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Lokales Zeitzeuge berichtet von der Bombardierung im Februar 1945
Dresden Lokales Zeitzeuge berichtet von der Bombardierung im Februar 1945
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08:01 13.02.2018
Dresden Webergasse mit Bärenschänkenach dem Angriff am 13. Februar 1945. Im Hintergrund die Kreuzkirche.  Quelle: Archiv
Dresden

 „Dresden woll’n sie schonen, denn in Dresden woll’n sie wohnen“. Lange sah es tatsächlich so aus, als würde die Stadt davonkommen. Als würde dieser am Rande der Verzweiflung von Einheimischen gereimte Spruch in seiner überdrehten Albernheit Anspruch erheben können auf Wahrheit. Ja, die Deutschen hatten diesen scheußlichen Krieg angezettelt, der nun an seinen Ursprung zurückkehrte. Doch auch der schlimmste Barbar würde doch dieser einzigartigen Kulturstadt kein Haar krümmen. Würde er doch nicht. Niemals. Nie! Oder?

Im Februar 1945 war die Stadt voll. Sie hatte sich gefüllt mit Flüchtlingen aus den Ostgebieten, die ihre Heimat wegen der heranrückenden Front verlassen hatten. Inzwischen trieben mehr als eine Million Menschen die Infrastruktur der Residenzstadt nah an den Kollaps. Mehrmals täglich donnerten Bombengeschwader über den Himmel, ohne ihre Fracht abzuwerfen. Der hektische Gang in die Luftschutzkeller wurde so alltäglich wie die Angst, die immer neue Löcher in die Hoffnung riss.

Und doch: Es war Faschingszeit. An den vertrauten Dingen des Alltags konnte man sich entlanghangeln. Viele lachten, um nicht weinen zu müssen.

Archivfotos um den 13./14. Februar 1945 in Dresden und die drauf folgenden Monate

Der Dresdner Georg Frank beschreibt in seinen Erinnerungen, wie bis zum Abend des Faschingsdienstags im Jahr 1945 ein bemüht fröhlicher Alltag den schwelenden Horror wegzulächeln versuchte. Als kleiner Junge lebte Georg mit seinen Eltern in Johannstadt, tollte mit anderen Kindern den ganzen 13. Februar über in Faschingskostümen umher. Mit der Clownsmütze auf seinem Kopf begleitete er seine Mutter noch zum Einkaufen. Weil der Vater – der als Feinmechaniker Scherenfernrohre für die Rüstungsindustrie herstellte und so der Front entronnen war – wieder später von der „Volkssturm“-Versammlung nach Hause kam, aß Georg mit der Mutter zu Abend. Danach fiel er rechtschaffen müde in sein Bett und schlief sofort ein. Es waren seine letzten drei Stunden in der Wohnung in der Dürerstraße 94. In den nächsten 37 Stunden sollten in Dresden etwa 25 000 Menschen sterben.

Gegen halb zehn, so schreibt Georg Frank, ertönte aus Vaters selbstgebasteltem „Drahtfunk“ die Warnung: „Achtung Achtung! Starke anglo-amerikanische Bomberverbände im Anflug auf Dresden! Entfernung circa 20 Kilometer! Suchen Sie die Luftschutzräume auf!“ Dazu heulten die Sirenen. Georg wurde von seiner Mutter aus dem Bett gerissen, in eine Decke gewickelt, dann hastete die Familie mit ihren wichtigsten Habseligkeiten in den Keller, der sich allmählich mit den übrigen Bewohnern füllte.

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Das Haus überstand den ersten Angriff noch leidlich, doch die Löscharbeiten am Dachstuhl wurden jäh von der zweiten Bombenwelle unterbrochen. Und die ließ vom Haus nicht mehr stehen als die Außenwände.

Aber das erfuhr Georg erst viel später. Denn damals, als Rauch, Hitze und einstürzende Mauern die Menschen aus ihrem Kellerversteck trieben, war nicht auszumachen, welche Häuser im Viertel den Bomben getrotzt hatten. Gemeinsam mit den Nachbarn machte sich Familie Frank mitten im Inferno auf den Weg Richtung Elbe, um von dort so schnell wie möglich aus dem Zentrum fliehen zu können.

Außer dem Leben alles verloren

Als sie die Straße erreichten, blies ein furchtbarer Sturm – nicht auszumachen, ob natürlicher oder Flammensturm. Er riss Georg die nasse Decke von den Schultern, in die ihn die Mutter zum Schutz eingewickelt hatte. Überall schreiende Menschen, Tote, brennende Gebäude, Schutt und Scherben. Vorbei ging es am Johannstädter Krankenhaus (heute Medizinische Akademie), wo Frauen- und Kinderklinik lichterloh brannten. Immer mehr Menschen sammelten sich auf dem Weg zur Elbe, mit vielen zog die Gewissheit: Außer dem nackten Leben ist alles verloren. Am Fluss angelangt, reichte ein Blick nach links und rechts, um zu sehen: Hier würde auf lange Zeit niemand mehr wohnen. Dresden stand in Flammen.

Im Morgengrauen erreichte Familie Frank den Schillerplatz, überquerte das Blaue Wunder und zog mit dem übernächtigten Treck die Grundstraße hinauf weiter gen Osten. In den Mittagsstunden des Aschermittwochs erschütterte eine dritte Angriffswelle die Stadt hinter ihnen. Wie gut, dass sie gegangen waren! Doch was würde werden?

Notquartier in der Turnhalle

Am Abend trafen sie in Weißig ein. Seit mehr als 20 Stunden hatten sie nichts mehr gegessen, nicht mehr geschlafen, sich nicht gewaschen. Wie heute mussten auch damals Turnhallen als Notquartiere herhalten. Dort standen für die Nacht Feldbetten und Decken bereit, es gab – immerhin – eine Suppe mit fettigem Fleisch und Brot, es gab warmen Tee und zum Waschen kaltes Wasser.

Und es gab einen Beamten mit Hakenkreuzbinde am Arm, der die Ankömmlinge registrierte und Bescheinigungen ausstellte. Wieder einmal erwies sich die deutsche Verwaltung als gut vorbereitet. Auf dem Vordruck Nummer 69 zur Vorlage bei Behörden, Parteien und Ämtern ließ sich kurz und bündig eintragen, welches Haus bzw welche Wohnung in welcher Straße bei welchem Angriff durch welche Waffen leicht mittel, schwer oder total beschädigt wurde – nicht Zutreffendes bitte streichen.

Die Franks konnten zum Schaden an der Wohnung noch keine Angaben machen, aber wenigstens hatten sie alle nötigen Papiere beisammen. An ihnen also lag es nicht, dass die Schlange derjenigen immer länger wurde, die nach einem solchen Nachweis anstanden. Viele hatten es offenbar nicht geschafft, ihre wichtigsten Dinge durch den Bombenhagel zu retten. Doch wer keine Verwandten in der Umgebung hatte, war auf solche Zettel angewiesen, um für die nächste Zeit irgendwo unterzukommen.

Vordruck 69 – Nichtzutreffendes bitte streichen: Die deutsche Verwaltung war für den Verlust von Haus oder Wohnung gerüstet. Quelle: Archiv

Aus dem Inferno auf den Friedhof

Für Familie Frank ging es zunächst noch ein Stück weiter nach Osten – nach Neustadt in Sachsen. Ironie der Geschichte: Gerade dem Tode entronnen, landeten sie ausgerechnet auf einem Friedhof. Für einige Wochen hatte man sie beim Friedhofsmeister des Ortes einquartiert, einem gutmütigen Mann, wie Georg Frank schreibt. Eines Nachts bat er um Hilfe: Er wollte seine SA-Uniform verbrennen. Offenbar hielt der Totenwächter den Krieg für verloren.

Georgs Vater trieb all die vielen Tage die Frage um, ob nicht vielleicht doch die eine oder andere Familienhabseligkeit das Bombardement überlebt hatte. Drei Wochen nach dem Angriff kehrte er allein in die verwüstete Stadt zurück. Ein Zug hatte ihn bis Strehlen gebracht, von da an ging es zu Fuß weiter. Gleise und Bahnhöfe waren zerstört, Straßen und Wege ebenso, über allem hing Brand- und Verwesungsgeruch.

Dreifuß aus den Trümmern

Der Große Garten, in dem tausende Schutzsuchende den Tod gefunden hatten, war von Bombentrichtern übersät. Und immer kleiner wurde die Hoffnung, das Haus halbwegs unversehrt vorzufinden. Comeniusstraße, Fürstenplatz (heute Fetscherplatz) und Fürstenstraße waren eine einzige Trümmerwüste. Dann die Gewissheit: Vom Haus Nummer 94 in der Dürerstraße standen nur noch die Außenwände. Auch im Keller fand sich nichts Verwertbares mehr – nichts, bis auf den verrosteten Schusterdreifuß, den der Vater zum Besohlen von Schuhen nutzte. Ein Detail, das in Friedenszeiten Schulterzucken hervorruft, nun aber einen ungeahnten Bedeutungszuwachs erfuhr.

Das schwere Eisengerät hat die Familie fortan begleitet. Zusammen mit seinem Bericht über die Monate zwischen dem 13. Februar 1945 und dem Kriegsende hatte Georg Frank diesen Dreifuß schließlich im Jahr 2003 dem Stadtarchiv Dresden übergeben.

Zurück in die letzten Kriegstage. Obwohl Georgs Vater in Neustadt Arbeit gefunden hatte, mussten sie erneut weiterziehen. An den Grund konnte sich Georg nicht mehr erinnern, wohl aber an die friedliche Landschaft, die sie nun in der nächsten Station in Neudorf im Erzgebirge umgab. Der Fichtelberg war nah, fast unwirklich die Idylle, die sie bei Familie Illing erlebten, einfachen Gebirgsbauern, denen sie bei der Arbeit halfen. Georg erinnert sich an Wälder und Täler, an Ruhe und Schönheit. Dann die Nachricht von der Kapitulation. Der Krieg war zu Ende. Zeit, heimzukehren. Im Mai ging es zurück nach Dresden.

Zu zehnt in zwei Zimmern

Die Hoffnung, bei Tante Elsa in Gittersee Unterschlupf zu finden, erwies sich bestenfalls als Kurzzeitlösung. Denn andere Familienmitglieder hatten die Idee vor ihnen gehabt. Fortan tummelten sich in der kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung ohne Bad und mit Plumpsklo im Hof zehn Menschen und versuchten ihren Alltag möglichst stressarm zu bewältigen. Einige Tage dort zu bleiben war durchaus sinnvoll, denn Elsa arbeitete in einer Konservenfabrik in Freital, die die Sowjettruppen belieferte. Dort schälte sie Kartoffeln und putzte Gemüse. Jeden Abend brachte sie eimerweise Abfälle mit nach Hause, aus denen Suppe gekocht oder Puffer gebacken wurden.

Weitere Wochen gingen ins Land, der Hunger nagte an den Nerven, das Leben zu zehnt war keine Option mehr. Gemeinsam mit seinem Bruder und seiner Schwägerin baute Georgs Vater einen Keller in der Gerokstraße aus. Unter einer zerbombtem Kindertagesstätte waren Waschhaus und Trockenräume unversehrt geblieben. Dort richteten sich die zwei Familien ein, bis Dresden wieder ein normaleres Leben möglich machte.

*

Hier endet der Tatsachenbericht von Georg Frank. Er hat ihn seinen Eltern gewidmet und all jenen, die ein ähnliches Schicksal hatten.

Von Barbara Stock

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