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Fahrradstaffel der Dresdner Polizei hat Falschfahrer im Visier

Pedal-Polizisten Fahrradstaffel der Dresdner Polizei hat Falschfahrer im Visier

Oft genügt es, wenn Uwe Jänichen die Hand hebt. So wie in diesem Moment: Eine Radfahrerin biegt von der Eisenbahnstraße auf die Antonstraße, will dort nach links auf dem Gehweg weiterfahren. In der falschen Richtung. Kaum ist sie um die Ecke gebogen, sieht sie schon den Polizeihauptkommissar und stoppt. Nicht immer geht es so reibungslos vonstatten.

Die Marienbrücke gehört wie die St. Petersburger Straße als viel befahrene Radlerstrecke zu den Haupteinsatzgebieten der Dresdner Fahrradstaffel der Verkehrspolizei.
 

Quelle: Anja Schneider

Dresden.  Oft genügt es, wenn Uwe Jänichen die Hand hebt. So wie in diesem Moment: Eine Radfahrerin biegt von der Eisenbahnstraße auf die Antonstraße, will dort nach links auf dem gemeinsamen Geh- und Radweg weiterfahren. In der falschen Richtung. Kaum ist sie um die Ecke gebogen, sieht sie schon Polizeihauptkommissar Jänichen, wie er die Hand hebt. Die junge Frau stoppt vor dem mit auffälliger Weste und Fahrradhelm bekleideten Mann, steigt aus dem Sattel, lächelt verlegen. Was folgt ist Routine für Jänichen, der den heutigen Einsatz der Fahrradstaffel leitet: Verwarnung, 20 Euro für die Stadtkasse und schönen Tag noch. 30 bis 35 Mal macht er das bei jeder Schicht im Fahrradsattel, am Ende der heutigen werden es 32 geahndete Verstöße sein. Seit Mitte März ist die 2008 ins Leben gerufene Truppe wieder im Einsatz. Das Hauptaugenmerk legen sie wie in jeder Fahrradsaison auf Falschfahrer und Rotlichtradler. Im Einsatz sind sie überall dort, wo viele Radfahrer unterwegs sind.

Nicht alle Radler verhalten sich so einsichtig wie die ertappte Falschfahrerin. Gestern habe es wieder einer wissen wollen, sagt Jänichen. Der ist einfach losgedüst, am Polizeihauptkommissar und seiner erhobenen Hand vorbei über den Bürgersteig der Antonstraße zum Neustädter Bahnhof gesaust. So schnell, dass sich der Segen, dass die Fahrradpolizisten seit dieser Saison auf Pedelecs sitzen, in einen Fluch gewandelt hat. Bei 27 Stundenkilometern schaltet sich der Elektromotor ab, ist das für ein Fahrrad vergleichsweise schwere Gerät allein mit Muskelkraft zu bewegen. „30, 35 Km/h ist der gefahren, auf kurzer Strecke habe ich mithalten können“, sagt Jänichen knapp. Das hat genügt. Am Schlesischen Platz stoppte rotes Ampellicht den Radler. Jänichen schnappte ihn, beruhigte seinen Puls und ließ die Routine walten: Verwarnen, Abkassieren, schönen Tag noch.

Manchmal ist auch eine rote Ampel und reger Verkehr kein Hindernis für einen Radler auf der Flucht. Einem Kollegen sei das mal auf dem Albertplatz passiert, sagt Jänichen. Ein ertappter Radler fuhr quer über alle Fahrbahnen, schlängelte sich zwischen Autos, Straßenbahnen, Bussen hindurch – bei fließendem Verkehr wohlgemerkt. „Da musste der Kollege abreißen lassen, das war eine Frage von Selbstschutz“, sagt Jänichen. Nach seiner Erfahrung seien jedoch die wenigsten der Dresdner Radler so verrückt.

Als verhaltensauffällig muss sich dagegen ein merklicher Teil der hiesigen Zweiradgemeinde beschreiben lassen. Das sind zumindest die Eindrücke der Dresdner Senioren, wie sie Stefan Ritter, Mitglied des Dresdner Seniorenbeirat und Vorstandsvorsitzender der Seniorenakademie jüngst auf dem Podium des Kriminalpräventiven Rats präsentierte. Demnach habe ein Großteil der älteren Dresdner „Angst vor Kampfradlern“, wie Ritter sich ausdrückte. Ordnungsbürgermeister Detlef Sittel (CDU) macht ganz im Sinne dieser Einschätzung kein Geheimnis aus seinem Wunsch, die Radler zum Beispiel von der Einkaufsstraße Prager Straße zu verbannen. So ließe sich dort problemfreier flanieren.

Mit diesen Überlegungen hat Polizeihauptkommissar Jänichen nicht viel zu tun. Zwar zählt er eine „rücksichtslose Fahrweise“ zu den vier Todsünden der Radler, um die sich die Fahrradstaffel vorrangig kümmert – neben Rotlicht- und Falschfahren sowie fehlender Beleuchtung. „Aber die ist immer Auslegungssache und schwer zu beweisen“, sagt Jänichen. Um die Versöhnung von Radlern und Senioren kann er sich nicht kümmern.

Das hat auch mit der Größe der Fahrradstaffel zu tun. Zwölf mit Drahteseln berittene Polizisten gibt es bei der Verkehrspolizei, immer sechs von ihnen sind in einer Schicht unterwegs. Wenn sie gerade nichts anderes zu tun haben, etwa die Überwachung des Autoverkehrs oder die verkehrliche Absicherung von Veranstaltungen, zum Beispiel Heimspielen von Dynamo Dresden. Allzuviel Zeit im Fahrradsattel bleibe den meisten Polizisten nicht, meint Jänichen.

Und so konzentrieren sie sich auf das Wesentliche. Warum gehört das Falschfahren dazu? Von rund 1300 Unfällen im Jahr, an denen Radfahrer beteiligt sind, spielen sich etwa zwei Drittel an Kreuzungen und Einfahrten ab, heißt es dazu aus der Polizeidirektion Dresden. „Meistens sind die Radler in der falschen Richtung unterwegs und werden von den Autofahrern schlicht übersehen, weil diese die andere Richtung beobachten“, sagt Jänichen. Oft hat es schwere Folgen, wenn es einmal kracht. Bei knapp 80 Prozent der erfassten Radlerunfälle in Dresden trägt der Radfahrer Verletzungen davon. Sachsenweit ist die Zahl bei Unfällen gestorbener Radler 2016 von 17 auf 26 angestiegen, ein Zuwachs von knapp 53 Prozent. „Radler sind einfach viel verletzlicher als andere Verkehrsteilnehmer“, sagt Jänichen. Man müsse sie manchmal auch vor sich selbst schützen.

Das sieht nicht jeder ein. Manch ertappter Radler wird ausfällig und trägt damit eigentlich nur zur Erhöhung des Buß- oder Verwarngelds bei. Lassen die Fahrradpolizisten vielleicht auch mal mit sich reden? „Das kommt darauf an“, sagt Jänichen. Manchmal bleiben einem Radler nicht viele Möglichkeiten, als falsch zu fahren, dann drückt auch die Polizei einmal ein Auge zu. Der Weg von der Marienbrücke zum Elberadweg ist so ein Fall. „Dorthin kann man nur über die Uferstraße“, sagt Jänichen. Und dafür bleibt manchen nichts anderes, als ein Stück in die verkehrte Richtung auf dem Fußweg zu fahren. „Wir melden solche problematischen Stellen weiter“, sagt Jänichen. Entschieden wird freilich auf anderer Ebene, auf der Fahrradkonzepte oder auch Verbotsstrecken für „Kampfradler“ verhandelt werden.

Eine Ebene darunter und abseits der Amtsstuben warten andere Aufgaben. So werden die Fahrradpolizisten wegen ihrer auffälligen Kleidung und ihrer vergleichsweise geruhsamen Fortbewegungsweise mitunter wie Bürgerpolizisten wahrgenommen. „Ja“, sagt Jänichen, „da kommen schon ein paar Hinweise von einzelnen.“ Heute zum Beispiel wurden er und seine Kollegen auf ein geklautes Mietfahrrad auf den Elbwiesen aufmerksam gemacht.Nebenbei konnten sie zudem ein über alle Zulassungsregeln hinaus getuntes Auto aus dem Verkehr ziehen. Was man so im Vorbeifahren sieht. „Morgen sind die Rotlichtfahrer dran“, sagt Jänichen noch zur Verabschiedung. Auch das lohnt sich. Erst jüngst haben er und seine Kollegen zehn von ihnen in einer einzigen Schicht erwischt. An der St. Petersburger Straße, einer der meistbefahrenen Strecken der Stadt. Die Dresdner Fahrradstaffel hat noch viel zu tun.

Von Uwe Hofmann

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