Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Lokales „Wir dulden hier keine Gewalt“
Dresden Lokales „Wir dulden hier keine Gewalt“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:18 04.04.2018
Im DRK Seniorenzentrum Herbstsonne in der Dresdner Südvorstadt wird viel dafür getan, dass Ärger nicht eskaliert. Quelle: Thomas Türpe
Anzeige
Dresden

„Ich erschrecke immer, wie schlecht über Pflegeheime gesprochen wird. Wenn ich davon höre, dass Pflegebedürftige beleidigt werden, festgebunden, eingeschlossen, geschlagen, das macht mich immer ganz betroffen. Das möchte ich mir für unsere „Herbstsonne gar nicht erst ausmalen.“ Die das sagt, weiß wovon sie spricht. Katrin Mittag arbeitet seit 25 Jahren im Pflegedienst, zwei davon als Leiterin der „Herbstsonne“, des Pflegeheims der DRK in der Dresdner Südvorstadt.

Familiäres Ambiente

Von außen sieht der Kasten aus wie jedes andere öffentliche Funktionsgebäude, die Qualitäten erschließen sich erst auf dem zweiten Blick. Dann sieht man die hellen großen Räume, den gepflegten Garten, die geschmückten Flure, das familiäre Ambiente. Und man schnuppert Kuchenduft. Man müsse schon sehr aufpassen, dass man hier nicht zunehme, meint Katrin Mittag schmunzelnd. Die kleinen Küchen auf den fünf Etagen seien bei den Bewohnern sehr beliebt.

116 Senioren leben hier, viele von ihnen sind dement. In Deutschland liegen kaum Studien zum Thema Gewalt in der Pflege vor. In dem Pflegeheim des DRK nehmen jedoch alle Mitarbeiter das Thema ernst. Maßnahmen gegen den Willen der Pflegebedürftigen, betont die 50-Jährige, seien in der „Herbstsonne“ nicht diskutabel.„Sicherlich wäre es gelogen“, sagt sie: „wenn ich behaupte, dass ich in meiner beruflichen Laufbahn noch nie Gewalt in einem Pflegeheim erlebt hätte. Für unser Haus aber kann ich ihnen nur eins sagen: Wenn ein Pfleger übergriffig wird, dann werden Schritte eingeleitet. Ohne Diskussion. Schon auch als Signal für alle anderen. Wir dulden hier keine Gewalt.“ Die hilfsbedürftigen Menschen, die hier ihren Lebensabend verbringen würden, seien ihnen anvertraut worden. Sie lasse nicht zu, dass ihnen etwas geschehe.

Katrin Mittag sagt dies sehr resolut. Sie sagt auch, dass sie nicht allein sei mit ihrer Haltung. Wer hier arbeite, müsse viel Einfühlungsvermögen mitbringen, werde aber auch unterstützt.

Gezielte Gespräche zum Thema Gewalt

„Natürlich ist nicht jeder Tag einfach Sonnenschein“, meint Carolin Engelmann. Es gebe schon Situationen, wo man sich sehr ärgere. „Wenn eine demenzkranke Bewohnerin halt an den Haaren zieht oder eine andere in den Arm kneift“, erklärt sie, „da könnte man manchmal schon an die Decke gehen. Aber dann reden wir darüber, solch eine Situation kann man nicht einfach so stehen lassen.“ Die Pflegefachkraft sagt, dass sie froh sei, dass das Heim gezielte Gespräche dazu anbiete.

Überforderung und Isolation vermeiden

Carolin Engelmann meint den Arbeitskreis für integrative Validation – eine verbale, nonverbale und paraverbale Kommunikationsform, die sich auf die Gefühlsebene konzentriert. Diese Form – entwickelt von der deutschen Psychogerontologin Nicole Richard – versteht sich nicht als Therapie zur Bewältigung ungelöster Lebensaufgaben und -probleme, sondern als eine Methode zum Umgang mit Demenzkranken, mit der Überforderung und Isolation vermieden werden kann. Oberstes Prinzip: Gefühle und Antriebe, die der Demenzkranke ausdrückt, sind immer ernstzunehmen.

Den Druck rausnehmen

„Ich muss die Bewohner einfach wertschätzen“, meint Carolin Engelmann. Das gehe natürlich nicht ohne Liebe. Wer den Pflegeberuf ohne Liebe ausübe, der komme sehr an seine Grenzen. Damit es jedoch soweit gar nicht erst kommt, bietet das Heim für die Mitarbeiter neben dem Arbeitskreis auch Massagen und Entspannungsübungen an. „Man kann wirklich sehr viel präventiv dazu leisten“, wirft Katrin Mittag ein. „Wenn es Probleme mit einem Heimbewohner gibt, er schreit oder garstig ist, alles abwehrt, dann kann man auch mal sagen, ich habe es so satt, ich kann heute nicht.“ Das könne man mit den anderen Mitarbeitern abklären, dann kümmere sich eben nicht Carolin um den Heimbewohner, sondern ein anderer Kollege. Gelassenheit, das sei es, was sie ihren Kollegen immer wieder mit auf dem Weg gebe. Nur so könne man den Druck nehmen, den täglichen Stress – auf beiden Seiten. Für das Pflegepersonal, für die Bewohner.

Katrin Mittag (rechts), Chefin des Pflegeheims Herbstsonne in Dresden, mit Elfrun Wagner, die im Heimausschuss für die Belange der Bewohner eintritt. Man könne präventiv viel leisten, sind sich beide Frauen beim Thema Gewalt sicher. Quelle: Adina Rieckmann ...]

Schwestern und Pfleger begegnen mir würdevoll

Das Pflegeheim „Herbstsonne“ gibt es seit zwei Jahren. In dieser Zeit habe keiner der Senioren hier Gewalt seitens der Pfleger erlebt, erklärt Elfrun Wagner. Sie sagt: „Das wüsste ich, nicht nur, weil ich im Heimausschuss bin, sondern auch, weil sich so etwas sofort wie ein Lauffeuer herumsprechen würde.“ Die 85-Jährige will sich bei dem Thema Gewalt im Pflegeheim gar nicht mehr aufhalten, erzählt lieber von den vielen Angeboten, die sie als Heimbewohner täglich aussuchen könne: „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich hier in diesem Heim abgestellt bin. Die Schwestern und Pfleger begegnen mir so würdevoll. Das tut mir gut, auch auf meine alten Tage.“

Leben wie in einem Hotel

Ähnliches meinen auch Christa und Günter Meinhardt. Beide reden sogar von ihren neuen Kindern: „Schauen sie sich doch die Carolin an. Sie ist so liebenswert. Sie muss man doch einfach gern haben.“ Die 86-Jährige sagt noch etwas: „Wir haben ein schönes, aber auch ein hartes Leben in unserem kleinen thüringischen Dorf gehabt. Jetzt wohnen wir hier wie in einem Hotel. Das hätten wir uns nie zu träumen gewagt.“

Grobe Verstöße Einzelfälle

Claudia Schöne von der AOK PLUS und vom PflegeNetz Dresden wundert sich nicht über diese Sätze. „Machen wir uns doch nichts vor“, sagt sie: „Natürlich gibt es schwarze Schafe im Pflegebereich. Dann greifen wir natürlich sofort ein, besuchen die Einrichtungen unangemeldet, reden mit den Bewohnern, Aber Gott sei Dank sind diese groben Verstöße Einzelfälle.“ Auch weil immer mehr Pflegepersonal für dieses Thema sensibilisiert sei, es immer mehr Pflegefachkräfte gebe wie in der „Herbstsonne“ in der Dresdner Südvorstadt.

Das könnte Sie zum Thema auch interessieren:

http://www.dnn.de/Mehr/Familie/Aktuelles/Die-unterschaetzte-alltaegliche-Gewalt-in-der-Pflege

Von Adina Rieckmann

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Lokales Dresden soll Rückkauf prüfen - Thüga vergoldet ihre Drewag-Anteile

Jedes Jahr fließen Millionenbeträge an die Thüga. Die Beteiligungsgesellschaft hält zehn Prozent an den Drewag-Anteilen. Für die Linken im Stadtrat ist es Zeit, über eine Rekommunalisierung der Thüga-Anteile nachzudenken.

04.04.2018

Das Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung erforscht die Verfolgung Homosexueller in Sachsen zwischen 1933 und 1968. Das bis Ende 2020 laufende Projekt wird mit rund 169.000 Euro aus dem Landeshaushalt gefördert. Die Wissenschaftler untersuchen dabei auch Einzelschicksale von Menschen.

05.04.2018

In den Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst verhärten sich die Fronten. Warnstreiks sind auch in Dresden nicht ausgeschlossen. Erstmals könnte das für die Stadt besondere finanzielle Folgen haben.

31.03.2018
Anzeige