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Lokales Wenn der Tanz zum Lebenselixier wird
Dresden Lokales Wenn der Tanz zum Lebenselixier wird
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07:30 22.06.2018
Sophie Hauenherm, Tanz-Studentin an der Palucca Hochschule für Tanz, sitzt vor einer Probe für ihren Auftritt in einem Tanzsaal. Quelle: dpa
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Dresden

Die Bachelor-Arbeit von Sophie Hauenherm wirkt geradezu explosiv. Es knistert beinahe im Tanzsaal der Palucca Hochschule in Dresden, als die 18-jährige Leipzigerin ihren Platz auf der Bühne einnimmt. Hauenherm kann in diesem Moment nicht wie ihre Kommilitonen zur Tat schreiten. Nach einer schweren Erkrankung ist sie auf den Rollstuhl angewiesen. Was die Beine nicht mehr können, macht der Rest des Körpers nun umso intensiver. Es wirkt fast so, als brauchte sie ihr Beine nicht, um auszudrücken, was sie sagen will.

„Behind human understanding“ (Hinter dem menschlichen Verständnis) hat sie ihre Choreografie genannt. Sie greift darin eine Überlegung Albert Einsteins auf, der für ein grundsätzlich neues Denken warb. Auch weil der Mensch nicht selten ein Gefangener seiner eigenen Gedanken ist. In dem stark rhythmisch geprägten Stück triggert Hauenherm ihre Botschaft regelrecht an das Publikum. Als ihr im Herbst 2017 die Eingebung für diese Choreografie kam, konnte sie noch ganz anders tanzen: „Ich habe das Konzept von der Idee her behalten, musste aber die Bewegungen komplett umstellen.“

Die 18-Jährige bei den Proben für ihren Auftritt. Quelle: dpa-Zentralbild

Abszess hatte Nerven abgequetscht

Im Dezember ist sie das letzte Mal im Palucca Tanzstudio aufgetreten, damals schon mit starken Rückenschmerzen. Die Ärzte vermuteten muskuläre Verspannungen. Hauenherm ließ sich selbst ins Krankenhaus einweisen. Ein MRT bekam sie erst, als sie ihre Beine nicht mehr bewegen konnte. Ein Abszess war immer größer geworden und hatte die Nerven abgequetscht. Seither ist sie ab der Hüfte gelähmt. Hauenherm spricht von einer inkompletten Querschnittlähmung, weil die Nerven nicht komplett getrennt sind: „Das ist mein Glück“. Nach fünf Monaten Krankenhaus bereitet sie sich nun in der Reha auf den Bachelor vor.

Der Gedanke, ihre Choreografie von einer Mitstudentin interpretieren zu lassen, ist ihr nie gekommen. „Ich tanze das Stück selbst, nur dass ich im Stuhl sitze und die Funktionen nutze, die ich habe.“ Sie sei nicht neidisch auf andere, die nun ihre Pirouetten drehen und Beine hochwerfen können: „Das ist meine Bachelorarbeit. Ich war jahrelang Teil dieser Schule, Teil dieser Klasse. Egal, wie mein Leben in beruflicher Hinsicht weiterläuft. Tanz wird immer ein Teil meines Lebens bleiben.“ Deshalb empfinde sie die Bachelorarbeit als große Befriedigung: „Das bedeutet mir viel.“

Kommilitonen von Nachricht geschockt

Hauenherm wollte ihr Studium unbedingt mit den anderen abschließen. Zu denen gehören Lina Meißner und Leon Damm. Die beiden 19-Jährigen sind bei der Prüfung unmittelbar vor Hauenherm an der Reihe. Meißner verkörpert das, was sich viele unter einer klassischen Ballerina vorstellen. Die Bewegungsabläufe bei ihrer Choreografie „Will you catch me if I fall“ sind grazil, harmonisch und wie aus einem Guss - ein Sinnbild für die Schönheit des Tanzes, den sie bei ihrer Prüfung im neoklassischen Stil zeigt. Fallenlassen und Aufgefangen-Werden - Meißner stellt mit einem Partner bei ihrem Pas de deux die Vertrauensfrage.

Das Schicksal ihrer Kommilitonin Sophie ist Lina und Leon nahegegangen. „Das war ein Schock“, erinnert sich der Dresdner. „Ich wusste, dass sie Schmerzen hatte und auch mit sehr starken Schmerzen noch getanzt hat.“ Doch als die Nachricht kam, dass sie nun gelähmt im Krankenhaus liege, habe man das trotzdem nicht glauben wollen. Gemeinsam mit einem anderen Studenten hat er Hauenherm in einer Spezialklinik im thüringischen Bad Berka besucht. Traurig ist es bei der Visite der beiden Studienfreunde nicht zugegangen. Gemeinsam haben sie Tanzvideos mit dem Handy gedreht.

Sophie Hauenherm (r) spricht nach einer Probe für ihren Auftritt mit dem Produzenten Ted Meier .. Quelle: dpa-Zentralbild

Disziplin, Durchhaltevermögen, Selbstständigkeit und Gemeinschaftsgefühl

Die Episode offenbart einen Teil der Palucca-DNA. Tanz wird hier als Schule fürs Leben definiert. Ab Klasse 5 kann man „bei Palucca“ die Schulbank drücken, später Tanz, Tanzpädagogik und Choreografie studieren. Schulgründerin Gret Palucca (1902-1993) wird bis heute verehrt. Disziplin, Durchhaltevermögen, Selbstständigkeit und Gemeinschaftsgefühl sind Tugenden, die in familiärer Atmosphäre vermittelt werden. Als Hauenherm im Krankenhaus lag, sind auch Dozenten mit Kuchen vorbeigekommen. Eine Mitarbeiterin aus dem Kostümfundus schickte jede Woche einen Brief oder Päckchen - mit lieben Worten, Gummibären, selbstgebackenem Bananenbrot oder Ostereiern zum Basteln.

„Die Erfahrungen aus dem Studium haben mir geholfen, die Erkrankung zu bewältigen“, sagt Hauenherm. Anderen Patienten in Bad Berka hätten auch unter Heimweh gelitten. Da sie in Dresden im Internat lebte, sei das für sie aber kein Thema gewesen. „Ich bin vom Typ her nicht jemand, der sich hängen lässt und den Kopf in den Sand steckt.“ Nach der Diagnose sei klar gewesen, dass sie nun erstmal an den Rollstuhl gebunden ist und Hilfe anderer Menschen benötigt. „Ich habe mir aber immer gesagt: Ich schaffe das, ziehe das durch, mache jede Therapie mit, alles, was ich kann. Ich will wieder laufen.“

Aktueller Absolventenjahrgang im Studiengang Tanz „klein, aber fein“

Palucca-Rektor Jason Beechey ist stolz auf seine Studierenden. Der aktuelle Absolventenjahrgang im Studiengang Tanz sei „klein, aber fein.“ Alle elf Frauen und Männer sind vom Typ her unterschiedlich, aber trotzdem eng zusammen, berichtet Beechey: „Über 80 Prozent von ihnen haben bereits einen Vertrag in der Tasche. 2013 gab es einen Jahrgang, da waren es sogar alle.“ Wenn er das heutige Studium mit seiner eigenen Lehrzeit vergleicht, findet der Kanadier deutliche Unterschiede. Damals habe man viele Methoden auf Druck aufgebaut. Heute herrsche in der Ausbildung eine ganz andere Mentalität.

Das lässt sich auch bei der Durchlaufprobe für die nun anstehende Abschlussprüfung vor Publikum spüren. Neben der Choreografie und der Interpretation müssen sich die Studierenden zudem um Musik, Kostüm und das Programmheft kümmern. Ted Meier agiert als Produzent der Aufführung und fühlt sich selbst ein bisschen wie ein „Vati“. Er gibt Hinweise zu Bewegungen, zum Licht und selbst zur Wirkung der Kostüme. Die Tänzerinnen Lina und Sophie begrüßt er an diesem Abend akademisch würdevoll mit Frau Dr. Meißner und Frau Dr. Hauenherm. Im Saal wird viel gelacht - auch das scheint ein Markenzeichen der Palucca Hochschule zu sein.

Nach einer schweren Erkrankung ist die 18-Jährige auf den Rollstuhl angewiesen. Quelle: dpa-Zentralbild

„Ich ziehe den Hut vor ihr“

Als Hauenherm sich aus ihrem Rollstuhl auf einen anderen Stuhl hievt, muss sie erstmal kurz verschnaufen. „Ich habe Spastiken“, sagt sie erklärend in die Runde. „Komm’, die hattest Du doch schon früher“, witzelt Meier und löst damit auch bei ihr ein Lachen aus. Nach dem Auftritt ist der Dozent begeistert: „Das war großartig, das war spektakulär. Du kannst ja sogar noch mit dem Arsch wackeln.“ Als Hauenherm nicht mehr im Raum ist, drückt er seinen ganzen Respekt vor der jungen Frau aus: „Ich ziehe den Hut vor ihr. Sophie ist eine echte Durchbeißerin. Sie wird Standing Ovations bekommen.“

Der Tag der Prüfung naht. Wenn sie vorbei ist, trennen sich die Wege der Absolventen. Leon Damm hat einen Vertrag am Theater im Pforzheim bekommen - gleich beim ersten Vortanzen. Lina Meißner geht ans Saarländische Staatstheater nach Saarbrücken, Sophie Hauenherm zur Reha nach Kreischa bei Dresden. Jeden Morgen sechs Uhr aufstehen. Dann ist der Tag gut gefüllt mit Krankengymnastik, Stromtherapie, Sport, Alltagstraining, Gangschule, Wassergymnastik, Massage und Luftsprudelbad. Nachher wird sie wieder in ihre Wohnung gefahren. Dort hat sie nicht nur ihre eigene Küche und ihr eigenes Bad, sondern auch ihre Ruhe.

Die Ärzte wüssten noch nicht, ob, wann und wie viele Funktionen ihres gelähmten Körpers wiederkommen, sagt Hauenherm. Mittlerweile könne sie auf Unterarmstützen schon bis zu 200 Meter laufen: „Die Zukunft bleibt offen. Jetzt konzentriere ich mich erstmal auf die Ziele, die ich Schritt für Schritt erreichen kann. 100 Meter mehr laufen, eine Sekunde länger auf einem Bein stehen.“ Sie könne nicht sagen, dass sie in drei Jahren an dieser oder jener Stelle sein möchte: „So, wie es in den vergangenen sechs Monaten gelaufen ist, bin ich aber optimistisch.“

Von Jörg Schurig, dpa

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