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Kritik an Freikartenflut im Festspielhaus Hellerau

„Besonderheiten“ im Europäischen Zentrum der Künste Kritik an Freikartenflut im Festspielhaus Hellerau

Zu wenig zahlende Zuschauer, zu viele Freikarten und zahlreiche Dienstreisen in ferne Länder. Das ist die Bilanz von Dieter Jaenicke, Intendant des Europäischen Zentrums der Künste in Hellerau. Rechnungsprüfer und Stadträte üben harsche Kritik.

Seit der Offenlegung des aktuellen Rechnungsprüfungsberichtes der Stadt steht das Europäische Zentrum der Künste in Hellerau (EZK) scharf in der Kritik.

Quelle: dpa

Dresden.  Seit der Offenlegung des aktuellen Rechnungsprüfungsberichtes der Stadt steht das Europäische Zentrum der Künste in Hellerau (EZK) scharf in der Kritik. Die Rechnungsprüfer monierten generell die uneinheitlichen und intransparenten Vergaberegeln für Freikarten in vielen Dresdner Kultureinrichtungen und wiesen darauf hin, dass allein in vier Spielstätten innerhalb von drei Jahren Freikarten im Wert von rund einer Million Euro vergeben worden seien.

Ein besonderer Augenmerk liegt dabei auf Hellerau, wo unverhältnismäßig viele Freikarten vergeben werden. Zumal die schwache Resonanz beim Publikum und die geringe Eigenfinanzierungskraft des EZK im Kulturausschuss regelmäßig für Unmut sorgen und mancher das Konzept deshalb generell in Frage stellt. „Die sehr schwachen Kasseneinnahmen sorgen regelmäßig für einen Dissens in der Betrachtung des EZK, ob Angebot und Programm die hohen Förderungen durch die Stadt rechtfertigen“, so Stadtrat und Kulturausschuss-Mitglied Wilm Heinrich (SPD).

Die Ausführungen im Rechnungsprüfungsbericht befeuern diese Diskussion nun erneut. „Zu hinterfragen wäre besonders der sehr hohe prozentuale Anteil der nicht zahlenden Besucher im EZK ... und in wie weit dieser hohe Anteil gerechtfertigt ist, beispielsweise in Bezug auf andere steuerfinanzierte Kultureinrichtungen“, so die Stellungnahme der Prüfer. Konkret sprechen sie im Prüfzeitraum von 2011 bis 2013 davon, dass Hellerau als die Einrichtung mit dem geringsten Ertrag gut 20 Prozent all ihrer Tickets als Freikarten vergeben habe. Andere Einrichtungen wie Philharmonie oder Staatsoperette hätten dagegen lediglich einen Anteil von vier bis fünf Prozent zu verzeichnen.

„Das wirft die Frage auf, ob in Hellerau die Besucherzahlen so in die Höhe getrieben werden“, sagt Stadtrat Heinrich. EZK-Intendant Dieser Jaenicke übt seinerseits Kritik: „Wir sind mit der Berechnungsgrundlage durch die Prüfer nicht einverstanden, die 20 Prozent entsprechen aus unserer Sicht nicht den Tatsachen.“ Auch seien viele Vorstellungen nicht ausverkauft, womit man mit Freikarten auch keine potenziellen Einnahmen verschenke. Stimmt, die Plätze bleiben sonst einfach leer, was die schwache Auslastung noch stärker verdeutlichen würde.

Wie miserabel die Einnahmesituation des EZK ist, zeigen folgende Zahlen: 2016 erlöste Hellerau bei 28 000 zahlenden Besuchern Eintrittsgelder in Höhe von etwa 203 000 Euro. Das entspricht einem durchschnittlichen Kartenpreis von 7,21 Euro – dem gegenüber steht nach Angaben des Kulturamtes einer Förderung von rund 115 Euro pro verkaufter Karte durch die Stadt.

„Zeitgenössische Kunst ist ein schwieriges Feld. Deshalb liegt unserer Hauptfokus nicht auf der Einnahme durch Ticketverkäufe sondern auf der Einwerbung von Fördermitteln. Und da sind wir sehr tüchtig“, rechtfertigt sich Jaenicke. Zwar fallen die Ticketeinnahmen von 2016 bei einem Gesamtbudget von über 4,4 Millionen Euro sehr gering aus, doch der Anteil der eigens akquirierten Förderungen und sonstigen Einnahmen liege mit rund 1,3 Millionen Euro bei fast 30 Prozent.

Das EZK teilte zu dem mit, man vergebe zudem nur rund 3500 Freikarten im Jahr. Das entspreche etwa einem Anteil von 12,5 Prozent – weniger als im Rechnungsprüfungsbericht vorgelegt. Bei der Staatsoperette sind es dagegen beispielsweise nur 3,7 bis 6,1 Prozent. „Sie können Äpfel nicht mit Birnen vergleichen, jedes Haus hat seine Besonderheiten und einen anderen kulturpolitischen Auftrag und Hintergrund“, meint Jaenicke.

Doch genau diese „Besonderheiten“ in Hellerau sind es, die Wilm Heinrich kritisch stimmen. „Ich habe immer wieder gegenüber Verwaltung und Kulturausschuss auf verschiedene Ungereimtheiten hingewiesen“, so der SPD-Stadtrat. Unter anderem forderte er im vergangenen Jahr die Offenlegung der Reisetätigkeiten von EZK-Intendant Jaenicke, dem er übermäßig viel Reiselust vorwarf. Gegenstand waren unter anderem fünf Reisen nach Brasilien, wo Jaenicke lange Zeit lebte und heute noch seine Tochter wohnt. Dass der Intendant solch strapaziöse Fernreisen ungeachtet der Finanzsituation seines Hauses in der Business Class absolviert (Ticket zwischen 3000 und 5000 Euro) versteht sich. Der Steuerzahler hat’s ja.

Doch auch hier fühlt sich der EZK-Intendant zu Unrecht in die Ecke getrieben. „Ich habe zu Beginn meiner Tätigkeit in Hellerau bewusst auf Reisen nach Brasilien verzichtet, um genau solche Gerüchte zu vermeiden. Wir haben im vergangenen Jahr europaweit das größte Festival-Projekt mit Brasilien auf die Beine gestellt, Anlass dafür war die Olympiade“, so Jaenicke. So seien seine vielen Dienstreisen auch wichtig, um entsprechende Fördergelder und Kooperationspartner zu akquirieren und das EZK weltweit bekannt zu machen. Zumindest in den Besucherzahlen spiegelt sich das nicht wieder. Zudem müssten alle Dienstreisen vom Kulturamt im Vorfeld überprüft und abgesegnet werden. Dort ist man offenbar eher großzügig. Sind ja nur Steuergelder.

Dennoch wird das Thema Hellerau – vor allem mit Blick auf die Freikartenvergabe – im nächsten Kulturausschuss der Stadt eine wichtige Rolle spielen. „Den hohen Anteil von Freikarten in Hellerau haben wir schon immer kritisch betrachtet. Um solchen Diskussionen ein Ende zu bereiten, muss eine einheitliche Regelung her, am besten auf Grundlage bundesweiter Richtlinien“, so Grüne-Stadträtin und Ausschuss-Mitglied Christiane Filius-Jehne. Sie ist sich zudem sicher, dass man sich auch gemeinsam mit Jaenicke-Nachfolgerin Carena Schlewitt, die die Intendanz im EZK zur Spielzeit 2018/2019 übernimmt, diesem Thema widmen werde. „Mehr (zahlende) Zuschauer, weniger Spesen“, wäre ein schönes Motto für die Neue.

Von Sebastian Burkhardt

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