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Ein Pfarrer und die Polizei

Ein Pfarrer und die Polizei

Morgen wird der Dresdner Polizeipfarrer Hans-Christoph Werneburg in den Ruhestand verabschiedet. Der 63-Jährige, der auch Gemeindepfarrer in Cossebaude ist, begleitete die Dresdner Polizei 17 Jahre lang als Pfarrer.

DNN-Redakteur Christoph Springer hat mit ihm über diesen besonderen Dienst gesprochen und dabei erfahren: Die Rolle seines Jenaer Kollegen Lothar König am 19. Februar 2011 sieht er sehr kritisch.

Frage: Beten Polizisten eher vor oder nach einem schwierigen Einsatz?

Hans-Christoph Werneburg: Ich denke, sie beten vor dem schweren Einsatz. Es gibt manche, die das schon tun. Und es gibt auch welche, die das danach tun.

Was macht ein Pfarrer bei der Polizei?

Das habe ich mich auch gefragt als ich vor 17 Jahren dieses Amt angetragen bekommen habe. Es ist ja vorgegeben durch den Vertrag, der 1996 zwischen den Landeskirchen und dem Freistaat Sachsen geschlossen worden ist. Es ist die Seelsorge für Polizeibeamte, es ist die Einsatzbegleitung, es ist der berufsethische Unterricht und es sind geistliche Angebote. Ich habe Polizisten begleitet in Trauersituationen, ich habe Polizisten getauft und getraut und ich habe unendlich viele Gespräche mit Polizisten geführt.

Ist das schwieriger als in Ihrer Cossebauder Gemeinde? Ist es eine andere Gemeinde?

Es ist eine andere Gemeinde. Sie ist viel direkter. Bei uns in der Cossebauder Gemeinde ist das so - da besucht man Leute und da redet man über alles Mögliche. Erst wenn man sich verabschiedet an der Haustür kommen die entscheidenden Fragen auf den Tisch. Hier bei der Polizei habe ich Seelsorge erlebt - die Leute kamen und haben gleich los erzählt ohne lange Vorreden und haben sich dann leer geredet. Wie ein Fass, aus dem man den Spund herauszieht. Oftmals haben sie dann hinterher gesagt: Jetzt ist mal alles raus, jetzt gehts mir besser.

Wie sehr sind Sie von der Polizei oder der Kirche aus angehalten, bestimmte Dinge zu tun oder nicht zu tun?

 Gar nicht. Ich habe hier ganz frei gearbeitet. Ich muss natürlich loyal sein, der Polizei und der Landeskirche gegenüber. Ich staune darüber, welche Möglichkeiten zum Arbeiten ich habe und hatte keine Auflagen.

Wie ist vor diesem Hintergrund ihre Sicht auf den Prozess gegen den Jenaer Jugendpfarrer Lothar König?

Ich würde sagen, hier müsste mehr Zurückhaltung geübt werden. Es sollte keine Vorschusslorbeeren in Richtung König geben, aber auch keine Vorverurteilung der Polizisten, die jetzt oft nur als prügelnde Leute dargestellt und als Falschaussager beschimpft werden. Ich habe in keinem Einsatz erlebt, dass Polizisten von sich aus angefangen haben, zu prügeln. Ihrem Eingreifen ist stets massive Gewalt gegen sie und Nichtbeachten ihrer Anweisungen vorausgegangen - das wird nur leider nie erwähnt. Man kann natürlich unterschiedliche Sichtweisen haben.

Sie sind also der Ansicht, dass Herr König am 19. Februar 2011 nicht dort hätte sein sollen, wo er mit seinem Auto war?

Diese Frage zu stellen, muss erlaubt sein! Herr König wollte ja gegen Rechts demonstrieren. Aber dort, wo er gewesen ist, sind sowohl räumlich als auch zeitlich keine rechtsextremistischen Demonstrationen gewesen. Die Polizei ist bei solchen Demonstrationen im Einsatz, um den friedlichen Protest zu schützen. Denn der ist nur möglich, weil und wenn sie sich zwischen die verschiedenen Gruppen stellt.

Sie sind bei Großeinsätzen der Polizei regelmäßig in Zivil mit dabei. Wissen dort alle Kollegen dann, wer sie sind?

Ich denke, mich kennen fast alle Polizisten hier. Auf andere bin ich zugegangen, habe sie begrüßt und mich vorgestellt. So habe ich bei Einsätzen ganz viele Kontakte zu Kollegen aus ganz Deutschland geknüpft. Ich habe ja immer Gummibärchen verteilt. Darum nennt man mich den Gummibärchenpfarrer. Also meinen Rucksack habe ich bei großen Einsätzen immer bestückt mit zwei, drei Kilo Gummibärchen, die in diesen kleinen Tüten abgepackt sind. Und die habe ich dann verteilt. Das war auch ein Türöffner für mich. 

Welche Ereignisse aus 17 Jahren Arbeit als Polizeipfarrer werden Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?

Das ist der Mordfall an einer Lehrerin in Meißen vor 14 Jahren, der mich sehr lange beschäftigt hat in der Betreuung der Schüler, Lehrer und Eltern. Dann der "Fall Stephanie", bei dem ich auch die Eltern begleitet habe und der Absturz eines Polizeihubschraubers 2005 in Thalheim. Außerdem das Tötungsverbrechen an der Dresdner Gymnasiastin Susanna, die ich getauft und konfirmiert hatte und nun auch bestattete. Und das war jetzt auch der Unfall mit den zwei toten Bereitschaftspolizisten auf der A14 am 8. Mai.

Braucht man als Polizeipfarrer auch mal ein dickes Fell?

Was heißt dickes Fell? Ich denke, man muss manches abhalten können. Man muss aber auch sensibel bleiben für die leisen Töne, die oft nicht gesagt werden. Das empfehle ich auch den Polizisten. Sie müssen ein dickes Fell haben, aber sie müssen auch eine Mäusehaut haben. Sie können nicht jeden Tod mit sterben. Aber sie müssen sensibel bleiben für die wirkliche Not der Menschen. Ich habe viel Lebenserfahrung, ich habe viel gesehen in den 17 Jahren als Polizeipfarrer. Meine Frau sagt, ich sei anders geworden. Es ist viel gewesen. Wenn ich so vier oder fünf Todesfälle in einer Woche hatte, habe ich gedacht: Wie viel Tod kann ein Mensch eigentlich in einer Woche ertragen? Ein ganz wichtiger Halt ist dabei mein Glaube. Ich sage, diese Situation, dass ein Mensch so ums Leben kommt, so elendig weggehen muss oder so ein Kind so brutal, das kann ich nur ertragen, wenn ich weiß, dass dahinter ein Gott ist, der mehr machen kann als wir Menschen sehen und vor Augen haben. Und ich versuche, mein Leben auch zu genießen. Also ich bin ein fröhlicher Mensch, spiele viel Klavier und Orgel, mache Musik und mach auch meine Arbeit wirklich gern.

Was geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?

Ich habe diese Stelle sehr lange gehabt, das hat sich so ergeben. Ich habe die Polizeiseelsorge sozusagen aus dem Nichts aufgebaut. Ich denke, er braucht jetzt keine lange Zeit wie ich damals, um reinzukommen, denn der Boden ist bereitet. Mein Nachfolger wird es leichter haben. Er muss nicht mehr erklären, warum Polizeiseelsorge sein muss. Ich würde ihm sagen, er soll ganz offen, unvoreingenommen und freundlich auf die Polizisten zugehen. Dann werden sich ihm alle Türen öffnen. Ich denke, die Polizisten sind Leute, die sehr offen sind, sehr interessant sind, die mir eine sehr hohe Wertschätzung entgegengebracht haben, sehr viel Vertrauen. Ich habe diese Arbeit immer als große Gnade empfunden, das war für mich ein Gottesgeschenk, dass ich das machen durfte.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.07.2013

Springer, Christoph

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