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Lokales „Wir haben vor denen keine Angst“
Dresden Lokales „Wir haben vor denen keine Angst“
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09:39 28.09.2016
Ibrahim Isamail Turan zeigt die Reste des Sprengsatzes, die er gefunden hat.  Quelle: D. Flechtner
Dresden

 „Wenn Gott sagt, wir werden nicht sterben, dann werden wir auch nicht sterben“, hat mein Vater gesagt. Ibrahim Ismail Turan hat das am Dienstag wenigstens zehn Mal gesagt. Immer wieder, als er von den Ereignissen der vorangegangenen Nacht berichtet hat. Und: „Wir haben vor denen keine Angst.“

„Die“, das sind die Täter, die in der Nacht zuvor einen Sprengsatz vor der Tür der Wohnung deponiert haben, in der der Zehnjährige gemeinsam mit seinem Vater, Imam Hamza Turan, seiner Mutter und seinem sechsjährigen Bruder wohnt. Die Ladung zündete um 21.53 Uhr, die Druckwelle drückte die Eingangstür aus dem Schloss, Feuer züngelte an der Wand und dem Türrahmen. Nachbarin Marlies K. hörte die Kinder der türkischen Familie schreien und sah, wie sie durch den brennenden Eingang ins Freie flüchteten. Iman Hazam Turan und seine Frau folgten ihnen. „Da habe ich mir einen Eimer genommen und bin runtergegangen, um beim Löschen zu helfen“, berichtet die 63-Jährige. Mit vier oder fünf weiteren Nachbarn hat sie die Flammen unter Kontrolle gebracht. Die Familie des Imam blieb unverletzt, der Sachschaden ist noch nicht bekannt.

Unbekannte haben am Montagabend in Dresden zwei Sprengstoffanschläge verübt. Wie die Polizei am Morgen mitteilte, detonierte kurz vor 22 Uhr ein Sprengsatz an der Moschee an der Hühndorfer Straße in Cotta. Kurze Zeit später explodierte eine weitere Bombe am Kongresszentrum

„Die hassen uns, die wollen uns hier nicht haben, weil wir Muslime sind“, sagt der zehnjährige Sohn des Imans in fast fehlerfreiem Deutsch. Seit zwei Jahren lebt er in Deutschland, gemeinsam mit seinen Eltern und seinem Bruder ist er aus der türkischen Stadt Gaziantep in die Bundesrepublik gekommen. Eineinhalb Jahre lang lebte die Familie zunächst in Essen. „Dort ist nix passiert“, sagt Ibrahim Ismail Turan.

Sprengstoffanschläge auf Dresdner Moschee und Kongresszentrum

In Dresden hat sich das gründlich geändert. Ausländerfeindliche Schmierereien an den Außenwänden der Moschee musste die Familie ertragen, Neonazis haben den Koran an der Straßenecke vor dem Haus verbrannt. „So etwas gab es hier aber noch nie“, sagt Boynukara Dervis, einer von sieben Vorständen der Moscheegemeinde kopfschüttelnd. „Scheiß Muslime“ habe schon mal an der Fassade gestanden, auch Beleidigungen gegen den Propheten Mohammed gab es bereits, erinnert er sich. „Ich habe an dem Abend bis kurz nach Zehn in der Moschee gebetet“, berichtet der Gemeindevorstand. Dann ist Boynukara Dervis nach Hause gegangen. Er musste nicht weit, er wohnt an der Rudolf-Renner-Straße, an die auch das Moschee-Grundstück grenzt.

Von dort kam der Täter gelaufen, meint Marlies K. Die 63-Jährige wohnt im Nachbarhaus. Sie rauchte am offenen Küchenfenster im ersten Stock eine Zigarette. Das war kurz nach dem Ende des Abendgebets in der Moschee. Kurz vor 21.30 Uhr stellte ein Unbekannter eine Tüte vor dem Haus ab. Sie wunderte sich nicht. „Da werden immer mal Tüten abgestellt, zum Beispiel mit Lebensmitteln“, weiß sie, „die holt der Iman später rein“. Also machte sie sich am Montagabend auch erst einmal keine Gedanken. Auch dann noch nicht, als der Tütenträger zurückkam, den grauen Sack noch einmal abholte, hineinsah, irgendetwas damit zu schaffen hatte und ihn dann wieder vor die Tür stellte. Erst beim fünften Mal kam ihr das komisch vor und sie wollte die Polizei rufen. Eine knappe halbe Stunde war inzwischen vergangen. Sie kam nicht mehr dazu, die Sprengladung zündete, es gab einen Knall, Feuer brach aus, die Moscheetür sprang auf und sie hörte die Schreie der Kinder des Iman.

„Da habe ich mir einen Eimer genommen und bin runter zum Löschen.“ Genau das taten auch etwa eine Handvoll anderer Nachbarn. Gemeinsam bekamen sie das Feuer unter Kontrolle, während zahlreiche Gaffer am Zaun standen. „Es stank, so wie Verdünner oder Lösungsmittel“, erinnert sie sich später.

Das hat die 63-Jährige auch der Polizei berichtet, die kurz nach der Explosion eintraf. Die ganze Nacht seien die Ermittler dagewesen. Marlies K. konnte den Fahndern auch den Täter beschreiben. „Das war ein junges Kerlchen“, sagt die Nachbarin, der Täter habe einen schwarzen Motorradhelm mit offenem Visier getragen. „Der war unsicher“, schlussfolgert sie aus seinem Verhalten. Später hat sie Kaffee gekocht und Brote geschmiert für die Polizisten, die drüben auf dem Moscheegrundstück zu tun hatten und Zeugen vernahmen.

Am Morgen danach herrschte reger Betrieb auf der Hühndorfer Straße vor der Fatih Camii Moschee. Die Eingangstür stand noch immer offen, Ibrahim Ismail Turan hatte bei Nachbarn geschlafen. Die verrußte Wand neben der Tür ließ erahnen, was in der Nacht passiert ist, es roch noch immer nach Verdünner oder einer ähnlichen brennbaren Chemikalie. Der zehnjährige Sohn des Iman hielt zwei Fundstücke in der Hand, die er vom Boden aufgelesen hatte. Den Plastikdeckel einer Flasche, umwickelt mit Klebeband, und ein kleines Blechstück mit zwei Federn, vielleicht einem Teil eines Weckers. Die Polizei ging zu diesem Zeitpunkt von einem Einzeltäter aus, der die Attacke gegen die Moschee verübt hatte. DNN-Informationen zufolge zündete er den Sprengsatz mit Hilfe eines Zeitzünders. Von dieser Vorrichtung könnte das Metallstück stammen, das Ibrahim Isamail Turan gefunden hat. „Vor denen haben wir keine Angst“, wiederholte er dabei, fast schon trotzig.

Später rückte erneut die Polizei an und sperrte den Hof ab, Politiker gaben Interview vor der Moschee. Ihr Tenor: „Das ist ein Verbrechen.“ So sagte es auch Innenminister Markus Ulbig (CDU). Die Nachricht vom Anschlag auf die islamische Gemeinde kurz vor der zentralen Feier zum Tag der Deutschen Einheit in Dresden war da schon bundesweit die wichtigste Schlagzeile des Tages.

Von Christoph Springer

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