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Stadtpolitik Selbstgespräch im Stadtmuseum: Dialog mit Pegida-Anhängern entwickelt sich nicht weiter
Dresden Stadtpolitik Selbstgespräch im Stadtmuseum: Dialog mit Pegida-Anhängern entwickelt sich nicht weiter
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17:23 09.09.2015
Siegmar Gabriel am Freitagabend in Dresden. Quelle: dpa

„Wir selbst sind alle unser eigenes Präsidium. Jeder für sich. Also sagen Sie zu ihrem Nachbarn: Guten Abend Herr Präsident“, sagte Frank Richter, Leiter der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung zur Begrüßung. Die Gäste lachten.

Bei einem Gast wäre „Guten Abend Herr Vizekanzler“ richtig gewesen – Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) saß in der vorletzten Reihe. „Ich bin nur privat hier“, diktierte er jedem Journalisten gleich als ersten Satz in den Block und verwies für weitere Fragen auf das Ende der Veranstaltung. Frank Richter hatte trotz der zuletzt laut gewordenen Kritik an seinem Umgang mit Pegida nicht den Humor verloren. Das wurde in der Begrüßungsansprache klar. „Gekränkt hat mich nur ein Satz. Ich sei ein Steigbügelhalter der Rassisten“, sagte der Gruppe der 20 Mitbegründer, als sich der große Saal im Dresdner Stadtmuseum bis auf den letzten Platz füllte.

Wieder stand ein Tisch in der Mitte des Raumes an dem sich die Teilnehmer äußerten und dann ihren Platz für den nächsten Redner räumten – die Fischglas-Methode. „Jeder von ihnen muss versuchen den anderen zu ertragen und auszuhalten“, gab Richter den Anwesenden mit auf den Weg und bat sogar darum, nicht zu klatschen.

Wenigstens das mit dem Ertragen fiel vielen Gästen zu Beginn der Veranstaltung nicht schwer. Gleich der zweite Beitrag eines älteren Dresdners thematisierte die Hitlerbart-Affaire um Pegida-Organisator Lutz Bachmann. Es sei ausgesprochen blöd, so etwas über Facebook zu verbreiten, sagte er und gab im zweiten Satz dann doch dem „Hinrichtungsjournalismus“ die Schuld. „Es scheint die Erwartung zu bestehen, dass komplizierte Entscheidungen vom Himmel fallen“, stellte ein Student fest und das Publikum nahm es regungslos zur Kenntnis. Genauso wie die Feststellung „Brauchen wir Mohammed-Karikaturen? Um einigermaßen sicher zu leben, sollten wir Abstriche bei der Freiheit machen“. Geklatscht wurde beim Redebeitrag der DDR-Bürgerrechtlerin und ehemaligen Bundestagsabgeordneten Vera Lengsfeld (CDU). „Pegida missbraucht nicht den Ruf „Wir sind das Volk. Es handelt sich hier nur um eine Bürgerbewegung, die zum Verwundern vieler nicht links entstanden ist“, sagte die ehemalige Politikerin und kritisierte die „Gesinnungsberichterstattung“ der Medien. Auf Politikern, die auf Antifa-Demos mitlaufen, und Journalisten liege ein Schatten. Mit weit mehr Gegenwind musste sich Wilfried Schulz, Intendant des Dresdner Staatsschauspiels, herumschlagen, als er eine latente Fremdenfeindlichkeit beklagte: „Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass sich viele Menschen in der Stadt gefährdet fühlen“. Eine Aussage, die teils wütenden Protest aus dem Publikum nach sich zog.

Wie schon in der ersten Ausgabe des Dialog-Versuches fiel auf, dass Pegida-Anhänger die Diskussion dominieren und eine echte Auseinandersetzung mit der Islamkritik, der völkischen Sprache und der offensichtlich rechtsextremen Gesinnung einiger Demonstrationsteilnehmer, die in der Bewegung eine neue Heimat gefunden haben, durch die Gewichtung der Gäste kaum möglich war. Lieber wird über die Allgemeine politische Unzufriedenheit geredet. Insgesamt sprachen 13 Pegida-Befürworter, fünf Neutrale und vier Gegner der Bewegung. Wäre nicht eine Schulklasse aus Neukölln mit ihrem Lehrer angereist, würde der Schnitt noch schlechter ausfallen. „Wir laden die ein, die uns angeschrieben haben“, erklärte Frank Richter nach der Dialog-Veranstaltung.

Ebenfalls eingeladen war der Vizekanzler. Gabriel versammelte nach der Veranstaltung ein kleines Grüppchen Pegida-Anhänger um sich. „Ich würde nicht mit den Organisatoren reden, aber mit den Menschen“, sagte er und stürzte sich in eine fast einstündige Dauerdiskussion. Ein Mann redet über Libanesen-Clans, die deutsche Großstädte tyrannisieren, die wolle er in Dresden nicht haben. „Das Beispiel mit den Libanesen ist wirklich schlimm. Aber ich bestreite, dass das Deutschland oder Berlin ist – es ausmacht“, antwortete Gabriel und griff die Religionskritik, die die Islamisierungsgegner schon im Namen tragen würden an: „Der müsste geändert werden. Heißt dann wahrscheinlich AfD“, witzelte er. Sein Gesprächspartner wechselte das Thema und redete über Berliner Weihnachtsmärkte, die jetzt alle in Wintermärkte umbenannt werden sollen. „Das stimmt einfach nicht“, widersprach Gabriel und wettet auf Handschlag um eine Flasche Bier. Nicht das letzte Mal an diesem Abend.

Hauke Heuer

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