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Wiener Platz in Dresden: Razzien statt Kameras

Kriminalität macht Geschäften zu schaffen Wiener Platz in Dresden: Razzien statt Kameras

Am Wiener Platz geht die Angst um: Passanten eilen über den Platz zwischen Hauptbahnhof und Prager Straße, vor allem abends bleiben die Dresdner den Läden fern, die Geschäfte schließen immer früher. Auch die Polizei weiß, dass der Wiener Platz ein schlechtes Image hat.

Die Polizeipräsenz auf dem Wiener Platz hat noch nicht dafür gesorgt, dass sich Händler und Kunden auf dem Areal zwischen Hauptbahnhof und Prager Straße wirklich sicher fühlen. Für Schlagzeilen sorgte zuletzt die Messerstecherei am Donnerstagabend. Die Polizei suchte bisher erfolglos nach dem Täter.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Am Wiener Platz geht die Angst um: Passanten eilen über den Platz zwischen Hauptbahnhof und Prager Straße, vor allem abends bleiben die Dresdner den Läden fern, die Geschäfte schließen immer früher. "Ab 17 Uhr, wenn es dunkel ist, kommt kein Schwein mehr her!" Die Verkäuferin Sandra B. bringt es auf den Punkt: "Eigentlich könnten wir um spätestens 18 Uhr schließen."

Die Polizei weiß, dass der Wiener Platz ein schlechtes Image hat. Rauschgifthandel und Raubstraftaten hätten "nach Ansicht der Gewerbetreibenden zu einer Verschlechterung des Sicherheitsgefühls geführt", teilte Polizeisprecher Thomas Geithner auf DNN-Anfrage mit. Für die Polizei waren diese Alarmmeldungen im vergangenen Jahr Anlass für 25 Einsätze, darunter auch mehrere große Razzien. Ergebnis: Die Fahnder kamen 89 mutmaßlichen Tätern auf die Spur. 33 davon stehen im Verdacht, Drogenhändler zu sein. 32 weitere hatten Rauschgift dabei und 24 Personen konnten die Ermittler Drogenkäufe nachweisen. Auffällig ist, dass es sich bei den mutmaßlichen Drogenhändlern ausschließlich um Ausländer handelt: Sie stammten aus Tunesien, Algerien, Marokko, Syrien, Libyen und Ägypten. Die meisten ihrer Kunden waren dagegen Deutsche, nur sechs der 24 Rauschgiftkäufer stammten aus dem Ausland.

Die Situation auf dem Wiener Platz hat die Händler ringsum dünnhäutig werden lassen. "Im Januar 2015 haben wir ein sehr gutes Geschäft gemacht - jetzt stehen wir drei Verkäufer oft alleine im Laden", berichtet ein Mitarbeiter im Vodafone-Shop. Manchmal kämen zehn bis 20 arabisch oder albanisch sprechende Männer in den Laden und durchschnitten Sicherheitskabel der Auslagen, um Smartphones oder Tablets zu stehlen. Zuletzt sei es aber etwas besser geworden. Ob das allerdings an der Citystreife liegt, Wachdienstmitarbeitern, die seit Anfang Dezember im Auftrag von 19 Geschäften zwischen Altmarkt und Wiener Platz patrouillieren, oder am Winterwetter - da will er sich nicht festlegen.

Von Attacken wie Silvester in Köln hat die Dresdner Polizei bisher noch nicht gehört. Allerdings gibt es erste Berichte von möglichen Angriffen gegen Frauen in Dresden. Demnach fühlte sich am Donnerstagabend eine 15-Jährige von einem Ausländer am Hauptbahnhof verfolgt. Die Bundespolizei nahm den Verdächtigen fest. Es handelte sich um einen betrunkenen 23-jährigen Iraker.

Auf der Prager Straße will ein 42-Jähriger am Donnerstag gegen 21.45 Uhr gesehen haben, wie ein Mann wiederholt junge Frauen angesprochen und sich ihnen in den Weg gestellt hat. Er meldete der Polizei, der Verdächtige habe fünf bis sieben Frauen derart bedrängt. Der Mann gehörte zu einem Trio, das die Polizei schließlich stellen konnte. Die drei stammten aus Marokko. Sie sind 25, 30 und 32 Jahre alt und bekamen Platzverweise. Die Polizei sucht nun nach den betroffenen Frauen und bittet diese, sich unter Telefon 483 2233 zu melden. "Weder bei der Bundespolizei noch auf den Dresdner Polizeirevieren haben sich bisher Frauen gemeldet und von derartigen Sachverhalten berichtet", sagte Polizeisprecher Thomas Geithner gestern Nachmittag. Bei den Beamten seien bisher überhaupt noch keine Anzeigen zu sexuellen Belästigungen auf dem Wiener Platz eingegangen, so Geithner weiter.

Das bedeutet aber nicht, dass es sie nicht gibt. So berichtete gestern eine etwa 50-Jährige, Verkäuferin in einem Laden am Wiener Platz, von einem sexuellen Angriff am Mittwoch. Die Frau lief zu ihrem Auto in der Tiefgarage, zwei angetrunkene, ausländische Männer belästigten sie auf der Rolltreppe. "Einer hielt meine Hand und sagte wie schön ich sei und dass er mich liebt, während der andere mir an die Brust grapschte." Die Frau stieß sie weg und rannte davon. Eine Anzeige stellte sie nicht. Die Chance auf Aufklärung sei gering, habe ihr die Bundespolizei erklärt.

Auf eine Kameraüberwachung des Platzes vor dem Bahnhof will die Polizei trotz der jüngsten Berichte aus Köln auch künftig verzichten. "Wir hauen lieber drei Mal im Monat mit der Keule drauf als Kameras zu installieren", erklärte Geithner mit drastischen Worten die Strategie der hiesigen Polizei. Die Aufnahmen solcher Kameras dürften ohnehin nur dann gespeichert werden, wenn eine Straftat unmittelbar bevorsteht oder gerade stattfindet. Nur dann dürfe so weit herangezoomt werden, dass Gesichter erkennbar sind. Das bedeutet, es müssten ständig Beamte vor Monitoren sitzen, die Kamerabilder überwachen und Aufnahmen starten, sobald sie Straftaten sehen. Ein hoher personeller Aufwand, so Geithner. Zusätzlich müssten Teams bereitgehalten werden, die dann sofort eingreifen könnten. "Wir denken, dass unsere Einsätze vor Ort mehr Wirkung entfalten und daher die bessere Maßnahme zur Bekämpfung des Phänomens sind", meint der Polizeisprecher.

Die Händler am Wiener Platz sehen das anders. "Vor zwei Jahren war hier noch alles in Ordnung," sagt eine Fahrkartenverkäuferin. Sie arbeite sehr ungern "zwischen den ganzen Bettlern, Obdachlosen und Dealern". Auch die regelmäßigen Razzien bringen ihrer Meinung nach nichts: "Den da hinten mit der blauen Mütze sehe ich hier schon seit einem Jahr regelmäßig, egal ob es Tags zuvor eine Razzia gab oder nicht." Dasselbe berichtet der Vodafone-Verkäufer: "Ich sehe hier immer wieder die gleichen Gesichter - egal ob die Person Tags zuvor mit Drogen oder beim Klauen erwischt wurde."

Sandy Martens, die Inhaberin vom "Contigo Fairtrade Shop", warnt jedoch vor Panikmache: "Die meisten Diebe bei uns sind Otto Normalverbraucher - wie Rentnerpärchen oder die üblichen Dresdner Kleptomanen." Sie kennt sich aus in Großstädten und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen - sie lebte jahrelang im südafrikanischen Kapstadt und in Berlin. Die Ladeninhaberin findet, dass sich die Situation am Hauptbahnhof durch die Polizeipräsenz verbessert hat.

Paul Felix Michaelis und Christoph Springer

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