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Jugendamtsleiter in Dresden warnt vor Folgen des Crystal-Konsums

Jugendhilfe Jugendamtsleiter in Dresden warnt vor Folgen des Crystal-Konsums

Im DNN-Interview äußert sich Jugendamtsleiter Claus Lippmann zu Ausgaben für Erziehungshilfen, die Kosten im Bundesvergleich und die Folgen des Konsums von Drogen wie Crystal.

Jugendamtsleiter Claus Lippmann.

Quelle: Stadt/S.Harder

Dresden.  In Dresden ist im vergangenen Jahr weniger Geld für Erziehungshilfen ausgegeben worden, als geplant. Im DNN-Interview erklärt Jugendamtsleiter Claus Lippmann, wie es dazu kam und wie die Prognosen aussehen.

Ende 2015 mussten fehlende Mittel für die Erziehungshilfen noch mit einer Haushaltssperre aufgebracht werden. Ist im vergangenen Jahr großzügiger geplant worden oder waren Sie sparsamer?

Wir haben im vergangenen Jahr weniger verbraucht als geplant. Der Anstieg der Fallzahlen ist geringer ausgefallen. 77,6 Millionen Euro Ausgaben sind geplant gewesen. Die genauen Zahlen werden wir aber erst Ende Februar auf dem Tisch haben, wenn alle Rechnungen eingegangen und gebucht sind. Erfahrungsgemäß stellen die freien Träger Ende des Jahres besonders viele Rechnungen.

Warum wurde das Geld nicht benötigt?

Die Hilfen zur Erziehung sind ein sehr komplexes System, monokausale Zusammenhänge sind da nicht zu vermuten. Eine kurzfristige Steuerung ist unmöglich, die Entwicklungen sind langfristig. Wir haben auch langfristig versucht, die Rahmenbedingungen zu beeinflussen. Wir haben eine stark ausgeprägte Präventionsarbeit. Im Bereich offene Jugendarbeit, Schulsozialarbeit, Straßensozialarbeit und so weiter ist Dresden mit etwa 18 Millionen Euro wahrscheinlich bundesweit spitze, wenn man es auf die Zahl der Jungeinwohner bis 20 Jahre berechnet. Gesellschaftliche Entwicklungen wie die Arbeitslosigkeit haben ebenfalls tendenziell Einfluss. Schließlich gibt es auch ein stark ausgebautes System früher Hilfen in Sachsen und Dresden von Begrüßungsbesuchen für junge Eltern bis hin zu Familienhebammen. Hilfebedarfe können da frühzeitig erkannt werden.

Wie steuern Sie im Jugendamt gegen?

Wichtig ist grundsätzlich, welche Aufmerksamkeit Ämter und Politik den Entwicklungen widmen. Wir haben dazu das Sachgebiet zentrale Steuerung aufgebaut und die hinreichende Personalausstattung spielt ebenfalls eine Rolle, das ist auch nicht in allen Jugendämtern üblich. Seit 2012 arbeiten wir an einer stabilen Besetzung aller Stellen, was durch geplante und ungeplante Fluktuation nach wie vor nicht vollständig gelungen ist. Neben dem Vergleichsnetz mit anderen Kommunen haben wir ein intrakommunales Vergleichssystem zwischen den Stadtteilen, das sehr erfolgreich funktioniert.

Die rot-grün-rote Kooperation hat sich auf die Schultern geklopft für höhere Ausgaben in der Prävention, die zu sinkenden Kosten bei Erziehungshilfen geführt hätten. Ist das berechtigt?

Die Gelder für die Jugendarbeit sind 2015 vom Stadtrat um 3,5 Millionen aufgestockt worden. Das sind bemerkenswerte Sprünge.

Wollen Sie vor den nächsten Haushaltsverhandlungen für gute Stimmung sorgen?

Wir sollten zunächst Ende Februar die Schlussrechnung abwarten. Ansonsten beurteile ich das rein fachlich. . Wenn Gelder sinnvoll für präventive Maßnahmen ausgegeben werden, dann hilft das in erster Instanz den Familien und in zweiter Instanz sind die Zahlen bei der HzE-Entwicklung sicher ein Beleg, dass es gut angelegtes Geld ist.

Langfristig betrachtet steigen die Ausgaben für Hilfen zur Erziehung kontinuierlich, sind Sie bei den Verhandlungen mit den Anbietern zu großzügig oder unter Druck setzbar?

Die Verhandlungen laufen hart, aber fair. So wie es sein soll. Uns laufen die Entgelte da auch nicht davon. Wenn ich zum Beispiel die Kosten für Fachleistungsstunden nehme, da sind wir in Sachsen sicherlich spitze. Das führt auch immer wieder zu Kritik der politischen Ebene. Aber bundesweit gibt es noch Städte, die deutlich drüber liegen.

Aber wie können Sie als Stadt die Ausgabenentwicklung steuern, die Träger wissen auch, dass es auf HzE-Leistungen einen Rechtsanspruch gibt?

15 Prozent sind Sachkosten, da spielen auch Immobilienpreise eine Rolle, die angesichts der Verknappung in Dresden in Städten wie Leipzig oder Chemnitz günstiger sind. 80 Prozent sind Personalkosten, da haben wir Vergleichsmöglichkeiten bei den Eingruppierungen. Das wird auch überprüft. In der Gesamtschau aller Kosten wird dann ein Stundensatz oder ein Tagesentgelt verhandelt. Wir sind verpflichtet, jedes Angebot zu verhandeln, aber wenn der Allgemeine Soziale Dienst dann Leistungen abruft, kann er auch unter Kostengesichtspunkten aus mehreren Angeboten auswählen. Wie haben nicht die Pflicht, jedes Angebot zu nutzen.

Wie steht Dresden im bundesweiten Vergleich?

Die Zahlen für 2017 für das Iko-Vergleichsnetz mit 14 beteiligten Kommunen liegen noch nicht vor. 2016 lagen wir mit 531 Euro pro Jungeinwohner unter 20 Jahre für Hilfen zur Erziehung unter dem Durchschnitt und zwei Euro unter dem Wert von 2015. Der Durchschnitt lag bei rund 670 Euro mit steigender Tendenz.

Wie wird es weiter gehen?

Wir stecken jetzt in den Vorbereitungen für den Haushalt 2019/20. Wir gehen weiter davon aus, dass wir den Abstand zu den anderen Städten wahren, auch wenn es insgesamt nach oben gehen sollte. Genauer können wir es derzeit finanziell noch nicht prognostizieren, dazu muss auch 2017 noch genau analysiert werden. Zudem müssen wir geplante gesetzliche Änderungen auf Bundesebene noch abwarten, mit denen unter anderem jugendliche Behinderte vom Sozialamt in die Verantwortung des Jugendamtes übergehen sollen.

Wie werden sich die Fallzahlen entwickeln?

Wir betrachten da die sogenannte Leistungsdichte pro 1000 Jungeinwohner. Da liegen wir derzeit bei 22 bis 23 Fällen pro 1000 junge Menschen bis zum Alter von 20 Jahren. Die absoluten Fallzahlen steigen auch aufgrund des Bevölkerungswachstums. Bei der Leistungsdichte gehen wir von einer stabilen Situation aus, wenn es keine gravierenden Änderungen etwa bei der Gesetzeslage gibt.

Gehören Drogenprobleme und daraus resultierende Erziehungsprobleme noch immer zu den wesentlichsten Ursachen für den Bedarf an Hilfen zur Erziehung?

Alkohol ist nach wie vor die Droge Nummer eins. In 15 Prozent der Fälle ist es aber Crystal und hier sind die Auswirkungen bei den Konsumenten schneller und schwerwiegender spürbar. Besonders schlimm ist, dass es immer mehr Crystal-Kinder gibt. Diese Zahlen steigen. Hier müssen wir mit Angeboten für werdende Mütter und Väter, die Crystal-abhängig sind, reagieren. Da stehen allerdings gesamtgesellschaftliche Entwicklungen dahinter, die wir nicht direkt beeinflussen können. Auf dieses Problem und die Folgen, die uns Mediziner beschreiben, müssen wir verstärkt aufmerksam machen.

Wie wirken sich die unbegleiteten ausländischen Minderjährigen – uaM – auf die Kostenentwicklung im Bereich der Erziehungshilfen aus?

Es gab kürzlich Zahlen aus dem Bundesfamilienministerium wonach sich die Kosten pro Fall zwischen 20000 und 127000 Euro bewegten. Bei uns werden es langfristig etwa 40000 Euro im Schnitt sein. Derzeit gehen die Zahlen zurück, statistisch kommen ein bis zwei pro Woche zu uns. Ein relativ hoher Teil bekommt noch Hilfen für junge Volljährige. Aber die Ausgaben werden deutlich niedriger sein als 2017.

Übernimmt das Land das vollständig oder bleibt die Stadt auf Kosten sitzen?

Es sind 100 Prozent Kostenerstattung zugesagt und wir denken, dass wir das, was im Gesetz steht, auch bekommen.

Eine Studie der Evangelischen Hochschule in Dresden empfiehlt Änderungen bei der Jugendhilfe. Bringt das auch Effekte bei den Erziehungshilfen?

Ich denke, es ist eine gute Grundlage. Wir sollten kritisch eine 1:1-Umsetzung diskutieren. Die Vorschläge sind sehr weitreichend. Die stärkere sozialräumliche Betrachtungsweise ist die Zukunft. Ob wir das so umsetzen oder ob die Palette noch breiter sein kann, würde ich gern noch diskutieren.

In der Studie wird Kritik an einer „Versäulung“ geübt, weil Träger und Angebote sich teilweise stark voneinander abgrenzen. Sehen Sie das auch so?

In diesem Punkt widerspreche ich der Studie. Wir machen teilweise schon sehr individuell abgestimmte Angebote für Hilfebedürftige. So stark „versäult“ handeln wir nicht.

Von Ingolf Pleil

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