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Stadtpolitik Gott, Musik und die Liebe - das bewegte Leben des Hans-Bernhard Hoch
Dresden Stadtpolitik Gott, Musik und die Liebe - das bewegte Leben des Hans-Bernhard Hoch
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08:27 19.05.2018
Hans-Bernhard Hoch war von 1954 bis 1993 Kantor der Friedenskirche Radebeul. Der studierte Kirchenmusiker ist im Januar 90 geworden und spielt noch jeden Tag auf seinem Flügel. Quelle: Anja Schneider
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Dresden

 Mit 15 hätte sein Leben vorbei sein können. Denn 1944 war der Dresdner Hans-Bernhard Hoch Flakhelfer. Nun ist er 90. Er hat im Januar Geburtstag gefeiert und sagt über die vielen Jahre, die hinter ihm liegen, ohne jedes Pathos in der Stimme: „Mein Leben ist immer durch die Gnade Gottes, die Musik und die Liebe gerettet worden.“

Der Mann mit dem feinen Humor und den langgliedrigen Pianistenhänden sitzt hinter seinem Flügel und strahlt in die Runde. Seine Frau Ilse (88), die ihm Noten rausgesucht hat, strahlt zurück. Jeden Tag spielt er, wenn es die Gesundheit erlaubt. Gerade ist „Idyll im alten Stil“ verklungen, eine der vielen Kompositionen seines Vaters Julius (1865-1931). Hans-Bernhard Hoch hat es mit Hingabe und leuchtenden Augen gespielt, Anklänge an jene Zeit, in der er als mitreißender Kantor der Radebeuler Friedenskirche (1954 – 1993) einst Chöre, Orchester und Kurrende zu Höchstleistungen inspirierte.

Hitlers vorletztes Aufgebot

Doch bis es soweit war, dass er der Musik Türen öffnete und sie umgekehrt ihm, musste die Musik sich erstmal gemeinsam mit Gott und Liebe beim Retten ranhalten. Denn wie fast alle Jungs seiner Klasse am Staatlichen Gymnasium in Dresden Neustadt wurde Hans-Bernhard 1944 von den Nazis nach Hamm befohlen. Sie waren 15 oder 16, Hitlers vorletztes Aufgebot, um die Westfront gegen die vorrückenden Alliierten zu stärken.

Dort hat Hans-Bernhard mehr als einmal dem Tod ins Auge geblickt: „Die Geschütze hatten Fernrohre mit 32facher Vergrößerung“, erinnert er sich. „Wir konnten die Engländer hinter den Fenstern in ihren Flugzeugen sehen. Und auch, wie die Luken aufgingen und die Bomben rausfielen. Bis heute verfolgen mich diese Bilder. Und bis heute bewegt mich, dass wir am Leben bleiben durften.“

Verzweifelte Suche in Dresden

Als nach den Bombennächten von Dresden im Februar 1945 viele seiner Kameraden Post von Familie und Verwandten aus der Heimat erhielten, blieb Hans-Bernhard im Ungewissen. Kein Brief für ihn. Hatten seine Mutter und sein Bruder die Angriffe überlebt? Einer von Hans-Bernhards Betreuern in Hamm, ein Kontrabassist der Berliner Philharmoniker, mit dem er sich viel über Musik ausgetauscht hatte, gestattete ihm, in Dresden nach seiner Familie zu suchen.

„Ich hab lange gebraucht, bin viel gelaufen, weil Straßen und Schienen in Trümmern lagen“, erzählt Hans-Bernhard Hoch. Er fand sein Elternhaus unversehrt. Der Rosenhof in der Schevenstraße 11 hatte den Angriff überstanden, Mutter und Bruder lebten. Er nahm es als Gottesgeschenk.

Vier Tage für den Weg zurück nach Hamm

Wer jetzt – im heutigen Wissen um das nahe Kriegsende nachvollziehbar – eine abenteuerliche Geschichte von Desertion und wildem Versteckspiel erwartet, wird enttäuscht. Am 6. März 1945 – die Russen marschierten bereits von Görlitz Richtung Bautzen – machte sich der 16-jährige Hans-Bernhard auf den Weg zurück nach Hamm. Er hatte sein Wort gegeben. Vier grässlich beschwerliche Tage benötigte er bis Hamm und fand mit viel Glück tatsächlich seine Kameraden wieder. Doch weil die Dinge nicht immer geschehen, wie sie sollten, wurde er einem fremden Flak-Bataillon zugeteilt.

Lachen über die „Hitlerbabies"

Was er als Unglück empfand, rettete ihn. Als er sich bei seinem neuen Offizier meldete, war die Überraschung groß: „Sie sind aus Loschwitz?“, wurde er gefragt. „Und heißen Hoch?“. Es stellte sich heraus: Der Mann hatte eine Zeitlang in der Hoch’schen Villa gewohnt. Und er war alles andere als ein verbissener Militär. Anstatt auftragsgemäß bis zum letzten Mann zu kämpfen, ergab sich seine Einheit Mitte März den übermächtigen Amerikanern. „Die haben uns aus unsern Verstecken kriechen und Aufstellung nehmen lassen“, erzählt Hans-Bernhard Hoch. „Dann klickte eine Kamera. Die haben gelacht über uns Hitlerbabies.“

Die Erinnerung an die folgende dreimonatige Kriegsgefangenschaft im eisigen Frühjahr 1945 lässt Hans-Bernhard noch heute frösteln. Unter freiem Himmel auf den Rheinwiesen von Remagen gab es nie genug zu essen: „Am Ende dieses furchtbaren Krieges hat sich niemand mehr an irgendwelche Konventionen gehalten“.

Heimkehr in den Rosenhof

Als am 11. Juli 1945 alle freigelassen wurden, die jünger als 18 waren, kam Hans-Bernhard zu seiner Patentante nach Aue bei Eschwege. Das war die einzige Adresse, die er im amerikanischen Sektor angeben konnte. Das Rittergut war zwar von den Militärs besetzt, aber alles war besser als das Lager.

Im August 1945 schließlich konnte ihn sein Bruder Karl-Ludwig nach Hause holen. Kurz hatten die beiden überlegt, ob sie wirklich in den von den Russen besetzten Sektor zurückkehren sollten. Doch die Mutter allein lassen? „War keine Option“. Und außerdem hatten sie gehört, dass es schon im Oktober auch im Osten die Chance geben sollte, das Abitur zu machen.

Fast 40 Jahre war Hans-Bernhard Hoch Kantor in der Friedenskirche Radebeul. Der Dresdner ist heute 90 und hat viele Menschen mit seiner Liebe zur Musik angesteckt.

Ein weiterer wichtiger Rückkehrgrund war das Haus an der Elbe, der Ort, an dem sie beide aufgewachsen waren. Hans-Bernhard, geboren im Januar 1928, Karl-Ludwig im April 1929, hatten mit dem Rosenhof ein Zuhause, das für kleine Jungs wenig Wünsche offen ließ. Von ihrem Kinderzimmer aus konnten sie die Dampfer auf der Elbe vorbeiziehen sehen – „wir haben jeden an der Silhouette erkannt, wenn wir zusammen am Fenster hockten“, erzählt Hans-Bernhard. Und er schwärmt von den langen Musikabenden, die seine Mutter ausrichtete, von der Sandkastenfreundin Margarete, die heute 91 ist und mit der er und seine Frau Ilse noch immer befreundet sind. Und natürlich vom Vater Julius, den er eigentlich erst spät – durch dessen großes Repertoire an Eigenkompositionen – besser kennenlernte.

Schutz in Zeiten der Inflation

Dr. Julius Hoch war Jurist. Er trat ins Leben der Familie, als Hans-Bernhards Mutter Marie-Elisabeth von Hausen (1896- 1988) Hilfe brauchte. Die Tochter des sächsischen Offiziers Clemens von Hausen hatte den 1884 errichteten Rosenhof als 25-Jährige von ihren früh verstorbenen Eltern geerbt.

Das war 1922. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg tobte in Deutschland die Inflation, die Menschen flohen in Sachwerte. Die junge Erbin sah sich aufdringlichen Kaufangeboten eines Amerikaners ausgesetzt, wusste nicht, wie reagieren. Julius Hoch, ein Nennonkel aus Bautzen und gut 30 Jahre älter, half mit seinem Fachwissen. Jahre später wurden die beiden ein Paar und gründeten eine Familie. Doch 1931, Hans-Bernhard war drei, starb Julius überraschend. Mutter Marie-Elisabeth stand wieder allein da – nun mit Villa und zwei kleinen Kindern. Doch zunächst konnte sie sich mit der Pension ihres Mannes durchschlagen.

Symbolische DDR-Mieten

Als der Krieg vorbei war, waren die Kinder fast groß und das Haus voller Menschen ohne Bleibe. Sie alle mussten raus, als die Rote Armee die Villa einige Monate für ihre Offiziere beschlagnahmte, welche bei ihrem Auszug ein wüstes Chaos hinterließen. „Wir waren absolut keine Freunde der Nazis“, sagt Hans-Bernhard Hoch in der Rückschau, „aber wir wurden auch keine Freunde der neuen Machthaber“.

Als sie wieder ins Haus durften, musste die Mutter vermieten. Doch bekanntlich ließ sich mit den eher symbolischen DDR-Mieten kein Haus erhalten. Das Ende vom Lied: Marie-Elisabeth sah sich gezwungen, das Haus entschädigungslos an die Stadt abzutreten. In einer Erklärung hielt sie allerdings fest, dass sie das keinesfalls freiwillig tue. Nach der Wende mussten die Brüder fünf Jahre warten, ehe ihrem Antrag auf Rückübertragung stattgegeben wurde.

Heute lebt der Sohn von Karl-Ludwig in der Villa, der sie wieder vorzeigbar hergerichtet hat. „Wir sind glücklich und dankbar, dass das Haus in alter Pracht weiterlebt“, sagen Ilse und Hans-Bernhard Hoch, die dem schönen Elbgrundstück noch immer ab und an einen Besuch abstatten.

Hausball mit Kartoffelsalat

Ilse hat umwerfend schöne Erinnerungen an das Leben dort. Nach dem Krieg war sie 15, und wie alle jungen Leute hungrig nach Leben, süchtig nach Lachen, Kunst und Bildung. In die Familie Hoch kam sie über Karl-Ludwig, der sie beim monatlichen Tanzabend der Eleven von Christine Höckner in „Donaths Neuer Welt“ in Tolkewitz aufforderte und später seinem Bruder vorstellte. Bis zu seinem Tod 2015 reklamierte ihr Schwager das Verdienst für sich, sie entdeckt zu haben...

Weihnachten 1946, zwei Jahre vor ihrem Abitur, war sie das erste Mal zum Hausball im Rosenhof eingeladen. Ilses Familie hatte vor dem Krieg am Striesener Platz in Johannstadt gewohnt, war aber ausgebombt worden und lebte nun in Leubnitz-Neuostra. Die Mutter bestand darauf, dass ihre Tochter mit der letzten Bahn nach Hause kommt. „Die fuhr 21.30 Uhr!“, empört sich Ilse noch heute lachend. Doch um sich für die vielen folgenden Ausgeh-Abende zu empfehlen, hielt sie sich an die elterliche Anordnung.

„Es gab ja wenig zu essen“, erzählt sie von den Hausbällen. „Also sollte jeder belegte Brote und /oder ein Marmeladenglas voll Kartoffelsalat mitbringen. Der wurde dann in einer großen Schüssel zusammengerührt. Schmeckte herrlich. Alkohol gab’s nie, dafür Saft oder Tee. Es war ein unwahrscheinlich schöner Kreis junger Leute, wir hatten viel Freude.“ „Die Musik“, komplettiert Hans-Bernhard die Erinnerungen, „kam meist von einem Grammophon mit Platten. Doch wenn Gäste von der Musikhochschule dabei waren, gab es Live-Musik. Dann hieß es oft: ‚Hoch! Ran ans Klavier!’ Dann hab ich gespielt“.

„Schließlich", schildert Ilse, „wurden solche Einladungen reihum ausgesprochen. Auch die Eltern waren begeistert von den vielen jungen Leuten, dem Lachen, der Lebenslust. Plötzlich schien wieder alles möglich. Da wurden die Wohnzimmer leergeräumt, und die Party konnte steigen.“

Oper in Bühlau

Ilse und Bernhard haben damals kaum eine Veranstaltung ausgelassen. Keine Vorlesung des einflussreichen Theologen Karl Barth, kein Konzert der Staatskapelle. Die spielte damals in Ermangelung einer intakten Oper im rappelvollen Kurhaus Bühlau unter einfachsten Bedingungen. „Die Scheinwerfer hingen oben an den Balken. Um sie auf bestimmte Sachen auf der Bühne zu richten, mussten die Beleuchter die Leiter hochklettern“, erzählt Ilse. Zu den Aufführungen – egal ob Oper oder Theater – strömten die Leute in Scharen, „sie hingen in Trauben auch draußen an der Straßenbahn und quetschten sich mit und ohne Karten in den Saal“.

Musikstudium mit Hürden

Nach dem Abitur lernte Ilse Säuglingsschwester, Hans-Bernhard wollte studieren. Jura hätte er gern gewählt, durfte aber nicht. Das Elternhaus schien den Planern eines neuen Menschenbildes höchst suspekt. Der Vater, wenn auch tot, Jurist,;die Mutter in der bekennenden Kirche, der Nachwuchs in der Studentengemeinde aktiv. „Pech gehabt“, kommentiert Hans-Bernhard lakonisch. Aber da war ja noch die Musik. 1947 spielte er an der Staatlichen Akademie für Musik und Theater in Dresden vor und wurde für die Orgelabteilung angenommen.

Dafür ist er dem Schicksal bis heute dankbar. Auch wenn es ihm erst einmal einen dicken Knüppel zwischen die Beine warf. Denn im Juni 1949, schon vier Monate vor Gründung der DDR, wollten die neuen Chefs in der Sowjetischen Besatzungszone die Trennung von Staat und Kirche durchsetzen und schlossen handstreichartig die entsprechende Abteilung an der Musikakademie.

Petition an den Bischof

Hans-Bernhard und fünf andere junge Leute standen über Nacht auf der Straße. Nach langen Beratungen fassten sie einen kühnen Plan: Sie schrieben eine Petition an den damaligen Landesbischof Hugo Hahn. Sachsen brauche eine Kirchenmusikschule, stand darin, denn nur so könnten sechs hoffnungsvolle Talente ihre Ausbildung abschließen und kirchenmusikalisch wirken.

„Das Papier gibt es noch“, sagt Hans-Bernhard Hoch. „Der Bischof hat wirklich kurz darauf entschieden, dass eine Kirchenmusikschule gegründet wird. Martin Flämig, der spätere Kreuzkantor, wurde der erste Leiter“.

Die Orgelstudenten also machten in Dresden weiter. Hans-Bernhard wechselte 1951 nach Leipzig, um sich auf die hauptberufliche A-Prüfung als Kirchenmusiker vorzubereiten. Noch ehe er die 1954 in der Tasche hatte, kam eine Anfrage von einem seiner früheren Dozenten: „Hoch, sagen ’se mal, sie haben zwar die A-Prüfung noch nicht, aber mein Kantor in Radebeul ist 75: Wollen sie sich nicht bewerben?“ Hans-Bernhard bewarb sich. Und wurde genommen.

Erst die Hochzeit, dann das Amt

Da war er 26. Er hatte den Krieg überlebt, die Frau fürs Leben gefunden und den Kopf voller Pläne. Den ersten setzte er in die Tat um, ehe er sein Amt in Kötzschenbroda antrat und der Kantorei für vier Jahrzehnte seinen Stempel aufdrückte. Hans-Bernhard Hoch heiratete seine Ilse und legte den Grundstein für eine fünfköpfige Familie. Am 29. Juli 1954 war Hochzeit, am 29. August 1954 begann er als Kantor der Friedenskirche Radebeul-West. Gott, Musik und Liebe hatten nun mit Brief und Siegel zusammengefunden.

Bekanntlich ist in der Werkseinstellung des Lebens ja die Zufallstaste immer schon gedrückt. Hier aber hatte jemand besonders lange den Finger drauf, denn er muss gewusst haben, dass der junge Kirchenmusiker genau jene Kräfte und Begabungen bündelte, die nötig waren, um die kriegsgeschwächte Kantorei zum Strahlen zu bringen. „Ich wusste, wir brauchen unbedingt eine Kurrende, auch um wieder einen Chor aufzubauen“. Der neue Kantor startete einen Aufruf, der Pfarrer warb vehement in der Kirche. Jene zehn Kinder, die Interesse hatten, standen Mitte September 1954 nervös vor der Tür zum Bachzimmer und trauten sich nicht rein, erzählt Hans-Bernhard Hoch. Einer wagte endlich, den Kopf durch die Tür zu stecken. „Das war der erste Kurrendaner. Er wurde später Arzt in Lohmen, wir haben noch heute Kontakt“.

Kurrende – Grundstock für den Chor

Mehr als 400 Kinder und Jugendliche durchliefen im Laufe all der Jahre Hochs Kurrende, und noch heute bekommt er Post von gestandenen Vätern und Müttern, die kreuz und quer über die Welt verteilt sind und ihm dafür danken, dass er in ihnen die Liebe zum Singen geweckt hat.

Allmählich erstarkte der Chor, Hans-Bernhard Hoch konnte sich an anspruchsvolle Aufführungen und Veranstaltungsreihen wagen. Nach den 1955 gestarteten „Sommerlichen Serenaden“ erntete er Lob für die „Kostbarkeiten aus Literatur und Musik“, zu denen er hochkarätige Künstler einlud. Ab 1960 endlich wagte er sich an größere Aufführungen – Haydns Schöpfung, Bachs Weihnachtsoratorium, das Mozart-Requiem, die Matthäuspassion. Seine Konzerte erlangten eine solche Strahlkraft, dass auch spätere Berühmtheiten wie Elisabeth Wilke, Adele Stolte, Andreas Scheibner oder Ute Selbig sich gewinnen ließen, mitzuwirken.

Zu seinen Erfolgen gehören auch die Singwochen der evangelischen Landeskirche im erzgebirgischen Schönheide. Zehnmal haben sich jeweils um die 30 Sänger aus dem ganzen Land eingefunden, um sieben Tage lang gemeinsam zu singen. „Bis heute stehen wir mit manchen von ihnen in Verbindung“, sagt Hans-Bernhard Hoch begeistert.

Kummerkasten für Gemeinden

1981 berief ihn die Landeskirche zum Kirchenmusikdirektor für Dresden-Mitte. Fortan war er für das musikalische Wirken von etwa 20 Gemeinden in und um Dresden zuständig. „Ich war auch so eine Art Kummerkasten, der erzählt bekam, was nicht richtig lief“, kommentiert Hans-Bernhard Hoch die Ernennung. Er habe sich gern gekümmert. Und sich gefreut, dass sich mit dem Amt auch neue Aufgaben verbanden. Zum Beispiel wirkte er 1983 beim Eröffnungsgottesdienst für die Zentralratstagung des Lutherischen Weltbundes in der Kreuzkirche mit und dirigierte 1987 bei der Eröffnung des 1. deutschen Katholikentags in der DDR die evangelischen Chorsänger.

Wichtig für einen Musiker: zwei Ohren

Seinen größten Coup allerdings wollte er 1985 landen. Im Bachjahr sollte am 6. Januar in der Friedenskirche das Weihnachtsoratorium erklingen – mit Kammersänger Peter Schreier, dem berühmten DDR-Tenor. Schon 1982 hatte er deshalb bei ihm angefragt und eine Zusage erhalten. Doch kurz vor ultimo hatten Hans-Bernhard Hochs Retter – Gott, Musik und Liebe – offenbar anderswo zu tun: Im Herbst 1984 erlitt er einen Netzhautabriss. Die Ärzte im heutigen Uni-Klinikum taten alles, was damals möglich war, aber das rechte Auge war verloren.

Dirigieren mit einem Auge? Chöre, ganze Orchester? Der Mann, der weit über seine Kantorei hinaus als Dirigent und Organist bekannt und begehrt war, stand kurz davor, aufzugeben. Er schrieb an Peter Schreier, berichtete von seiner Lage. Der Brief, der zurückkam, überwältigte ihn. Es sei für einen Musiker viel wichtiger, schrieb Schreier, zwei gute Ohren zu haben. Das Orchester mit einem Auge zu dirigieren, traue er ihm durchaus zu.

Auch seine Chorkinder, so Hans-Bernhard Hoch warteten mit hilfreichen Vorschlägen auf: Da ja die Nase beim Blick nach rechts im Weg sei, erboten sie sich, sie abzusägen... Den Ausschlag, das Oratorium doch aufzuführen, gab der damalige Meißner Domkantor Erich Schmidt: Er werde ganz vorn sitzen und einspringen, sobald es nötig sei...

„Aber alles lief gut. Es wurde eine großartige Aufführung“, sagt Ilse mit viel Wärme in der Stimme. „Wir mussten noch 60 Stühle zusätzlich in die Kirche tragen, weil so ein Andrang war“.

2019 steht die eiserne Hochzeit an

Ilse begleitete ihren Mann durch all die Jahre, kümmerte sich um die drei Kinder, von denen zwei sich auch der Musik verschrieben haben. Schon bevor ihr Mann 1993 in den Ruhestand ging, hatte er gelegentlich Gottesdienste in der Unterkirche der Frauenkirche gestaltet. Das tat er noch viele Jahre weiter, vertrat auch Kollegen in Gemeinden rund um Dresden.

Beide sind dankbar, dass sie noch immer im Radebeuler Kirchenchor mitsingen können. Früher mussten sie dazu nur ums Eck laufen, denn 60 Jahre lang haben die Hochs in Radebeul gelebt. Doch 2016 ist das Ehepaar, das nächstes Jahr im Sommer eiserne Hochzeit feiern möchte, in die Dresdner Neustadt gezogen. In eine Wohnung der Diakonie ohne Schwellen und mit Platz für den Flügel.

Heimkehr in die Neustadt

„Ich bin sozusagen heimgekehrt“, sagt Hans-Bernhard Hoch beim Blick aus dem Fenster und denkt an sein altes Gymnasium in der Neustadt, das vor 73 Jahren im Bombenhagel versank.

Seit dem Untergang der Schule sind schier unglaubliche 73 Jahre vergangen. Ilse und Hans-Bernhard Hoch gehen viele Dinge nicht mehr so geschmeidig von der Hand. Das kann man betrauern. Doch das Paar hat über die Jahrzehnte Mut getankt und aus seinem Glück Kraft gezogen. Beide gehören nicht zu den Menschen, die dasitzen und ergeben darauf warten, dass irgendetwas passiert. Gerade haben sie sich mit anderen ehemaligen Kirchenmusikdirektoren der Umgebung im Großen Garten getroffen, sie gehen regelmäßig in Konzerte, besuchen ihre Kinder und Enkel oder werden besucht. Die Musik, die sie beide ein Leben lang begleitet hat, füllt ihre Tage weiter aus.

„Die Musik hat uns immer sehr geholfen, sie ist etwas Wunderbares“, sagt der hochgewachsene Mann, als würde er zu einem Schlusswort ansetzen. Aber das ist es nicht. Es ist ein Satz für die Zukunft. Denn Musik, sagt er, ist eine lebenslange Aufgabe. Eine, die über vieles hinwegtröstet.

Von Barbara Stock

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