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Stadtpolitik Sozialbürgermeisterin Kris Kaufmann zum Tag der Pflege im Interview
Dresden Stadtpolitik Sozialbürgermeisterin Kris Kaufmann zum Tag der Pflege im Interview
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12:16 12.05.2018
30 Prozent der Betroffenen werden in Dresden in einer stationären Einrichtung gepflegt. Quelle: Agnieszka Krus
Dresden

27 Prozent der Dresdnerinnen und Dresdner sind älter als 60 Jahre.149.000 über 60-Jährige leben gegenwärtig in der Stadt. 2030 wird ihre Zahl auf 162.400 ansteigen. Die Zahl der über 80-Jährigen klettert von derzeit 36.000 auf 45.700. Ist Dresden auf die demografische Entwicklung vorbereitet? Ein Interview zum Tag der Pflege mit Sozialbürgermeisterin Kris Kaufmann (Die Linke).

Frage: Gibt es in Dresden einen Pflegenotstand?

Kris Kaufmann: Nein. Aktuell haben wir noch keinen Pflegenotstand. Wir finden für jeden Menschen jeden Alters eine Betreuungsmöglichkeit. Aber es wird schwieriger. Dabei steht die ambulante Pflege im Mittelpunkt. Wir wollen die Menschen dabei unterstützen, nach Möglichkeit in ihrem Wohnumfeld in Würde alt zu werden.

Welchen Anteil tragen Familienangehörige der Betroffenen an der Pflege?

70 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause gepflegt. Und von diesen Menschen werden wieder 70 Prozent von Angehörigen gepflegt – das sind fast 10 000 Personen. Nur ein kleiner Teil der Pflegebedürftigen ist in den 60 stationären Einrichtungen mit rund 6000 Plätzen in der Stadt untergebracht. Hinzu kommen 114 ambulante Pflegedienste, Tendenz steigend.

Gibt es genügend Pflegefachkräfte in Dresden?

Es gibt wohl kein Unternehmen, das nicht freie Stellen in der Fachpflege hat. Wir müssen dem Beruf mehr Wertschätzung entgegenbringen und brauchen dringend mehr Nachwuchs. Wir steuern auf einen Fachkräftemangel zu.

Was kann die Sozialverwaltung tun?

Unsere Möglichkeiten als Kommune sind stark beschränkt. Wir haben das Thema bei der Fachkräftegewinnung über die Wirtschaftsförderung auf der Agenda. Bei der kommunalen Pflegefachplanung arbeiten wir gemeinsam mit den Partnern wie kirchlichen Trägern oder Ehrenamtlichen zusammen, um gemeinsam eine Pflegeinfrastruktur der Zukunft zu entwickeln.

Wer koordiniert die Pflegeangebote in der Stadt?

Das ist den Pflegekassen und den privaten Akteuren überlassen, die für eine Angebotsvielfalt Sorge tragen. Es ist keine kommunale Aufgabe. Wir als Stadtverwaltung haben aber ein starkes Interesse daran und wollen bei den Akteuren ein Grundverständnis dafür entwickeln, wie gute Pflege aussehen muss und wie das Pflegesystem durchlässiger gestaltet werden kann, zum Beispiel mit Alltagsbegleitern oder Nachbarschaftshelfern. Der Austausch erfolgt derzeit im Pflegenetz Dresden. Es wurde schon 2011 gemeinsam mit den unterschiedlichsten Partnern gegründet.

„Die Pflegeversicherung ist keine Vollkaskoversicherung“

Wieviel Einfluss hat die Kommune auf die Qualität der Pflege?

Das ist eine schwierige Thematik. Ich würde gerne kleinteilige Strukturen schaffen mit einer Angebotsvielfalt, die den Angehörigen die Wahl lässt. Aber das können wir nicht steuern. Wir haben keinen Einfluss darauf, wenn ein Investor ein Pflegeheim mit 100 oder 300 Betten errichten will.

Die Zahl der pflegenden Angehörigen ist beeindruckend hoch. Wird politisch darauf reagiert? Wie werden Angehörige unterstützt?

Sie können sich vom Arbeitgeber freistellen lassen und erhalten je nach Pflegegrad zwischen 316 und 901 Euro pro Monat. Pflege ist überwiegend weiblich und eine Aufgabe der Töchter oder Schwiegertöchter. Hier wird das Netz löchriger, weil viele Frauen aus Sachsen weggezogen sind. Momentan funktioniert es aber noch.

Sind 316 bis 901 Euro pro Monat angemessen?

Das ist definitv nicht viel. Das Geld soll den Pflegeaufwand kompensieren. Wer es sich leisten kann, lässt professionell pflegen. Vor allem wer das Geld nicht hat, pflegt mit eigener Kraft zu Hause. Da klafft die Schere auseinander. Wir sprechen ja nicht nur über Altenpflege, sondern auch über pflegebedürftige Kinder, die zu einem großen Teil im familiären Umfeld aufwachsen.

Bei der Kinderbetreuung gibt es eine Mischfinanzierung. Warum ist Pflege für die Angehörigen mit hohen finanziellen Einbußen verbunden?

Die Pflegeversicherung ist keine Vollkaskoversicherung. Die Pflegeversicherung zahlt nur einen gewissen Anteil. Was darüber hinausgeht, zahlt die entsprechende Person oder ihr Umfeld. Eine Mischfinanzierung wie bei der Kinderbetreuung wird es nicht geben, da muss man realistisch sein. Und Pflege wird immer teurer, weil Fachkräfte ordentlich bezahlt werden müssen.

„Bei der Gestaltung der Stadt müssen wir für ältere Menschen mitdenken“

Crystalkonsum kann auch in die Pflegebedürftigkeit führen. Gibt es einen Anstieg an jungen pflegebedürftigen Drogenabhängigen?

Darüber liegen keine Statistiken vor. Aber tendenziell ist ein Anstieg zu verzeichnen.

Pflege ist nur ein Aspekt des Themas Altern. Welche Angebote gegen Alterseinsamkeit gibt es?

In England gibt es ein Ministerium gegen Einsamkeit. Wir verfügen über viele niedrigschwellige Angebote, insbesondere für einkommensärmere Personen, beispielsweise in Seniorenbegegnungsstätten oder Stadtteilzentren. Mit dem vom Bund angekündigten neuen Instrument im SGB II wollen wir Quartiersassistenten finanzieren, die gerade die Generation der über 60-Jährigen erreichen und diesen den Weg in niedrigschwellige Angebote weisen. Oder Nachbarschaftshelfer, die Angehörige von Pflegebedürftigen entlasten.

Ist Dresden auf die Herausforderungen der alternden Stadt vorbereitet? Finden sich alte Menschen in der Stadt noch zurecht?

Ich denke, ältere Menschen kommen auch in der „smart city“ immer besser zurecht, weil sie ja auch „smarter“ werden. Die digitale Welt bringt durchaus Vorteile. Die städtische Cultus kooperiert mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft mit einem Pflegeroboter. Die digitale Pflegedokumentation entlastet Pflegekräfte, damit sie sich wieder stärker dem Menschen zuwenden können, statt viel Zeit mit Büroarbeit zu verbringen. Die Cultus ist auf diesem Gebiet bereits Vorreiter. Bei der Gestaltung der Stadt müssen wir für ältere Menschen mitdenken und Barrierefreiheit einfordern. Piktogramme und große Schriften sind bei Hinweisen wichtig. Aber auch Online-Angebote mit vergrößerbaren Schriften. Unser Credo heißt: Keiner darf durchs Netz fallen.

Von Thomas Baumann-Hartwig

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