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Abendfüllender Klavierwerk von Thuon Burtevitz wird in der „Présence“ in Dresden-Rochwitz uraufgeführt

Neustimmung des Klaviers Abendfüllender Klavierwerk von Thuon Burtevitz wird in der „Présence“ in Dresden-Rochwitz uraufgeführt

Am 27. Januar wird in der „Présence“ in Dresden-Rochwitz die anderthalbstündige Klavierkomposition „axia“ der in Dresden lebenden Komponistin Thuon Burtevitz uraufgeführt werden. Thuon Burtevitz entwickelte für „axia“ eine eigene Stimmung. In ihrem System sind alle Intervalle verschieden groß, selbst die Oktaven.

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Thuon Burtevitz

Quelle: privat

Dresden. Die Bedeutung des Stimmungssystems eines Klaviers oder einer Orgel kann nicht unterschätzt werden. Noch vor 200 Jahren ging man davon aus, dass ein Stimmungssystem nichts weniger als die gesamte Weltordnung betraf. Die Suche nach dem vollkommenen Stimmungssystem war Teil der Suche nach einer Ordnung in einer unüberschaubaren Welt. Die Stimmung sollte der kosmisch-göttlichen Harmonie entsprechen. Sie hatte moralische Bedeutung, es gab „gute“ und „böse“ Intervalle. Zahlreiche Versuche wurden unternommen, die Widersprüche der Töne zu überwinden und alle Töne in einem einzigen System zu vereinen.

Durchgesetzt hat sich im 19. Jahrhundert die gleichschwebend temperierte Stimmung. Sie bestimmt bis heute unsere Musik. Ihr Erfolg hat vor allem praktische Gründe: in diesem Stimmungssystem können innerhalb einer Komposition alle zwölf Dur- und Molltonarten benutzt werden. Aber sie beruht auf einem technischen Kunstgriff: Die Töne werden hier so miteinander ins Verhältnis gesetzt, dass die Intervalle, bis auf die Oktave, akustisch nicht rein gestimmt sind. Die verschiedenen Eigenschaften der einzelnen Tonarten gehen verloren. Alle Tonabstände, alle zwölf Tonarten sind uniformiert, die Töne quasi gerastert. Diese Stimmung wiederum basiert letztlich auf dem System der natürlichen Zahlen. Genau 100 Cent beträgt der Abstand von Halbton zu Halbton. Mit diesem Stimmungssystem steht man der Unendlichkeit nicht mehr gegenüber, sondern man hat bereits eine einschränkende Auswahl nach praktischen Kriterien getroffen.

Diese gleichschwebend temperierte Stimmung ist mittlerweile zu einer leider nur noch selten hinterfragten Selbstverständlichkeit geworden. Nicht nur das Bewusstsein um die philosophischen und ethischen Dimensionen eines Stimmungssystems ging verloren, es verschwand auch das Bewusstsein, dass auch andere Stimmungssysteme und damit andere Arten von Musik möglich sind. Heute werden andere Stimmungen noch bei Aufführungen Alter Musik und in außereuropäischen Traditionen verwendet. Und gelegentlich werden in der gegenwärtigen Musik neue Stimmungssysteme erkundet. Diese erweitern jedoch lediglich häufig das gleichschwebend temperierte Stimmungssystem um zusätzliche Viertel- und Mikrotöne.

Am 27. Januar wird in der „Présence“ in Dresden-Rochwitz die anderthalbstündige Klavierkomposition „axia“ der in Dresden lebenden Komponistin Thuon Burtevitz uraufgeführt werden. Thuon Burtevitz entwickelte für „axia“ eine eigene Stimmung. In ihrem System sind alle Intervalle verschieden groß, selbst die Oktaven. Quinten zum Beispiel gibt es acht verschiedene. Die Ordnung wird geöffnet hin zur Unendlichkeit, bleibt aber gleichwohl eine Ordnung. Das Komponieren beginnt bereits mit der Erarbeitung der Stimmung. Die Musik löst sich vom System der natürlichen Zahlen, schafft zugleich ein eigenes Zahlensystem. Ein Abstand von Ton zu Ton ist nie gleich einem anderen Abstand von Ton zu Ton, eine Eins ist nie gleich einer Eins. Mit ihrem Stimmungssystem will Thuon Burtevitz das gleichschwebend temperierte System nicht ersetzen. Die Art, wie sich die Töne zu einander verhalten, schafft eine bestimmte Welt. Die von Thuon Burtevitz komponierte Stimmung ist ein neuer Weg, mit der Unendlichkeit umzugehen. Das besondere an diesem Weg ist, dass er das Bewusstsein aufrecht erhält, sich in der Unendlichkeit zu bewegen.

Auf dem komponierten Stimmungssystem basieren in der an Melodien reichen Komposition „axia“ auch Form und Rhythmus. Mikro- und Makrokosmos sind aufeinander bezogen. So arbeitet Thuon Burtevitz etwa mit den verschiedenen rhythmischen Tonveränderungen (Schwebungen), die durch die Verbindung verschiedener Töne ihrer Stimmung entstehen. Der Ton wird zum Rhythmus und der Rhythmus zum Ton. Axia ist ein altgriechisches Wort, dass unter anderem „grundlegender Wert“ bedeutet.

Thuon Burtevitz wurde 1973 in Halle/Saale geboren. Komposition studierte sie in Leipzig bei Dimitri Terzakis und bei Jörg Herchet in Dresden. Bereits in ihrer Komposition „Rabba in Sard...“ für Violine und Klavier, für die sie den Stuttgarter Kompositionspreis erhielt, erweiterte sie die klanglichen Möglichkeiten des Klaviers.

Der 1962 geborene Pianist Stefan Eder wird „axia“ bei der Uraufführung interpretieren. Der Abend ist zugleich die Eröffnung des neuen Konzertsaales der „Présence“ in Dresden-Rochwitz. Bekannt ist die „Présence“ bereits als Ort der Werkstattkonzerte des Dresdner Klaviertrios elole. Bisher fanden sie im Haupthaus des Dreiseithofes statt, unter dem Kreuzgewölbe, im ehemaligen Kuhstall und Kohlenlager. Jetzt hat Stefan Eder auch die ehemalige Scheune in Eigenleistung und ganz ohne öffentliche Fördermittel ausgebaut. Dieser neue, größere Saal soll zugleich Galerie, Atelier und Konzertsaal sein. Beide Säle der „Présence“ sind gedacht als Stätten der Kunst der Gegenwart: Musik, bildende Kunst und Literatur.

Konzert: 27.Januar, 19.30 Uhr, Présence, Altrochwitz 10

Von Patrick Beck

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