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Stadtpolitik Auf Mission gegen das Misstrauen - Kirche und Diakonie schlichten im Konflikt um Asylbewerber in Großenhain
Dresden Stadtpolitik Auf Mission gegen das Misstrauen - Kirche und Diakonie schlichten im Konflikt um Asylbewerber in Großenhain
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23:33 09.09.2015

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Dort sind sie untergebracht. Still liegt das hellgelbe zweistöckige Gebäude an der schmalen Straße unweit des Kupferberges am südlichen Stadtrand von Großenhain. Vier Männer mit kurzen dunklen Haaren und in Lederjacken stehen davor, unterhalten sich leise.

Vergangenes Jahr kurz vor Weihnachten sind die Flüchtlinge angekommen. 27 Männer, Frauen, Kinder aus sieben Ländern, aus Iran zum Beispiel, aus Syrien, Irak, Afghanistan und Tschetschenien. Seither scheint wieder Ruhe eingekehrt. Noch im November herrschte helle Aufregung in der 19000-Einwohner-Stadt. Die Landkreisverwaltung, die in den Wochen zuvor bereits Unterkünfte in Riesa und Gröditz aus dem Boden gestampft hatte, sollte in Großenhain innerhalb kürzester Zeit zusätzlich bis zu 50 Asylbewerber unterbringen. Es gab Proteste. Einmal marschierten Unbekannte im Schutz der Dunkelheit mit Fackeln auf.

Dass die Welle der Empörung abgeebbt ist, schreibt Dietmar Pohl, der evangelische Gemeindepfarrer, auch den vielen Gesprächen zu, die er und Gerlinde Franke von der Migrationsberatung der Diakonie organisiert haben. Zum Bußtagsgottesdienst im November hatte er die Marienkirche kurzerhand für eine Bürgerversammlung mit Vertretern von Stadt, Landkreis und Diakonie geöffnet. Dort brannte die Luft, es gab erbitterte Wortgefechte.

"Die Verunsicherung war groß", erzählt Pfarrer Pohl. Selbst unter gutwilligen Gemeindegliedern. Also haben sie ihre Leute, die Hausbesuche machen, zusammengenommen, mit ihnen besprochen, wie sie reagieren, wenn wieder wer das Schlimmste befürchtet. "Das geht ja quer durch alle Schichten." Ob Friseur oder Hartz-IV-Empfänger in der Kneipe - laufend musste Pfarrer Pohl sich gegen Belehrungen über Kriminalität und Asylmissbrauch wehren.

Unzählige Gespräche hat Migrationsberaterin Gerlinde Franke geführt, mit Leuten, die sie auf der Straße, in der Kaufhalle traf, auch am Telefon. In einer Kleinstadt, wo fast jeder jeden kenne, laufe eben viel über solche Begegnungen. "Fast gebetsmühlenartig haben wir von den Erfahrungen aus unserer Arbeit erzählt." Bisweilen seien sie sich wie Missionare vorgekommen, wirft Dietmar Pohl ein. Aufklärung mit Fakten gegen tief sitzendes Misstrauen.

Vor Weihnachten haben Pfarrer, Diakoniemitarbeiter und Vertreter der Stadt mit vier Familien aus den neu gebauten Einfamilienhäusern in der unmittelbaren Nachbarschaft der Asylbewerberunterkunft zusammen gesessen. Dort hätten sie auch offen dargelegt, wo es Konflikte geben könnte, sagt Gerlinde Franke. In der wärmeren Jahreszeit etwa, wenn eine muslimische Familie zum Ende des Ramadan spät abends im Freien fröhlich Fastenbrechen feiert. "Möglichkeiten zu schaffen, wie sie ihre Kultur leben können, ohne dabei andere zu stören - das ist die größte Aufgabe."

Die Landkreisverwaltung finanziert der Diakonie nun eine Sozialarbeiterstelle und eine Praktikantin für die Betreuung der Asylbewerber. Mittlerweile hätten wohl alle begriffen: "Ohne gute Sozialarbeit funktioniert es nicht." Die Mitarbeiter haben den Flüchtlingen gezeigt, in welcher Kaufhalle sie einkaufen können, wie sie nach Meißen zu ihrer zuständigen Behörde gelangen, wie sie Anträge auszufüllen haben. Die Verständigung läuft über Dolmetscher, die selbst Asylbewerber sind.

Einer der Männer mit einem kleinen Mädchen auf dem Arm fragt, wo er einen gebrauchten Kinderwagen bekäme. Mit ihm kann Dietmar Pohl englisch sprechen. Ansonsten muss Gerlinde Franke sehr oft Hände und Füße gebrauchen. Eine junge Frau aus Kurdistan blickt von ihrem Sprachführer auf und begrüßt sie schon mit "Wie geht's?". In der Gemeinschaftsküche im Untergeschoss hängt der Reinigungsplan für Flure und Gemeinschaftsräume. Die Namen aller Familien sind darin eingetragen. Probleme gebe es nicht, sagt Sylke Kirschner, die gerade Aufsicht über das Heim führt. Die drei Elektroherde sind sauber. An der Wand hängen Besen und Schrubber. Daneben Erläuterungen zur Mülltrennung in sechs Sprachen.

Die ganze Aufregung habe auch Hilfsbereitschaft mobilisiert, erzählt Pfarrer Pohl. Ein knappes Dutzend Leute hätten sich nach dem turbulenten Bürgerforum in der Marienkirche bei ihm gemeldet, um zu helfen. Schüler, Stadträte. Eine ehemalige Lehrerin will Deutschunterricht geben. Andere haben Spielzeug abgegeben. Zum Frauentag am 8. März wollen Diakonie und Kirchgemeinde Frauen aus Großenhain und aus den Asylbewerberheimen des Landkreises zum gemeinsamen Essen in die Marienkirche einladen.

An einem der neu gebauten Einfamilienhäuser neben der Unterkunft holt ein Mann seinen Mercedes aus der Garage. "Beschwerden haben wir nicht", sagt er. Doch sein Blick ist skeptisch. "Wenn's so bleibt, ist es in Ordnung.""

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.02.2013

Tomas Gärtner

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