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Stadtpolitik Dämpfer für rot-grün-rotes Präventionskonzept in der Jugendhilfe
Dresden Stadtpolitik Dämpfer für rot-grün-rotes Präventionskonzept in der Jugendhilfe
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13:27 21.06.2018
Quelle: dpa-Zentralbild
Dresden

Dämpfer für das Jugendhilfekonzept von Rot-Grün-Rot: Der Jugendhilfeausschuss verweigerte jetzt den Plänen für ein Präventionspaket die Zustimmung, vor allem, weil die Freien Träger nicht zu SPD, Grünen und Linken standen.

Die Stadtratsmehrheit will bei Kindern und Jugendlichen mit möglichst früh einsetzenden Angeboten Fehlentwicklungen vermeiden, die später zu kostenintensiven Jugendhilfemaßnahmen führen könnten. In den vergangenen Jahren sind beispielsweise die Kosten für Hilfen zur Erziehung regelmäßig gestiegen und haben mittlerweile einen Umfang von mehr als 70 Millionen Euro im Jahr erreicht. Seit mehreren Jahren wird daher an einem präventiven Ansatz gearbeitet. Die Evangelische Hochschule (EHS) hatte den Auftrag erhalten, dazu ein Konzept zu entwickeln. Im November 2017 legte die EHS Ergebnisse vor.

In ihrem mehr als 100-seitigen Bericht kommen die Experten zu einer unangenehmen Situationsbeschreibung: In der Dresdner Jugendhilfe denke praktisch jeder nur an sein Projekt, es fehle an abgestimmten Strategien und Arbeitsprinzipien. Umschrieben wird das mit „Versäulung“ oder Konkurrenzdenken. Dies gelte sowohl für die Akteure in der praktischen Jugendhilfe als auch die Verwaltung. Das Problem fange schon beim Begriff „Sozialraumorientierung“ an, der von den Akteuren verschieden interpretiert werde.

Nach dem Prinzip „Hilfe aus einer Hand“ schlugen die Wissenschaftler unter anderem vor, Pieschen, Leuben und Plauen/Lockwitz als Modellregionen zu behandeln. Hier sollen Sozialraumkoordinatoren sowie Kinder- und Familienzentren (KiFaZ) die vorbeugende Jugendarbeit umsetzen. Die Modellgebiete sollen auch mit Aktionsbudgets ausgestattet werden. Bewähre sich dieser Versuch, könnte er auf das gesamte Stadtgebiet ausgedehnt werden.

Doch dem will Rot-Grün-Rot nicht folgen. Der Vorschlag sei in der Diskussion auf Ablehnung gestoßen, weil damit Insellösungen geschaffen würden. Stattdessen schlugen Mitglieder der Stadtratsmehrheit vor, ein stadtweites Netz von Sozialraumkoordinatoren zu schaffen. In den 17 Sozialräumen, in die die Stadt in der Jugendhilfe aufgeteilt ist, sollte jeweils eine halbe Stelle dafür geschaffen werden. In den Ortschaften sollte es jeweils eine halbe Stelle zusätzlich geben. Über allen Koordinatoren („Praxismodul“) soll ein freier Träger thronen („Steuerungsmodul“), der die Koordinatoren inhaltlich begleitet. Für die Steuerung stünden für die ersten drei Jahre 100 000 Euro zur Verfügung, für den Praxisteil im laufenden Jahr 300 000 Euro.

Im Jugendhilfeausschuss widersprach Bildungsbürgermeister Hartmut Vorjohann jedoch dem Plan, den Vorschlag sofort zu beschließen. Der CDU-Politiker regte die auch sonst übliche „1. Lesung“ an, um die Vorschläge dann zunächst in Unterausschüssen weiterberaten zu können, bevor in 2. Lesung der Jugendhilfeausschuss dann darüber entscheidet. Wenn die EHS zu dem Schluss komme, „in Dresden wisse die linke Hand häufig nicht, was die rechte tut, dann könne die Antwort auf die kritischen Anmerkungen nicht sein, ein paar Leute einzustellen, die dafür sorgen, dass die linke wieder weiß, was die rechte macht“, erklärte Vorjohann. Er verwies auf die Aussagen von Oberbürgermeister Dirk Hilbert. Dieser hatte bei der Vorstellung der Eckdaten für den Haushalt 2019/20 angekündigt, stärker in problemträchtigen Stadträumen aktiv zu werden. Dafür sei ein einstelliger Millionenbetrag in Aussicht gestellt. So könnten beispielsweise Familienklassenzimmer auch an anderen Schulen eingerichtet werden. Bei dem Modellprojekt an der 139. Grundschule, bei dem Eltern und Kinder an einem Tag pro Woche gemeinsam im Unterricht sitzen, habe es gute Erfahrungen gegeben.

Künftig könnte das dann an der 139., 135. (beide Gorbitz), 120., 122., 129. (alle Prohlis), 37. (Löbtau-Nord), 93. (Leuben) und 102. Grundschule (Johannstadt) vorstellbar, wenn das Land dies mit Arbeitszeitanteilen für je eine Lehrkraft mitfinanziert. In sozialen Brennpunkten könnten damit unter anderem Schulschwänzen, Respektlosigkeit und aggressivem Verhalten begegnet werden. Außerdem sollen für kurzzeitige „Vor-Hilfen“ Gelder für Ehrenamtliche, Honorarkräfte und Fachkräfte bereitgestellt werden. Jährlich würde dies etwa 100 000 Euro kosten. Die Familienklassenzimmer veranschlagt die Stadt mit rund 300 000 Euro pro Jahr.

Nach Ansicht von Tilo Kießling führen die Verwaltungsvorschläge „ins Chaos“. Er forderte vorsorglich eine Sondersitzung des Jugendhilfeausschusses noch vor der Sommerpause, damit der Plan, sollte er in der jetzigen Form in den Unterausschüssen doch Bestätigung finden, noch rechtzeitig verabschiedet werden kann. Nach vier Jahren Arbeit sollte das Projekt endlich auf den Weg gebracht werden. Der Jugendhilfeausschuss stimmte mit knapper Mehrheit (8 Ja-, 6 Nein-Stimmen) für das Verfahren mit 2. Lesung, dabei fehlte der rot-grün-roten Seite vor allem die meist verlässliche Unterstützung der freien Träger.

In einem weiteren Beschluss wurde die Bildung eines Redaktionsteams auf den Weg gebracht, das den Begriff Sozialraum definieren und die Ziele der Sozialraumorientierung beschreiben soll. Die Ergebnisse sollen im November beschlossen werden.

Von Ingolf Pleil

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