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Dresden Lokales Ein todkranker Student und ein Dresdner Professor schreiben Transplantations-Geschichte
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10:47 24.09.2018
Heute forscht Gerhard Ehninger an Immuntherapien, die eine Stammzellentransplantation vielleicht zukünftig überflüssig machen könnten. Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

Wer an großen medizinischen Fortschritt denkt, dem kommen Bilder von Hightech-Labors oder Expertenkonferenzen von Medizinprofessorinnen in den Sinn. Es kann aber auch ein schwer kranker Student sein, der alles versucht, um dem Tod zu entkommen – und damit seinen Arzt, der heute in Dresden arbeitet, dazu bringt, alles auf eine Karte zu setzen und seine Entlassung zu riskieren.

Zeitsprung 1986, Frankfurt am Main: Der 27-jährige Medizinstudent Alexander U. leidet an Blutkrebs im Endstadium. Seine chronische myeloische Leukämie ändert plötzlich ihren Charakter. Die Leukämiezellen in seinem Knochenmark vermehren sich jetzt völlig unkontrolliert und treten als unreife Zellen, sogenannten Blasten, in sein Blut ein. Bei dieser Blastenkrise gibt es nun unfertige Leukozyten im Übermaß, dafür fehlen ihm Blutplättchen, die für die Blutgerinnung zuständig sind und die für den Sauerstofftransport nötigen roten Blutkörperchen. Ein lebensbedrohlicher Zustand.

Ohne Geschwister keine Hoffnung auf Stammzellen-Spende

Zur gleichen Zeit in Tübingen: Der Medizin-Professor Gerhard Ehninger übernimmt an der Klinik in Tübingen die Leitung des Knochenmarktransplantationsbereichs. „ Seit den 70er Jahren können Mediziner einigen Blutkrebspatienten mit einer Knochenmarkspende von Geschwistern helfen“, erklärt der damals 34-jährige Ehninger.

Knochenmarkspenden von unverwandten Fremdspendern bei Kindern wurden als letzte Option bereits einige Male durchgeführt – allerdings erfolglos. Selbst im weltweit führenden Transplantationszentrum in Seattle wurden die Eingriffe wieder eingestellt.

Mit dem Tod vor Augen wälzt Alexander U. In Frankfurt am Main medizinische Fachzeitschriften mit der Hoffnung auf einen Hinweis, was ihm noch helfen könnte. In einem Journal findet er eine kleine Studie, die die Wirksamkeit eines alten Medikaments bei akuter Leukämie feststellt. Mit dieser Idee, die ihn zwar nicht heilen kann, aber mehr Lebenszeit verschaffen könnte, geht er zu seinem behandelnden Universitätsprofessor in Frankfurt und überzeugt ihn, das Medikament auch an ihm auszuprobieren.

Zufallsfund zögert den drohenden Tod heraus

Völlig unerwartet für viele bringt das Medikament einen kleinen Erfolg. Die lebensbedrohliche, akute Leukämie mit Blastenkrise wird durch das Mittel zurückgedrängt. Alexander U. leidet nun wieder an seiner ursprünglichen chronischen myeloischen Leukämie, die ihn zwar einschränkt, aber nicht akut sein Leben gefährdet. Doch er weiß auch: Dieser Zustand wird nicht lange halten. Es bleibt nicht viel Zeit, bis wieder eine lebensbedrohliche Blastenkrise auftreten kann.

Transplantationszentrum mitten im Nichts zeigt, dass es funktionieren kann

Der Tübinger Professor Ehninger reist in den Mittleren Westen der USA. Hügel und Maisfelder soweit das Auge reicht. Hier besucht er das Transplantationszentrum in Iowa- „Was kann schon aus Iowa kommen?“, fragt er sich. Abseits der Medizinhochburgen findet er aber genau hier einen Arzt , der Knochenmarkspenden von unverwandten Spendern transplantiert. Was sich in Deutschland und den führenden Zentren in den USA angesichts der Risiken kaum einer mehr traut, habe dieser Arzt einfach gemacht, berichtet Ehninger.

Nach der Transplantation erhalten die Patienten in Iowa eine hohe Dosis Cortison, um Abstoßungsreaktionen des Körpers gegen die fremden Stammzellen zu verhindern.

In Deutschland nur kleine verstreute Spenderregister

In Frankfurt am Main weiß Alexander U., dass seine einzige Hoffnung auf eine langfristige Genesung die Übertragung von gesundem Knochenmark ist. In Zeiten, in denen das Internet noch nicht existiert, dauert auch der Informationsfluss länger. Alexander U. kann nicht googeln, wo es eine Knochenmarkspenderdatei gibt und in Echtzeit Kontakt aufnehmen.

Von Mund-zu-Mund erfährt er von einem befreundetem Arzt , dass in England die „Antony-Nolan-Stiftung“ kürzlich mit Aktionen in Kaufhäusern und Privataktionen eine Datei mit fast 100 000 Spendern aufgebaut hat. In Deutschland hingegen, gibt es einige kleine und verstreute Register.

Trotz Leukämie fliegt Alexander U. auf der Suche nach einem Spender nach London

Erst fünf Mal ist zu diesem Zeitpunkt die Transplantation mit unverwandten Stammzellen in Westdeutschland ausprobiert worden. Er fliegt nach London, um Professor Goldman zu treffen, um von seinem Fall zu berichten. Goldman, dessen Familie ursprünglich aus Leipzig stammt, rät ihm zur HLA-Gewebetypisierung, so dass in der englischen Kartei nach einem passenden Spender gesucht werden könne.

In Labors werden die Gewebeproben von potenziellen Spendern typisiert. Quelle: dpa-Zentralbild

Und tatsächlich: Es passt. In England gibt es einen übereinstimmenden Spender. Aber wo soll die Transplantation durchgeführt werden?

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Sein behandelnder Professor verweist auf England und die USA. Also steigt der an Leukämie erkrankte Alexander U. ins Flugzeug und bereist zahlreiche Zentren, unter anderem auch das Transplantationszentrum in Iowa. Hier hört er zum ersten Mal von dem damaligen Privatdozenten Gerhard Ehninger, der kurz vorher in Iowa zu Besuch war.

Der Plan eines heimlichen Eingriffs scheint zunächst zu scheitern

Im Frühjahr 1987 treffen Alexander U. und Ehninger zum ersten Mal aufeinander. „Die Patientenvorstellung musste spätabends erfolgen, damit mein Chef nichts mitbekommt“, berichtet der heutige Professor.

Doch der Plan geht nicht auf, sein Chef kommt während der Patientenvorstellung vorbei und erklärt ihm „Wenn die Transplantation schief geht, ist Ihre Stelle in Gefahr“. Ehninger ist unsicher. Auf der einen Seite der dringende Behandlungswunsch des todkranken Patienten, auf der anderen Seite das Risiko, dass die Transplantation missglückt, Alexander U. stirbt und er selbst seinen Job verliert.

Kinderspezialisten aus der Sozialpädiatrie stärken ihm den Rücken, alles zu versuchen und die riskante Transplantion durchzuführen.

Spender fliegt extra aus England ein

Ehninger und Alexander U. warten bis zum Urlaub seiner Vorgesetzten im Sommer mit der Operation. Der englische Spender fliegt nach Deutschland, damit ihm vor Ort Knochenmark aus dem Becken entnommen werden kann.

„Heute ist die Entnahme über das Blut möglich und damit einfacher“, erklärt Ehninger. Zur Vorbereitung wird Alexander U. fünf Tage die Woche bestrahlt und erhält Medikamente. „Dadurch soll das Lymphsystem außer Kraft gesetzt werden, damit die fehlende Abwehr sich auch nicht gegen das Transplantat zur Wehr setzen kann“, erklärt Ehninger.

Entnommene Stammzellen in einem Beutel Quelle: DKMS

Am 27. Juli 1987 wird Alexander U. das Knochenmark seines Spenders transplantiert. Doch trotz der Vorbehandlung kommt es zu einer schweren Abstoßungsreaktion des Immunsystems. Wie in Transplantationszentrum in Iowa gesehen, erhält Alexander U. hohe Dosen Cortison. Sein Gesicht ist aufgequollen. Aber es wirkt. Die Abwehrreaktion geht zurück.

Alexander U. wird selber Arzt

„Der Patient hat sehr viel Sport getrieben und war muskulös“, berichtet Ehninger. Das könne ein Teil des Geheimnisses sein. Nach drei Monaten hat Alexander U. das Gröbste überstanden. „Im ersten Jahr ist das Infektionsrisiko noch groß“, erklärt Ehninger. Alexander U. übersteht das erste Jahr und wird gesund, auch wenn er lebenslang ein erhöhtes Krebsrisiko behalten wird. Heute lebt er in Frankurt am Main und ist praktizierender HNO-Arzt.

Der Fall „hat Schranken niedergerissen“ und war gleichzeitig ein „mutmachender Startpunkt“, sagt Ehninger rückblickend. Aber die Frage, warum es in Deutschland keine Spender gibt, ließ ihn nicht los.

Als die Ehefrau des Managers Peter Harf 1991 durch ihre Leukämieerkrankung eine Stammzellenspende benötigte, gab dies den Anstoß für den behandelnden Ehninger und Harf zur Gründung einer gemeinnützigen Gesellschaft mit dem Ziel eine Knochenmarkspenderdatei aufzubauen.

Am 28. Mai wurde die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) in Tübingen gegründet. Heute ist sie die weltweit größte Datei mit rund 7,5 Millionen registrierten Spendern. Durch weltweiten Austausch können Patientendaten heute mit 25 Millionen registrierten Spendern abgeglichen werden.

Ehninger macht Dresden zu einem der größten Transplantations-Standorte

Drei Jahre später wurde Ehninger auf den Lehrstuhl der Technischen Universität in Dresden berufen. Mit Unterstützung der Deutschen Krebshilfe gelang es, ein interdisziplinäres Tumorzentrum aufzubauen. Das Dresdner Mildred-Scheel-Gebäude gehört heute zu den größten Transplantationszentren in Europa. 1990 und 1993 kamen rund 7000 Dresdner zu den ersten großen Typisierungskationen im Kulturpalast.

Arbeit im DKMS-Labor in Dresden Quelle: Anja Schneider

Auch heute noch ist die Knochenmarktransplantation bei bösartigen Veränderungen in der Blutbildung für manche Patienten die einzige Überlebenschance. „Die Transplantation bedeutet die Übertragung eines neuen Immunsystems“, sagt Ehninger.

Heute forscht Ehninger an Ersatztherapien zur Stammzellen-Transplantation

Vor 31 Jahren hat er die erste Stammzellentransplantation von unverwandten Spendern durchgeführt – aktuell forscht er in Dresden an Methoden, die das zukünftig überflüssig machen könnten.

In der 2002 gegründeten Firma „Cellex“ und in der 2011 mit Professor Michael Bachmann gegründeten Firma „GEMoab Monoclonals“ wird an einer Immuntherapie geforscht.

Das Ziel: Mit neuen Antikörpern und gentechnisch veränderten Immunzellen soll das eigene Immunsystem des Leukämie-Patienten die bösartigen Zellen erkennen und abtöten können.

Bevor das aber Realität in Krankenhäusern wird, werden sich der Patient Alexander U., der sein Schicksal selbst in die Hand genommen hat, und sein Arzt, der auf Grund seines Gewissens gegen die Anweisungen des Chefs handelte und damit Medizingeschichte schrieb, wohl noch einige Male in Dresden zum Abendessen treffen – so wie sie es gelegentlich tun.

Von Tomke Giedigkeit

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