Alter von 15 und 18 Jahren plus friedlichem Zusammenleben von Hund Ayla und zwei Katzen im eigenen Heim eigentlich perfekt integriert und glücklich sein sollte – kommt ins Grübeln. Er war just vor einem Jahr auf dem Theaterplatz, als die patriotischen Europäer fürs Abendland ihren Geburtstag feierten. Und zwar mittendrin – statt wie die meisten Beobachter nur am Rande.

„Das ist ganz anders als im Fernsehen. Du spürst die Masse und fühlst deren Erregung. Und siehst viele kluge Gesichter. Das ist für mich beängstigend. Denn was sage ich, wenn die mal sagen: Du bist doch aus dem Morgenland – Du gehörst doch gar nicht zu uns?!”

Daher speist sich eine innere Unruhe und auch eine abstrakte Form der Angst, die bislang zum Glück noch nicht durch leibhaftige Episoden bestätigt wurde. Aber was, wenn das passiert? Wenn einer ihm persönlich die Fragen im Duktus Jagos stellte? „Meinen Namen könnte ich zwar erklären oder auch ändern, aber mein Aussehen kann ich nicht leugnen. Ist diese Bühne und meine Bekanntheit vielleicht der einzige Schutz für mich?“

Dabei ist Mesgarha nicht nur eloquent und selbstbewusst, sondern wirkt auch kerngesund. Das liegt am Sportsgeist in ihm: Er joggt zwar schon immer, doch seit einem Unfall 2008 läuft er in neue Bereiche – für den Kick, der hier „Flow“ heißt. „Ich wandere oder pilgere schon immer gern und weit. Aber den ,Flow’ erreichst Du nur, wenn Du in einer gewissen Geschwindigkeit rennst“, erklärt er seinen sportlichen Ehrgeiz, der ihn so elegant wie ausgeruht erscheinen lässt. Fünfeinhalb Minuten ist dafür seine Kilometernorm, die er gern mit dem Familienhund testet, dem aber nach einer Stunde oder zehn Kilometern dann doch die Puste ausgeht. Als Mesgarha den Berlin-Marathon in 3:32 schaffte, fiel er im Ziel um und fragte beim Aufwachen im Sauerstoffzelt zuerst nach der Medaille, die schon auf seiner Brust lag. Nächstes Jahr will er im Mai zum zweiten Mal den langen Rennsteiglauf (72,7 Kilometer) absolvieren – diesmal unter neun Stunden. Die Frage nach dem Warum hat er für sich und andere schon ausführlich beantwortet: Im April erscheint sein Buch „Was willst Du denn auf Island?” über seinen verrückten Lauftrip quer über die Insel im Dresdner Buchverlag.

Nun verzichtete er für seinen Othello sogar auf den Dresdner Halbmarathon am vergangenen Sonntag, für den seine Zielzeit bei 1:45 gelegen hätte. Dafür wäre auch der Kopf nicht frei genug gewesen. Denn nur drei Seiten umfasse der entscheidende Dialog zwischen Othello und Jago – und schon zweifelt der standhafte Othello an der großen Liebe von und zu Desdemona. „Verdammte Eifersucht“, ruft Mesgarha in echt. Und ergänzt: „Er ist fremd, wie ich mich fühle – jeden Tag ein wenig mehr. Jeden Tag ein wenig fremder.“

Die Antwort ist nicht Schweigen, sondern wartet am Abend auf der Bühne.

Premiere von „Othello“, Sa, 19.30 Uhr, Schauspielhaus Dresden. Eventuell Restkarten an der Abendkasse. Weitere Termine: 31. Oktober sowie 9., 18. & 25. November.

Von Andreas Herrmann

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Ahmad Mesgarha (Othello)

Ahmad Mesgarha ist kein Ausländer. Er ist gebürtiger Berliner, Muttersprache deutsch, aber er hat zur Hälfte iranische Wurzeln. Und daher befand schon früh eine Theaterkritik, er spreche sehr gut Deutsch. Nun spielt Mesgarha am Dresdner Schauspielhaus den Othello und sagt gleich zu Beginn: „Ich fühle mich fremd, jeden Tag fremder.“

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