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Dresden Lokales Wie sich der RAF-Terror nach Dresden schlich
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21:59 28.11.2018
Im Hochhaus an der Prohliser Allee 31 fand Inge Viett Unterschlupf. Quelle: Archiv/Dietrich Flechtner
Dresden

Es dürfte zu den dunkelsten Kapiteln deutsch-deutscher Geschichte gehören: In den 80er Jahren lässt die DDR eine ganze Reihe von Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) zwischen Ostsee und Erzgebirge untertauchen.

Inge Viett gelangte 1982 in die DDR und lebte zuerst im konspirativen „Objekt 74“ unweit von Briesen, in der Nähe von Frankfurt (Oder). Mit der Legende, sie sei eine Übersiedlerin aus der Bundesrepublik, zog sie als Eva-Maria Sommer nach Dresden-Prohlis. Ab 1983 ist sie als inoffizielle Mitarbeiterin (IM) „Maria Berger“ in den Unterlagen der Stasi geführt. Nach der Enttarnung durch eine Kollegin gelingt es ihr mit Hilfe der DDR-Geheimpolizei erneut unterzutauchen.

Tobias Wunschik, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Stasi-Bundesbeauftragten berichtet in einer Veranstaltung der Dresdner Außenstelle des Stasi-Unterlagen-Archivs über das Leben von Inge Viett in der DDR, die Verstrickungen als IM und die Überwachung ihrer Person durch das Ministerium für Staatssicherheit.

Über die wahren Hintergründe, die Abläufe und exakten Vorgänge auf dem Boden des Arbeiter- und Bauernstaats gibt es eine Vielzahl von Veröffentlichungen und mindestens genauso viele verschiedene Theorien und Ansichten.

Der am 5. September 1977 von Terorristen der Roten Armee Fraktion (RAF) entführte damalige Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer. Quelle: Archiv/dpa

In den 70er Jahren setzten hauptsächlich zwei Terroristen-Gruppen vor allem die Bundesrepublik in Angst und Schrecken. Die RAF, die sich um ihre Protagonisten Andreas Baader und Ulrike Meinhof scharte und der mehr als 30 Morde an Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Justiz zur Last gelegt werden, sowie die „Bewegung 2. Juni“. Sie erinnerte mit ihrem Namen an das Todesdatum des Studenten Benno Ohnesorg, der 1967 bei einer Demonstration in West-Berlin von einem Polizisten erschossen worden war. Auch die „Bewegung“ hinterließ eine Spur der Verwüstung und des Todes, wenn auch nicht im Ausmaß der RAF.

Zu den Mitglieder der „Bewegung 2. Juni“ gehörte zunächst auch die 1944 in Schleswig-Holstein geborene Inge Viett. Als sie sich der RAF anschloss, laut Butz Peters („RAFTerrorismus in Deutschland“) im Jahr 1980, hatten unter den Terroristen bereits Absetzbewegung begonnen. Viele waren des Lebens im Untergrund überdrüssig.

Im Herbst 1977 sollten mit der Entführung von Arbeitgeber-Präsident Hanns-Martin Schleyer inhaftierte RAF-Terroristen freigepresst werden. Dem gleichen Plan diente die Entführung der Lufthansamaschine „Landshut“. Beide Taten verfehlten ihr Ziel. Schleyer wurde ermordet, das Flugzeug in Mogadischu vom Bundesgrenzschutz aus den Händen palästinensischer Terroristen befreit. Kurz darauf starben drei Terroristen der RAF-Führungsriege im Gefängnis in Stammheim. Das alles zog mehreren Extremisten offenbar den Nerv. Sie wollten raus und dabei sollte ihnen die DDR behilflich sein.

Mit solchen Plakaten fahndete die Polizei nach den mutmaßlichen Terroristen. Quelle: Archiv

Laut Tobias Wunschik, der seine Dissertation über die 2. Generation der RAF geschrieben hat, wurde Inge Viett, die sich inzwischen der RAF angeschlossen hatte nach Berlin geschickt. Das Ziel war zunächst ein Land beispielsweise in Afrika. Dann habe die Stasi jedoch angeboten, kommt doch zu uns.

In der Haltung des SED-Staats und seines Geheimdienstes zur RAF hatte sich da inzwischen ein Wandel vollzogen. Wenn Terroristen über West-Berlin und den Flughafen Schönefeld in Ost-Berlin Richtung Naher Osten unterwegs waren, hielt sich die Stasi Anfang der 1970er Jahre meist im Hintergrund. Zu groß war die Sorge, mit dem Auffliegen enger Kontakte zu den Terroristen im Westen schlechte Presse zu ernten. Doch die Bedenken nahmen ab. „Die Stasi hatte ordentlich Respekt vor der RAF“, erzählt Wunschik. Schließlich sei es einer Gruppe von nie mehr als zwei Dutzend Männern und Frauen gelungen, sich über Jahre dem Sicherheitsapparat der BRD zu entziehen.

Im Osten gab es auch Befürchtungen, die RAF-Taten könnte sich irgendwann gegen die DDR richten. „Die Linksterroristen haben die DDR eher für Niemandsland gehalten, den degenerierten Biedermeier-Sozialismus von Berlin oder Dresden wollten sie nicht“, meint Wunschik. So sei es erst zum stillschweigenden, später zum explizit vereinbarten Deal über gegenseitigen Informationsfluss gekommen. Wie der genau aussah, bleibt bis heute nebulös. Viele Akten der Hauptabteilung Terrorabwehr (XXII) aus dem Ministerium für Staatssicherheit von Erich Mielke wurden in den Wirren der friedlichen Revolution vom Geheimdienst noch rechtzeitig vernichtet. Die RAF habe aber beispielsweise über die Stasi klären lassen, ob gefälschte Papiere im Westen schon enttarnt und damit gefährlich sein könnten.

Erich Mielke behauptete nach der Wende, er habe sich keine Sorgen wegen der Terroristen gemacht. Schließlich habe die DDR dem Westen ein Problem abgenommen. Die Autoren Gerhard Wisnewski, Wolfgang Landgräber und Ekkehard Sieker verpacken in eine Frage sogar die Spekulation, dass die Bundesrepublik mit dem Milliardenkredit 1983 an die DDR für diesen „Dienst“ wohl gezahlt habe. Bayerns Ministerpräsident Franz-Josef Strauß verband laut seinem Biographen Horst Möller dagegen mit der Finanzspritze die Hoffnung auf ein milderes Grenzregime und weitere innerdeutsche Annäherungsschritte.

Doppelnutzung: Im „Objekt 74“ wurden Terroristen militärisch trainiert – und für das Leben in der DDR vorbereitet. Quelle: BStU

Jedenfalls trafen 1980 acht RAF-Terroristen in Ostdeutschland ein, die bekanntesten sind wohl Susanne Albrecht und Silke Maier-Witt. Sie verschwinden zunächst im „Objekt 74“ der Stasi bei Briesen östlich von Berlin auf halber Strecke zwischen Fürstenwalde und Frankfurt/Oder. Hier werden sie auf das DDR-Leben vorbereitet, lernen neue Biographien, angeblich soll sogar sächsischer Dialekt auf dem Lehrplan gestanden haben.

Das Gelände gewann später noch juristische Bedeutung. Einige RAF-Terroristen hatten dort kurze Zeit später eine militärische Ausbildung, trainierten das Schießen mit der Panzerfaust RPG 7. Mit einer solchen Waffe wurde im September 1981 in Heidelberg auf den Vier-Sterne-General der US-Army Frederick J. Kroesen geschossen. Er überlebt. Nach der Wende ließ sich nicht klären, ob das Panzerfaust-Training vorher oder nachher stattfand. Mehrerer Stasi-Offiziere konnten nicht wegen Beihilfe belangt werden.

1982 kam ein weiterer RAF-Terrorist in die DDR und 1983 schließlich auch Inge Viett – nachdem sie in Paris einen Polizisten angeschossen und schwer verletzt hatte. Laut Butz Peters traf sie am 5. April im Osten ein, nannte sich zunächst Eva-Maria Sommer. In Dresden an der Prohliser Alle 31 bezog sie eine kleine Wohnung. Den 16-Geschosser gibt es heute noch. 15 Quadratmeter, Kochnische, Bad, 39 Mark im Monat – das erscheint fast ein bisschen viel für dieses Quartier. Viett arbeitete als Repro-Fotografin im „Grafischen Großbetrieb Völkerfreundschaft“ mit Sitz auf der Riesaer Straße in Dresden, ein Ableger auf der Ostra-Allee druckte das SED-Blatt „Sächsische Zeitung“.

Viett fand in Dresden zwar eine Geliebte, zur Ruhe kam sie nicht. 1986 musste sie Hals über Kopf die Stadt verlassen. Eine Kollegin hatte sie bei einer Westreise auf einem Fahndungsplakat erkannt. Laut Butz Peters war es dem BND nicht gelungen, Informationen über Viett in Dresden zu bestätigen. Der Auslandsgeheimdienst in Pullach hatte vergeblich ein Telefonbuch gewälzt und dann aufgegeben. Eva-Maria Sommer stand nicht drin – völlig überraschend in einem Land, in dem ein Telefonanschluss Luxus war und erst recht in dem speziellen Fall. Die „Quellen“ des BND lieferten dagegen immer wieder Hinweise auf Terroristen im Nahe Osten, die sich aber in der DDR aufhielten.

Die Stasi hatte ihre Zöglinge immer dazu angehalten, nicht in Gruppen aufzutreten, möglichst keine Fotos machen zu lassen, sich unauffällig zu verhalten. Ein Auto beschaffte sie aber schon mal ohne lange Wartezeit. Wenn Ex-Terroristen enttarnt wurden, versuchte es die Stasi mit Desinformation und Einschüchterung. „Die Stasi wollte es dann als Verwechslung darstellen“, erklärt Wunschik. Das ging bis hin zu Reisesperren oder besonders genaue Kontrollen an der Grenze bei den allzu neugierigen DDR-Bürgern. So sollte verhindert werden, dass irgendwer Fotos in den Westen schleusen konnte.

Die frühere RAF-Terroristin Inge Viett 2011 in Berlin. Quelle: dpa

Inge Viett soll zudem als Inoffizielle Mitarbeiterin mit dem Decknamen Maria Berger geführt worden sein. Es liegen aber keine Verpflichtungserklärung oder Treffberichte vor, sagt Wunschik.

Die Friedliche Revolution ist nicht nur für die DDR der Anfang vom Ende, sondern auch für die ehemaligen RAF-Terroristen. Inge Viett hat sich stark mit dem System identifiziert. In Magdeburg, wo sie sich nach ihrer Flucht aus Dresden im Schwermaschinenkombinat „Karl Liebknecht“ um die Ferienheimtermine für die Mitarbeiter kümmert, warnte sie die Beschäftigten im Revolutionsherbst vor dem Kapitalismus. Sie ist den Linken auch später treu geblieben.

Nach der Verhaftung von Susanne Albrecht („Ingrid Becker“) am 6. Juni 1990 in Berlin, flog auch Viett schnell auf. Ein Magdeburger Pärchen machte die Polizei in Braunschweig auf die steckbrieflich gesuchte Frau und ihren Wohnort in der Grundig-Straße aufmerksam. Kurze Zeit später wurde sie festgenommen. Weitere Ex-Terroristen folgten ihr in den Knast. Viele hatten sich längst ein bürgerliches Leben zugelegt. „Die DDR hat praktisch zu ihrer Resozialisierung beigetragen, ein Treppenwitz der Geschichte“, findet Wunschik. Werner Lotze, der in der Lausitz untertauchen konnte, habe einmal erklärt, im Knast wäre er zum „Betonkopf“ geworden. Nach der deutschen Einheit landet er doch noch dort. Wie er wird auch Viett für die Terror-Vergangenheit verurteilt. 1992 bekam sie 13 Jahre für die Tat in Paris aufgebrummt, kam aber aufgrund der Untersuchungshaft 1997 wieder frei.

Veranstaltung in der Außenstelle des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU): Donnerstag, 29. November 2018, 16.30 Uhr Archivführung, 18 Uhr Vortrag und Gespräch mit Tobias Wunschik, BStU-Außenstelle Dresden, Riesaer Straße 7 (Seiteneingang C), 01129 Dresden. Der Eintritt ist frei.

Von Ingolf Pleil

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