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„Wir sollten für etwas höhere Mieten kämpfen“

Der Dresdner Architekt Jens Zander im DNN-Interview „Wir sollten für etwas höhere Mieten kämpfen“

Tolle Architektur und billige Mieten – geht das überhaupt? „Nein“, sagt der Dresdner Architekt Jens Zander. Für 1600 Euro Baukosten pro Quadratmeter seien hochwertige Fassaden nicht zu haben. Wer das fordere, schaffe sich seine eigene Realität.

Herzblut für die Prager Straße statt für die Robotron-Kantine.
 

Quelle: Ingrid Dreger

Dresden.  Kulturhauptstadt will Dresden noch werden, den Titel Debattenhauptstadt kann Dresden schon lange für sich beanspruchen. Der Architekt Jens Zander erklärt im DNN-Interview das spezielle Dresdner Phänomen an vielen Beispielen. Zweiter Rettungsweg, Robotron-Kantine oder Königsbrücker Straße sind verschiedene Beispiele für einen Mechanismus, glaubt Zander, der beim Kraftwerk Mitte außer Kraft gesetzt wurde.

Frage: Warum dauern Bauvorhaben in Dresden immer so lange?

Jens Zander: Man hat den Eindruck, dass sich die Stadt regelmäßig zerredet. Viele Themen werden einfach zerdiskutiert. Jeder spricht mit, und jede einzelne Stimme erhält ein Riesengewicht und eine Riesenaufmerksamkeit. Es fehlt die Gelassenheit, auf die Fachleute zu vertrauen.

Die städtische Bauaufsicht will Bauherren verpflichten, bei Wohngebäuden einen zweiten Rettungsweg zu planen. Investoren laufen dagegen Sturm. Wie ernst ist die Situation?

Das ist eine sehr bedenkliche Entwicklung und steht sinnbildlich für Verwaltungshandeln in Dresden. Da gibt es eine Protokollnotiz aus dem Sächsischen Innenministerium und schon wird Dresden zum Vorreiter für ganz Deutschland. Die Stadt gibt den öffentlichen Straßenraum nicht mehr als Rettungsweg frei. Das ist doch absurd. Eigentlich erwartet man von der Verwaltung, dass sie dagegen angeht. Es soll ganz schnell viel Wohnraum entstehen. Aber wenn ich sehe, wie die Verfahren in der Verwaltung bearbeitet werden, dann kommen mir da große Zweifel.

Können Sie Beispiele nennen?

Es ist kaum noch möglich, eine Baugenehmigung in der normalen Zeit zu erhalten. Ich habe vor Weihnachten Bauanträge für ein Eigenheim in Dresden und ein Eigenheim in Meißen eingereicht. In Dresden habe ich noch nicht einmal eine Eingangsbestätigung erhalten. Meißen hat dagegen die Baugenehmigung ausgereicht. Dort ist die Struktur klein. In Dresden gibt es Verfahrenswege und einen Zeitbedarf, der alle wahnsinnig macht. Fast alles wird verzögert.

Ist die Stadtverwaltung zu schwerfällig?

Es fehlen die klaren Ansagen, nach denen man seinen Entwurf ausrichten kann. Nach vier Monaten Vorabstimmung bekommen wir in vielen Fällen immer noch nicht gesagt, wie man bauen kann. Erst schaut der Sachbearbeiter auf die Pläne, dann der Sachgebietsleiter, der Amtsleiter will auch noch einen Blick werfen, dann kommt der Baubürgermeister. In der Zwischenzeit wird eine öffentliche Diskussion geführt, die Politik wird aufmerksam und lässt sich von der öffentlichen Meinung treiben. Es kommt zum Stillstand.

Sind Sie gegen öffentliche Debatten?

Debatten sind gut, aber man muss zwischen Geschrei und fachlicher Meinung trennen. Und wenn man jedes Vorhaben grundsätzlich diskutiert, dann findet man immer eine Problemlage und noch ein Problem und eine neue Problemlage. Nehmen wir den Neustädter Hafen. Da wurde mittlerweile zehn Jahre daran gearbeitet, aber trotzdem stehen wir immer noch am Anfang und sind keinen Schritt vorangekommen.

Seit Jahren diskutieren Politik und Verwaltung über kommunalen Wohnungsbau. Glauben Sie, dass es gelingt?

Die öffentliche Hand ist nicht unbedingt dafür bekannt, schnell und günstig zu bauen. Das heißt, es geht eigentlich nur darum, Wohnraum zu subventionieren. Das halte ich für eine Wettbewerbsverzerrung. Wir müssen uns fragen, ob wir so viele günstige Wohnungen brauchen in einer Stadt, in der die Mieten vergleichsweise günstig sind, auch in der Relation zu den Einkommen. Und jetzt müssen wir den Zusammenhang mit der Tatsache herstellen, dass alle hochwertig bauen sollen. Das geht aber nicht für 6,50 Euro pro Quadratmeter Kaltmiete. Eigentlich müsste man dafür kämpfen, dass die Mieten auch mal etwas steigen. Qualitativ hochwertig lässt sich nur mit mehr Geld bauen. Mit 1600 Euro Baukosten pro Quadratmeter kann man nicht viel machen.

Ist gute Architektur eine Frage des Geldes?

Besseres Bauen und billigere Mieten lassen sich nicht vereinen. Das hat nichts mit der Realität zu tun. Dresden will da alternative Fakten schaffen. Man schaut in dieser Stadt zu selten nach rechts und links. Die Debatte um die Rettungswege ist das beste Beispiel. Es wird einfach gemacht und getan, ohne mal den Kopf einzuschalten. Da konstruiert man sich eine eigene Realität. Das setzt sich übrigens in vielen Zusammenhängen fort. Ich denke da zum Beispiel an die Ängste, die von Pegida konstruiert werden. Diese furchtbare Angst in fast allen Bereichen der Stadtgesellschaft ist doch absurd.

Die DDR-Architektur feiert gerade eine Renaissance. Das Pinguin-Café bleibt erhalten, jetzt soll die Robotron-Kantine vor dem Abriss bewahrt werden. Halten Sie das für gerechtfertigt?

Auch bei der DDR-Moderne sollte man sich an die Regeln halten. Wenn das Denkmalamt Gebäude nicht auf die Liste setzt, dann sind sie nicht denkmalwürdig. Die Prager Straße steht in ihrer Gesamtheit unter Denkmalschutz. Aber niemand hat sich daran gehalten. Da wurden in der Vergangenheit Achsen und Perspektiven zerstört. Für den Erhalt dieses großartigen Stadtraums hätte man Herzblut investieren sollen. Jetzt die Robotron-Kantine bewahren zu wollen, wirkt lächerlich und behindert den Fortschritt. Wenn man Neues schafft, muss Altes abgerissen werden. Dafür brauchen wir eine selbstbewusste Haltung. Die Diskussion ist fruchtlos. Es läuft immer nach dem selben Muster: Die Entscheidung für den Abriss ist gefallen. Dann brüllt einer, dann noch einer, dann hängt sich die Politik an das Thema und dann kommt alles zum Stillstand.

Ist der politische Raum der geeignete Ort für Architekturdebatten?

Überhaupt nicht. In der Politik geht es um Wählerstimmen, um Lobby. Architektur kommt nur zu einer guten Qualität, wenn sie eine Stringenz und Klarheit hat und nicht von Kompromissen geprägt ist. Wenn Stadtplaner und Architekten zusammenarbeiten, kann das zu einem guten Produkt führen. Im politischen Raum gibt es zu viele Rücksichtnahmen und Befindlichkeiten, die Qualität behindern.

Warum ist eigentlich das Kraftwerk Mitte so gut gelungen?

Weil es ohne große öffentliche Beteiligung entstanden ist. Da wurde nicht viel diskutiert, sondern gemacht. Das Kraftwerk ist ein Superprodukt geworden, das beste Beispiel der vergangenen Jahre für zeitgemäßes Bauen in Dresden. Da wurde nur die Debatte über den Standort der Theaterbühnen geführt und nicht über die Architektur.

Und warum hat der Ausbau der Königsbrücker Straße bis heute nicht geklappt?

Weil die Planungen seit mehr als zehn Jahren zerdiskutiert werden. Es geht doch nicht um das Kostbarste von ganz Dresden, sondern nur um eine Straße. Da fehlt einfach die Gelassenheit.

Woran arbeiten Sie zurzeit aktuell?

Wir haben relativ viele Projekte. Einige Beispiele? Der Golfclub in Herzogswalde, das Vonovia-Vorhaben auf der Seidnitzer Straße in Dresden, ein Neubauprojekt auf der Rankestraße, ein größeres Wohngebiet in Radebeul oder ein Mehrfamilienhaus auf der Haydnstraße.

Zur Person:

– Ausbildung zum Bauzeichner, danach Studium der Architektur an der Technischen Universität Dresden

– 2000 Gründung des Büros zanderarchitekten

– den überwiegenden Teil seiner Bauwerke realisiert er in Sachsen

– neben seinem Wirken als Architekt arbeitet er mit Künstlern, Kuratoren, Galeristen und Sammlern zusammen

Von Thomas Baumann-Hartwig

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