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Lokales Zweite Chance für Weimars Aschebücher
Dresden Lokales Zweite Chance für Weimars Aschebücher
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13:49 27.05.2018
Buchbinder Ludwig Nowak präsentiert in seiner Striesener Werkstatt die von ihm neu gebundene Aschebücher. Quelle: Anja Schneider
Dresden

In der Buchbinderei Nowak auf der Eisenacher Straße in Striesen stapeln sich die unterschiedlichsten Bücher auf Türmen fast bis zur Mitte der Werkstatt, dazwischen ragen verstaubte Prägeformen und Lettern aus Messing, bunte Stoffrollen und alte Maschinen hervor. „Das ist eine Produktionsstätte, deswegen sieht es manchmal so wüst aus“, meint der Besitzer, Ludwig Nowak. Hier werden täglich lose Blätter in eine feste Form gespannt, Gebundenes liebevoll verziert oder aufwendig restauriert – wie auch die sogenannten Aschebücher, an denen Nowak derzeit mit seinen Kollegen arbeitet. Die Bücher stammen aus der Weimarer Herzogin Anna Amalia Bibliothek (HAAB) und konnten 2004 gerade noch rechtzeitig aus dem brennenden Gebäude gerettet werden. Nun sollen sie Jahre später endlich neu gebunden werden.

Das Archivbild zeigt den 2004 durch einen Brand schwer beschädigten Rokokosaal der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar. Quelle: dpa

Die bedeutende Buchsammlung der HAAB mit Werken der Aufklärung bis zur Spätromantik wurde seit 1691 immer weiter aufgestockt und unter der Aufsicht von Goethe 1797 national etabliert. 1998 wurde die Bibliothek sogar zum Weltkulturerbe erklärt. Doch binnen weniger Stunden zerstörte ein Feuer am 2. September 2004 den historische Rokokosaal und mit ihm knapp 50 000 Bücher aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. 62 000 weitere Bände wurden durch die Flammen und das Löschwasser zum Teil stark beschädigt. „Es flogen damals überall Aschefetzen durch die Stadt. Die Bewohner von Weimar haben die Reste der Bücher gesammelt und dann abgegeben“, erinnert sich Ludwig Nowak.

11 Jahre später hilft er nun als Sachsens jüngster Buchbindermeister dabei, den Schaden zu beheben. In den vergangenen Jahren hat die Herzogin Anna Amalia Stiftung zahlreiche Spenden gesammelt, um die Bücher  kostspielig gefrierzutrocknen, die losen Blätter um den abgebrannten Seitenrand zu ergänzen und mit dünnem Japanpapier zu schützen. In diesem Zustand erhielt die Dresdner Buchbinderei Nowak die Jahrhunderte alten Werke. Unter ihnen sind wertvolle Schriften Martin Luthers oder des einstigen Völkerrechtsprofessoren Heinrich von Cocceji. Es liegt nahe, dass sie deshalb besonders vorsichtig behandelt werden müssen: „Die Bindung geschieht mit der Hand – die Werke sind zu wertvoll, um sie durch eine Maschine zu jagen“, so der Inhaber.

Die gesicherten Aschebücher werden neu geheftet. Buchbinder Nowak trägt dabei besondere Arbeitshandschuhe, um die historischen Blätter zu schützen. Quelle: Anja Schneider

Entgegen aller Erwartungen sind die Druckzeilen auf den losen Blättern erstaunlich gut erhalten, wenn man die Umstände betrachtet. Auf den ersten Blick könnte man bei den Aschebüchern mit leichtem Rußrand vermuten, dass sie weit ab vom Feuer gestanden haben müssen. Doch Ludwig Nowak weiß es besser: „Sie standen definitiv mitten in den Flammen. Die Bücher sind mitsamt Rücken ringsherum verbrannt. Sie standen jedoch so eng aneinander gepresst, dass keine Luft herankam und wurden dadurch von einer völligen Zerstörung bewahrt.“ Glück im Unglück also, wenn man soweit gehen darf. Dennoch macht der entstandene Schaden den Buchbinder betroffen. „Feuer und Wasser sind die größten Feinde von Büchern“, erklärt Ludwig Nowak. „Ich war während meiner Lehre in Dresden zur Zeit der Flut jeden Tag in Tharandt in der Bibliothek und stand bis zum Bauch im Wasser zwischen nassen Büchern – das geht einem schon nahe“, gesteht der Meister.

Stundenlang verbringen die wenigen Mitarbeiter Anne Schröter, Carolina Bräuer und Kathrin Exner in der urigen Werkstatt damit, die Aschebücher neu zu heften. Die fertigen Bände erhalten keinen Bucheinband, sondern werden nur in eine unscheinbare, graue Buchschachtel gelegt. Die Auftraggeber wollten sich noch nicht festlegen, ob oder in welchem Ausmaß die einst schmucken Bücher irgendwann wieder verziert werden, erklärt Nowak. „Der Originaleinband ist weg. Nach der Ethik der Restaurierung darf das, was zerstört oder verloren gegangen ist, nicht ergänzt oder ersetzt werden. In diesen Fällen gestaltet man etwas neutrales – einfach nur, um das Wissen der Bücher zu erhalten.“

Die restaurierten Aschebücher erhalten keine neuen Buchdeckel, sondern kommen in neutrale Pappbehälter. Quelle: Anja Schneider

Frisch geheftet werden sie dem Archiv der Herzogin Anna Amalia Bibliothek übergeben und stehen den Lesern im Sondersaal bald wieder zur Verfügung. Die ersten hundert Bücher sind bereits fertig gebunden, für weitere hundert hat die Werkstatt bis Juni Zeit. Viele Privataufträge sind dadurch liegen geblieben und nach hinten rausgeschoben werden, aber: „Die Aschebücher sind einfach wichtiger als Omas Kochbuch“, meint Ludwig Nowak. Sein Handwerk hat der Mittdreißiger in der Landesbibliothek gelernt und anschließend während einer Weltreise professionalisiert. Wenn die Buchbinderei nicht gerade für die HAAB restauriert, bindet sie etwa für das Rolling Stone Magazin, die Dresdner Philharmoniker, die Staatlichen Kunstsammlungen und auch die DNN.

„Unsere höchste Auflage geht bis 250 Stück, ab dann sollten maschinell gebunden werden. Millionenauflagen wie bei Harry Potter bindet keiner mehr handwerklich“, ist sich Nowak sicher. Doch auch wenn Leute nur ein einziges Hochzeitsgästebuch, Fotoalbum oder Tagebuch binden lassen wollen, bestellen sie es heutzutage oft kostengünstig im Copyshop oder Internet – Keine gute Idee, wie der Buchbinder meint. „Es ist offensichtlich, dass das Buch bald auseinanderfällt, wenn es ’made in Fernost’ ist.“  Nowak selbst legt großen Wert darauf, regionale Materialien zu verwenden. „Ich bin ein echter Lokalpatriot. Mein Klebstoff kommt aus Leipzig und meine Buchpappen aus Glashütte.“ Außerdem seien Bücher handwerklich gebunden einfach individueller und persönlicher, meint der Dresdner, der das über 100 Jahre alte Unternehmen vor 6 Jahren übernommen hat. „Wenn Leute schon viel Zeit in ein Buch gesteckt haben, wollen sie es auch wertschätzen.“

Etwa sechzig Prozent aller Aufträge nimmt Nowak von Privatkunden an. Im Kundengespräch wird zunächst geklärt, was gebunden werden soll: „Ist es eine Speisekarte, ein Weddingplaner oder eine lose Blattsammlung von Opas handschriftlichen Tagebuchaufzeichnungen von 1930? Je nach Zweck und Nutzungshäufigkeit bindet man sehr unterschiedlich“, erläutert er. „Bei einem Papier das älter als 20 bis 30 Jahre ist, kann man zum Beispiel davon ausgehen, dass es brüchiger weil säurehaltiger ist und sich dadurch schlechter binden lässt.“ So war es auch bei den Aschebüchern der Fall. Eine große Herausforderung, die er gerne angenommen hat, erzählt Ludwig Nowak über seinen bisher ungewöhnlichsten Auftrag.

Katharina Jakob

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