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Lokales Wolfgang Berghofer: „Ich beneide Dirk Hilbert gerade nicht um sein Amt“
Dresden Lokales Wolfgang Berghofer: „Ich beneide Dirk Hilbert gerade nicht um sein Amt“
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15:17 11.03.2018
Der frühere Oberbürgermeister von Dresden, Wolfgang Berghofer Quelle: dpa
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Dresden

Wolfgang Berghofer, zur politischen Wende Oberbürgermeister von Dresden mit SED-Parteibuch, wird am Sonntag 75 Jahre alt. Er ist einer der wenigen SED-Spitzenfunktionäre, die sich öffentlich und kritisch zu ihrer Verantwortung bekannten. Der Wahlberliner redet im DNN-Interview unverblümt über den Zusammenbruch des SED-Staates und seine eigene Rolle.

Wolfgang Berghofer, das war doch der SED-Bonze, schlimmer noch: der Wahlfälscher. Dieses böse Wort kriegen Sie nicht mehr los, wie leben Sie heute damit?

Es tut immer noch weh. Dieses Verdikt ist tief eingebrannt in mir. Ich kann es nicht einfach wegwaschen. Ich habe diesen Fehler begangen, ich habe die Kommunalwahlen 1989 gefälscht, ja, so war es. Ich habe wider besseren Wissens, Parteidisziplin lebend, Dinge gemacht, die sich weder mit meinem Gewissen noch mit den Gesetzlichkeiten vereinbaren ließen, die ja auch in der DDR existierten.

Können Sie sich noch – fast 30 Jahre später – an den Frühling 1989 erinnern?

Es gab lange Auseinandersetzungen mit meinem Parteichef Hans Modrow und natürlich auch mit der Obrigkeit in Berlin. Wir wurden ruhiggestellt mit dem Satz: ‚Genosse Honecker hat durchgestellt, dass die realen Wahlergebnisse offengelegt werden‘. Man hätte damals in Dresden 82, 83 Prozent Zustimmung erwirkt. Das wäre unter DDR-Bedingungen nicht das schlechteste Ergebnis gewesen – und es wäre wahr gewesen. Unmittelbar vor der Wahl jedoch kam der Befehl: Ihr müsst das gleiche Ergebnis erreichen wie all die 40 Jahre zuvor. Das heißt, dass in der DDR die Wahlen immer gefälscht waren. Hans Modrow sagte dann: Wolfgang, wenn wir uns nicht fügen, dann werden wir aus dem Reformprozess, der durch Gorbatschow in Gang gesetzt wurde, ausgeschlossen. Das schadet der Sache mehr, als es ihr nutzt. Also habe ich mich belatschern lassen. Also habe ich meine Mitarbeiter im Rathaus angewiesen, das zu machen, was die SED verlangt.

Für diese Anweisung wurden Sie 1992 – trotz Verteidigung durch Otto Schily - zu einem Jahr Haft auf Bewährung und 36 000 Mark Geldstrafe verurteilt.

Der Prozess war sehr widersprüchlich. Der Richter kam aus den alten Bundesländern. Er hatte von dem System der Machtausübung der SED keine Ahnung. Und der Staatsanwalt – das war der alte SED-Staatsanwalt. Der hätte mich garantiert eingesperrt, wenn ich den Befehl von Oben nicht umgesetzt hätte. Doch etwas lässt mich immer noch staunen. Die Obrigkeiten, wie Hans Modrow zum Beispiel, lehnten es alle ab, Verantwortung zu übernehmen. Sie hätten von der Wahlfälschung erst aus dem Neuen Deutschland erfahren. Ich habe das anders gemacht. Das hat sich auch im Nachhinein als richtig erwiesen. Vielleicht sprechen mich auch deshalb Menschen in Dresden immer wieder an.

Die Stasi warb Sie als IM an, kündigte aber 1981 die Zusammenarbeit auf – wegen „Unehrlichkeit“ . Und dennoch wurden Sie fünf Jahre später OB von Dresden...

...das war in meinen Augen keine Auszeichnung, Dresden war die am schwersten zu regierende Großstadt in der DDR – hoher Anteil an Intellektuellen, Künstlern, hochqualifizierten Facharbeitern. Die Widersprüche waren enorm – mit Blick auf die Stadt mehr barack, als barock. Und der DDR-Parteikader war von ganz besonderer Qualität. Ich ging also mit relativ unguten Gefühlen dorthin. Wenn man sich aber erst einmal mit der Geschichte Dresdens ernsthaft beschäftigt, dann lässt einen die Stadt nicht mehr los, dann bleibt man Dresdner. Ich bin es bis heute. Gerade neulich war ich im Theaterkahn.

Am 20. Januar 1990 haben Sie der SED/PDS den Rücken gekehrt. Zu den ersten freien Kommunalwahlen in der DDR im Mai 1990 sind Sie nicht mehr angetreten. 2001 kandidierten Sie als Parteiloser für das Amt des OB. Hatten Sie Langeweile?

Es gab damals enormen Druck aus der Bevölkerung. Ich war hin- und hergerissen. Meine Frau war strikt dagegen. Und eigentlich wusste ich es tief in mir selbst besser: Das wichtigste Kapital in der Politik ist Vertrauenswürdigkeit. Die hatte ich durch meine Vorgeschichte verspielt. Trotzdem habe ich mich darauf eingelassen. Ich habe wirklich gedacht, dass ich mich nicht als Kandidat der PDS vereinnahmen lassen muss. Ich musste dann zur Kenntnis nehmen, dass es nicht geht. Die PDS wollte mich als offiziellen Kandidaten. Aber ich bin doch nicht aus dem Laden ausgetreten, um durch die Hintertür wieder hereinzukommen.

Und was wäre, wenn es geklappt hätte?

Darüber denke ich manchmal nach. Ich hatte zu Zeiten sozialistischer Planwirtschaft ja nie die Möglichkeit, wirklich zu gestalten. Ich hatte den Mangel zu verwalten. Ich sollte als guter Genosse den Menschen erklären, dass das, was sie sehen, nicht real war. Und als OB sollte ich verhindern, dass die Stadt schneller einfiel, als das Wohnungsbauprogramm der SED sie wiederentstehen ließ. Heute kann ein Bürgermeister gestalten, baulich, wirtschaftlich, kulturell. Das hätte ich mich schon gereizt. Sehr sogar.

Was fällt Ihnen als erstes ein, wenn Sie an den 7. Oktober 1989 denken?

Also die Generäle, die ich bei unseren lieben Freunden in der Sowjetunion gefragt habe, die sagten einstimmig, die Panzer stehen bereit. Wenn es einen entsprechenden Befehl aus Moskau gibt, dann schaffen wir Ordnung. Dass man in Bonn damals viel mehr wusste als ich, das wissen wir heute. Damals nicht. Die Angst, die die Leute auf der Straße hatten, die hatte ich genauso. Wie auch immer man diesen Herbst 1989 nennt, eine Revolution oder Wende, das kriegt man nicht zum Nulltarif. Unabhängig davon aber scheint die Situation heute der von damals sehr ähnlich. Lenin hat uns das ja ins Stammbuch geschrieben, wie Revolutionen passieren. Manches heute erinnert daran. Wenn man keine Antworten mehr hat für das Volk, das Fragen hat, vieles nicht mehr versteht, dann entwickeln sich Ränder rechts und links. Das Gefühl, es geht nicht so weiter, das hatten damals fast alle. Dieses Gefühl ist heute wieder da.

Jetzt sind wir doch bei den Montagsspaziergängern gelandet?

Dresden ist so eine Perle geworden. Und dann Pegida! Das schadet dieser Stadt ungemein. In der ganzen Welt redet man davon. Das nehmen viele Dresdner leider nicht wahr. Aber das ist die Quittung dafür, wenn man zu lange Antworten verweigert. Davon kann ich ein Lied singen. Die sächsische Regierung und die Stadt haben sich der Problematik nicht von Anfang an gestellt. Du musst mit den Leuten reden. Du hast gar keine andere Wahl. Eine Stadt, die erlebt hat, wie man eine politische Führung stürzt, die bis an die Zähne bewaffnet war, weiß natürlich auch, wie man in der Demokratie Interessen durchsetzt. Ich beneide Dirk Hilbert gerade nicht um sein Amt.

Von Adina Rieckmann

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