Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Stadtpolitik Stadtmitarbeiter in Dresden immer häufiger Opfer von Übergriffen
Dresden Stadtpolitik Stadtmitarbeiter in Dresden immer häufiger Opfer von Übergriffen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:59 02.01.2019
Die Stadt reagiert mit erhöhten Sicherheitsvorkehrungen auf die aktuelle Entwicklung. Quelle: Anja Schneider
Dresden

In Dresden hat es im zurückliegenden Jahr einen sprunghaften Anstieg von Übergriffen auf Mitarbeiter der Stadtverwaltung gegeben. Allein bis Mitte Dezember gab es 76 Fälle sogenannter „Gewalt im Dienst“, erklärte Stadtsprecher Kai Schulz auf DNN-Anfrage. Das waren schon vor Abschluss des Jahres deutlich mehr Fälle als jeweils in den vollen zwölf Monaten der letzten fünf Vorjahre.

Ende November hatte eine Attacke auf den Leiter des Dresdner Jugendamtes, Claus Lippmann, für Aufsehen gesorgt. Der Behördenchef sollte vor dem Amtsgericht als Zeuge aussagen. Noch bevor es dazu kam, wurde er vom Angeklagten angegriffen. Der Mann schlug Lippmann mit einem Schlüsselbund in der Hand ins Gesicht. Dabei stand der Angreifer schon wegen Beleidigung und Nötigung von Verwaltungsmitarbeitern vor Gericht.

Angst in den Amtsstuben

Bildungsbürgermeister Hartmut Vorjohann (CDU), dem auch das Jugendamt unterstellt ist, sprach von einem „zutiefst schockierenden“ Angriff. Doch Lippmann, der ins Krankenhaus musste und frühestens jetzt im Januar wieder arbeitsfähig sein könnte, ist kein Einzelfall. In der Verwaltung machte sich nach dem Vorfall Verunsicherung breit. Mitarbeiter sprachen im Vertrauen über ihre Ängste und stellten Fragen nach dem Sicherheitskonzept der Stadt.

Die Verwaltung reagiert auf den Vorfall zunächst mit verstärkten Sicherheitsvorkehrungen. Die folgende Sitzung des Jugendhilfeausschusses war durch Sicherheitspersonal betreut worden. Gegen den Angreifer wurde ein Hausverbot verhängt. Der Wachschutz am Haupteingang wurde speziell für die Situation sensibilisiert und in den Bereichen des Jugendamtes verstärkt. An die Mitarbeiter im gesamten Rathaus erging die Aufforderung zu erhöhter Aufmerksamkeit.

Polizeieinsatz notwendig

2017 hatte es in den verschiedenen Verwaltungsbereichen der Stadt Dresden insgesamt 49 Fälle von gewaltsamen Übergriffen gegeben, im Jahr davor war es ein Fall weniger, 2015 mit 54 Fällen die meisten der letzten fünf Jahre. 2014 hatte es 53 Zwischenfälle gegeben.

Die meisten Übergriffe im Jahr 2018 ereigneten sich laut Stadtsprecher Schulz im Sozialamt und Jugendamt und dabei vorwiegend im Kinder- und Jugendnotdienst. Dort wurden Mitarbeiter körperlich angegriffen, so dass die Polizei gerufen werden musste. Dieser Bereich ist beispielsweise zuständig, wenn Minderjährige auf der Straße aufgegriffen werden oder Kinder- und Jugendliche aus ihren Elternhäusern flüchten. Allein in diesen beiden Amtsbereichen gab es 46 Fälle „verbaler Bedrohung“. In fünf Fällen wurden Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen verletzt. Darunter befanden sich jedoch auch drei Vorgänge, in denen Kinder offensichtlich ungewollt ihren Erziehern Schaden zufügten.

Bei den Angreifern handelte es sich einerseits um Bürger, die mit der Bearbeitung ihres Falles unzufrieden sind, zum Beispiel beim Unterhalt oder dem Umgangsrecht, und andererseits um gewaltbereite Jugendliche und Eltern im Kinder- und Jugendnotdienst.

Hass-Mails nach Übergriff

Die Verrohung der Sitten ist dabei weit vorangeschritten: „Nach der Verletzung von Herrn Lippmann erhielt das Jugendamt mehrere anonyme E-Mails von Menschen, die diesen Angriff guthießen und meinten, das hätten noch mehr Mitarbeiter verdient“, teilte Stadtsprecher Schulz mit.

In 71 Fällen wurde den Mitarbeitern verbal mit Gewalt gedroht. Gemeldet worden seien zudem fünf Fälle, in denen dies schriftlich erfolgte. In 30 Fällen kam es tatsächlich zu Übergriffen, davon acht Fälle in Kindertageseinrichtungen.

Bei 24 Fällen, handelt es sich beispielsweise um Vorfälle, in denen sich aufgebrachte Bürger oder Leistungsberechtigte in den Bürgerämtern, Jobcenter, Sozialamt, Jugendamt (Verwaltung), Regiebetrieb Zentrale Technische Dienstleistung beschwert hätten. 44 Fälle ereigneten sich im Jugendamt im Kinder- und Jugendnotdienst. Die Bedrohungen erfolgten durch die Jugendlichen, oder die Kindseltern. Neun Fälle ereigneten sich in Kindereinrichtungen.

Die Vorfälle spielen sich vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen ab. Im Sommer hatte der Ohrfeigen-Skandal in Dresden für Wirbel gesorgt, als FDP und CDU-Politiker Sympathien für Handgreiflichkeiten einer Ex-PDS-Politikerin gegenüber einem früheren Bürgermeister erkennen ließen. In seiner Neujahrsansprache warnt Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) vor einer Verrohung der Sitten in den sozialen Netzwerken. Er fordert die Bürger auf, für die Demokratie einzutreten.

Längere Arbeitsunfähigkeit

Angaben zu gefährlichen Gegenständen wie Messer oder Waffen, die Bürger mit in die Verwaltung bringen, kann die Stadt nicht machen, da an den Eingängen keine Kontrolle der Bürger auf solche Gegenstände erfolgt.

In mehreren Fällen hatten die Übergriffe ernste Folgen für die Mitarbeiter. In fünf Fällen konnten Mitarbeiter bis zu drei Tage nicht zur Arbeit kommen, in fünf weiteren Fällen waren sie mehr als drei Tage arbeitsunfähig.

Nach den Angaben von Rathaussprecher Kai Schulz hat die Stadt ein Sicherheitskonzept mit Stand vom 21. März 2011 im Rahmen der bisherigen Rathaussanierung umgesetzt. „Ein ganzheitliches fortgeschriebenes Sicherheitskonzept soll im Jahr 2019 erarbeitet werden“, kündigte Schulz an. Derzeit bereite das Amt für Hochbau und Immobilienverwaltung dazu die Ausschreibung vor. Die Umsetzung der baulich-technischen sowie organisatorischen Maßnahmen werde „integriert in die Umsetzung der vorgezogenen Sanierungsmaßnahmen ab 2021 stattfinden“.

Stadt erhöht Sicherheit

Schul fügte für das Rathausgebäude am Külz-Ring hinzu: „Als Sofortmaßnahmen werden bereits 2019 die Voraussetzungen geschaffen, die bereits installierte Videotechnik im sanierten Gebäudeteil in Betrieb zu nehmen. Außerdem wird um den Empfangstresen im Haupteingang eine trennende Sicherheitsverglasung eingebaut.“

Die Kosten für die Sonderbewachung von Sitzungen des Stadtrats oder des Jugendhilfeausschusses, die generell nach Bedarf veranlasst würden, bezifferte die Stadt für 2018 mit rund 12 000 Euro. Angaben zu Kosten durch Ausfallzeiten und ähnliches gab es nicht.

Trotz der aktuellen Entwicklung soll am Konzept eines offenen Rathauses für die Bürger „grundsätzlich festgehalten“ werden. Es gehe darum, die richtige Balance zu finden zwischen der Sicherheit für die Mitarbeiter und Besucher einerseits und der notwendigen Offenheit und Transparenz eines Verwaltungsgebäudes im 21. Jahrhundert andererseits. „Kritische Situationen oder gar Übergriffe aus der Vergangenheit zwischen Bürgern sowie unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern werten wir aus und ziehen daraus Schlussfolgerungen für die Fortschreibung des Sicherheitskonzepts“, erklärte Schulz.

Fallzahlen

2018:76 Fälle (bis 10.12.)

2017:49 Fälle

2016:48 Fälle

2015: 54 Fälle

2014:53 Fälle

Quelle: Stadt

Von Ingolf Pleil

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

43,5 Millionen Euro hat der Stadtrat zur Verfügung, um eigene Vorstellungen für den Haushalt 2019/2020 verwirklichen zu können. Rot-Grün-Rot hat jetzt eine erste Wunschliste mit einem Volumen von 7,62 Millionen Euro vorgelegt.

31.12.2018

56.000 Quadratmeter Wasserfläche in Schwimmhallen müsste Dresden nach Maßgabe der bundesweit geltenden Bäderbaurichtlinie den Bürgern anbieten. Aktuell sind aber nur 40.000 Quadratmeter vorhanden. Die Grünen mahnen, die Standorte in Klotzsche und Neustadt/Pieschen nicht gegeneinander auszuspielen.

27.12.2018

Stadtrat Tilo Kießling (Linke) hat sich in einem Schreiben an Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) gewandt: Eine Reduktion der geplanten Auszahlungen für Hilfen zur Erziehung könne nur vertreten werden, wenn das die Jugendhilfe nicht gefährde. Doch gerade das wird nun befürchtet.

21.12.2018