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Stadtpolitik Annekatrin Klepsch: „Niemand soll umerzogen werden“
Dresden Stadtpolitik Annekatrin Klepsch: „Niemand soll umerzogen werden“
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09:27 17.08.2017
Streit konstruktiv aufgreifen und neuen Gemeinsinn stiften: Bürgermeisterin Annekatrin Klepsch versteht die Bewerbung zur Kulturhauptstadt als Chance für die Stadtgesellschaft. Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

Im Ressort von Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Die Linke) hat es im vergangenen Jahr die meiste Bewegung gegeben: Kraftwerk Mitte und Kulturpalast wurden eröffnet. Im DNN-Sommerinterview erklärt die Kulturbürgermeisterin, welche Effekte die Kulturbauten für den Tourismus bringen.

Frage: Die Tourismuszahlen fahren Achterbahn: Der April war großartig, der Mai mickrig. Woran liegt das?

Annekatrin Klepsch: Es ist sinnvoller, Jahresergebnisse zu vergleichen und nicht die Monatszahlen. Feiertage sind zum Beispiel beweglich, dementsprechend verschieben sich die Übernachtungszahlen.

Unterstützen Sie die Bestrebungen zur Senkung oder Abschaffung der Beherbergungssteuer?

Der Oberbürgermeister will die Beherbergungssteuer nicht abschaffen, sondern unter anderem zur Finanzierung der Bewerbung Dresdens als Kulturhauptstadt Europas 2025 nutzen. Andere Großstädte wie Köln, Erfurt, Münster oder Hamburg haben auch eine Beherbergungssteuer. Bei der Höhe vertraue ich dem zuständigen Geschäftsbereich Finanzen. Am Ende haben die Gäste der Stadt einen Vorteil aus dem, was wir an Infrastruktur finanzieren. Ich wünsche mir, dass der Stadtrat darüber debattiert, welche touristische Infrastruktur wir verbessern wollen. Ich denke da an Beschilderungen und Wegeleitsysteme. Für mich gehören auch die Rad- und Wanderwege zur touristischen Infrastruktur.

Welche Rabatte erhalten Dresden-Besucher ab Dezember mit der Tourismuscard?

Es handelt sich um eine Geste an die Übernachtungsgäste der Stadt, die auch auf unsere städtischen Einrichtungen, die nicht so im Fokus stehen, aufmerksam machen soll. Für diese wird es einen Rabatt von 20 Prozent geben.

Ziehen die Einrichtungen des Freistaats mit?

Es wird Möglichkeiten geben, die Angebote miteinander zu kombinieren. Die Tourismuscard und der Rabatt gelten für alle städtischen Einrichtungen, also Staatsoperette, theater junge generation, Europäisches Zentrum der Künste Hellerau, Dresdner Philharmonie, Musikfestspiele Dresden und den städtischen Museumsverbund.

Beteiligen sich die Verkehrsbetriebe? Und der Einzelhandel?

Wir führen die Karte zum Weihnachtsgeschäft ein und sind offen für weitere Kooperationspartner. Den Einzelhandel habe ich dabei nicht im Fokus. Es ist Sache der Privatwirtschaft, für ihre Angebote zu werben.

Eine halbe Million Euro sind als Verwaltungs- und Vertriebskosten für die Tourismuscard eingeplant. Ist das nicht etwas viel?

Wir haben im Vorfeld kalkuliert und drucken die Begleitbroschüre mit einer Auflage von 1,5 Millionen. Das sind die Produktionskosten. Die Broschüre brauchen wir, auf die Karte können wir ja nur recht wenig schreiben.

Der Stadtrat hat einen Teil des Budgets der Dresden Marketing GmbH (DMG) zunächst eingefroren. Wie groß ist Ihr Vertrauen in die Arbeit der DMG?

Ich erlebe die DMG als engagierte Tochter der Stadt, die beispielsweise das Kraftwerk Mitte und den Kulturpalast sehr gut nach außen beworben hat. Die Tourismuswirtschaft wandelt sich gerade sehr stark, die digitale Welt gewinnt immer größeren Einfluss. Unsere Marketingorganisation muss sich demzufolge weiterentwickeln, um veränderten Rahmenbedingungen gerecht zu werden. Die Politik hatte das Bedürfnis, stärker in die Arbeit der DMG eingebunden zu werden. Die DMG hat ihre Pläne im Stadtrat detailliert dargestellt und die Mittel wurden freigegeben.

Lässt sich messen, welche Rolle das Kraftwerk Mitte oder der Kulturpalast für die Tourismuswirtschaft spielen?

Zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Dafür ist der Zeitraum seit der Eröffnung zu kurz. Im Kulturpalast haben wir gerade die Schließzeit zur Intonierung der Orgel. Aber die Eröffnung der beiden Kulturbauten hat große Marketingeffekte für die Stadt gebracht. Es gibt viele Anfragen nach Tagungen in den Objekten, aber auch nach Führungen. Die Auslastung der Staatsoperette ist von 83 Prozent in Leuben auf 98 Prozent gestiegen, beim Kulturpalast entwickelt es sich ebenfalls sehr positiv. Wenn sich in der neuen Zentralbibliothek plötzlich Leute aus Bautzen anmelden, dann ist das ein Indikator für die Ausstrahlung des Kulturpalastes. Den Germany Travel Mart im Mai 2018 werden wir im Kulturpalast eröffnen. Der Bayrische Rundfunk hat seine Operettenmatinee im Rahmen einer Hörer-Reise nach Dresden im Kraftwerk Mitte aufgezeichnet. Wir werden wahrgenommen.

Wann kann ich in einer städtischen Kultureinrichtung Karten für alle anderen kaufen?

Wir arbeiten seit mehreren Monaten daran. Im Kulturpalast gibt es am Tresen der Philharmonie Tickets für die anderen Einrichtungen. Ein gemeinsames Ticketing ist ein langfristiger Prozess, in dem komplexe technische Fragen zu lösen sind. Der Kartenverkauf für Staatsoperette und theater junge generation ist inzwischen wechselseitig organisiert.

Ihre Partei hat die Höhe der Ausgaben für die Dresdner Philharmonie scharf kritisiert. Drohen eine Neiddebatte und Verteilungskämpfe zwischen der Hochkultur und der freien Szene?

Es wäre falsch, eine Neiddebatte anzuheizen. Ich sehe meine Aufgabe darin, mich für alle Kulturträger einzusetzen, egal, ob kleine freie oder große städtische Ensembles. Meine Frage an jede Kultureinrichtung ist, was sie für die Stadt nach innen und nach außen leistet.

Sehen Sie Einsparpotenziale bei der Philharmonie oder der Staatsoperette, die fast den gleichen Etat haben?

Die Philharmonie ist ein A-Orchester mit 116 Musikerstellen. Das ist kostenintensiv. Mit der Wiedereröffnung des Kulturpalastes und dem neuen Betreiber- und Bespielungskonzept war es angemessen, den Etat der Philharmonie zu erhöhen. Die Staatsoperette hat ca. 80 Beschäftigte mehr, aber eine andere Tarifstruktur im Bereich von Chor und Tänzern. Beispielsweise Schauspieler und Tänzer werden deutlich schlechter bezahlt als andere Mitarbeiter an Theatern. Das Einstiegsgehalt eines Schauspielers liegt bei 1850 Euro brutto.

Warum übernimmt die Kulturverwaltung nicht die Verantwortung für die Bunte Republik Neustadt?

Als erstes würde sich die Frage nach den Personalressourcen stellen, die wir nicht haben. Wir sind als Kulturverwaltung keine Konzert- und Gastspieldirektion und auch keine Genehmigungsbehörde wie die zuständigen Ämter für Ordnung sowie Straßen- und Tiefbau.

Wie bewerten Sie die neuen Regeln für die Straßenkunst?

Die neuen Regeln können funktionieren, wenn sie durch die Ordnungsbehörde auch durchgesetzt werden. Es gibt problematische und ärgerliche Einzelfälle, die die Straßenmusik in einem schwierigen Licht erscheinen lassen. Gute Straßenmusik kann dagegen eine wunderbare Bereicherung sein, auch in der Musikstadt Dresden.

Ist der Fernsehturm ein Baudenkmal, das um jeden Preis wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden muss?

Die Stadt hat eine klare Aussage getroffen. Der Fernsehturm hat einen hohen Identitätswert für die Dresdnerinnen und Dresdner. Es handelt sich aber um ein Investitionsvorhaben, das die Stadt nicht stemmen kann. Der Fernsehturm gehört der Stadt nicht. Der Oberbürgermeister hat die Initiative nicht ohne Grund aufgefordert, Unterstützung aus der Privatwirtschaft zu finden.

Wie bewerten Sie die Bestrebungen, Gebäude der Ostmoderne wie Pinguincafé oder Robotron-Kantine zu erhalten?

Jedes Jahrzehnt hat seine architektonischen Zeugnisse. Ich beobachte einen Bewusstseinswandel, Architektur der Nachkriegsmoderne anders wahrzunehmen und exemplarisch zu würdigen. Vieles ist leider schon abgerissen worden. Das Interesse aus der Bürgerschaft am Erhalt der Gebäude nimmt jedoch zu. Für das Pinguincafé bereiten wir gerade eine Konzeptausschreibung vor. Ich hoffe auf viele gute Konzepte mit einer wirtschaftlichen Perspektive.

Haben auch Plattenbauten Denkmalwert?

Es läuft ein Prüfverfahren der Landesdenkmalpflege, das durch Initiativen aus dem Stadtteil Gorbitz angeregt wurde. Es gibt Fälle, in denen industriell errichtete Wohngebäude unter Schutz gestellt wurden. In Gorbitz gibt es aber kaum noch authentische Zeugnisse.

Kunstwerke im öffentlichen Raum haben jüngst für Aufsehen gesorgt. Sind neue Provokationen geplant?

Wir suchen nicht nach Kunstwerken, die die Dresdnerinnen und Dresdner provozieren sollen. Es soll auch niemand umerzogen werden. Kunst besitzt die Fähigkeit, Menschen ins Gespräch kommen zu lassen, vorausgesetzt, man will auch zuhören und nicht nur niederbrüllen. Ich erinnere an Münster, wo 1977 ein Kunstobjekt eine kontroverse Debatte ausgelöst hat. Daraus erwuchs eine Skulpturenausstellung, die alle zehn Jahre zu einem Touristenmagneten wird. Das Bus-Monument hat für Dresden nebenbei einen unerwartbaren Marketingeffekt gehabt, national und international.

Dresden will europäische Kulturhauptstadt werden. Ist das mit den Bildern von pöbelnden Menschen bei der Eröffnung von Kunstaktionen überhaupt möglich?

Unsere Aufgabe mit der Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas 2025 ist es, die Auseinandersetzungen mittels Dialog und Debatte produktiv zu machen. Die Kunst ist dabei ein Medium. Wir müssen deutlich machen, was Europa davon hat, wenn Dresden den Titel bekommt. Diejenigen, die sich für die Kunstinstallationen am Neumarkt bedanken, interessieren und nachfragen, sind in der Mehrheit. Diejenigen, die brüllen, sind eine kleine Minderheit.

Wie weit ist der Prozess der Bewerbung vorangekommen?

Am 26. August eröffnen wir im Kulturpalast mit dem Oberbürgermeister das Kulturhauptstadtbüro. 2017 wurden 13 Mikroprojekte mit Modellcharakter bewilligt, die jetzt und in den nächsten Monaten stattfinden. Aktuell bereiten wir jetzt das Bewerbungsbuch für 2019 vor. In der ersten Phase haben wir vielen Menschen und Institutionen erklärt, warum wir uns bewerben und auf Stadtteilfesten und Bürgerforen das Gespräch gesucht. Jetzt führen wir konkrete Gespräche mit Kultureinrichtungen und anderen Akteuren, um Ideen für 2025 zu skizzieren. Es ist die Aufgabe der Bewerbung, einen nachhaltigen Beitrag zur Entwicklung der Stadt zu leisten und die kulturelle Teilhabe zu stärken. Streit konstruktiv aufzugreifen und neuen Gemeinsinn zu stiften, ist dabei ein Thema.

Haben Sie den Eindruck, dass die Dresdnerinnen und Dresdner die Bewerbung zu „ihrer“ Initiative machen?

Laut DNN-Barometer wussten im Frühjahr 2017 bereits 60 Prozent der Bürger, dass sich Dresden bewerben wird. Davon befürworten 95 Prozent die Bewerbung. Wer die Bewerbung unterstützen möchte, ist herzlich eingeladen, Mitglied des Fördervereins zu werden. Wer informiert sein will, dem empfehle ich den Internetauftritt unter dresden.de/kulturhauptstadt oder den Newsletter.

Beim Kreuzchor gibt es heftigen Streit. Wäre es nicht an der Zeit, dass sich der Träger einschaltet?

Die Entscheidung über die Teilnahme an Konzertreisen liegt in der Hoheit des Kreuzkantors. Sicher gibt es Dinge, die man gemeinsam zwischen Träger und Chorleitung auswerten muss. Dazu finden fortlaufend Gespräche statt. Es schadet der Institution Kreuzchor, wenn man Themen in der Öffentlichkeit breittritt. Das Verhältnis zwischen Chorleitung, Kruzianern und Eltern muss vertrauensvoll und belastbar sein.

Sollten Sie nicht mehr Engagement für die Stadt vom Kreuzchor zu fordern?

Ich erinnere an das vergangene Jahr, als der Kreuzchor das Stadtfest eröffnet hat und an den Weihnachtsliederabend im Stadion. Auf nationalen und internationalen Konzertreisen ist der Kreuzchor ein Botschafter der Landeshauptstadt Dresden.

Von Thomas Baumann-Hartwig

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