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Lokales Welche Fehler die Treuhandanstalt in Dresden gemacht hat
Dresden Lokales Welche Fehler die Treuhandanstalt in Dresden gemacht hat
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09:45 27.11.2018
Dietrich Pfeiffer in seiner Privatwohnung. Quelle: Nicolas Allié
Dresden

Immer wieder flammt die Debatte über das Walten und Wirken der Treuhandanstalt auf. Auch in der Politik und Wissenschaft wird das Handeln der Treuhand kontrovers diskutiert. Im DNN-Interview äußert sich nun ein Experte: Dietrich Pfeiffer, der dieses Jahr 90 Jahre alt geworden ist, hat nach der Wende bei der Treuhand in Dresden gearbeitet. Im Gespräch mahnt er einige Fehler von damals an, die noch bis heute Konsequenzen haben.

Frage: Herr Pfeiffer, der ehemalige SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat im Bundestagswahlkampf 2017 gefordert, die Treuhand-Akten offen zulegen. Die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping hat sich unlängst für Wahrheitskommissionen zur Aufarbeitung der Treuhand-Arbeit ausgesprochen. Was halten Sie von diesen Vorschlägen?

Dietrich Pfeiffer: Ich halte die Vorschläge im Prinzip für richtig. Vor allem deshalb, weil ich von den Untersuchungen der Ruhr-Universität Bochum, in die ich als Zeitzeuge einbezogen war, enttäuscht bin. Dort wird zwar methodisch genau gearbeitet, aber die Studie hat keinen Effekt und kein Ergebnis. Deshalb bin ich der Meinung, dass die Forderung von Frau Köpping gut ist. Auch um zu vermeiden, dass bezüglich der Treuhand etwas unter den Teppich gekehrt werden soll.

„Bis hinunter zu den Abteilungsleitern gab es keinen Ostdeutschen.“

Sie waren bei der Treuhandanstalt in Dresden Referent im Bereich Maschinenbau. Was hat Sie damals bewegt, zur Treuhand zu gehen?

Ich habe 24 Jahre lang den Maschinenbaubetrieb Kreiselpumpenwerk in Dresden geleitet. Damals war ich von 1960 bis 1972 Geschäftsführer jenes Betriebs mit Staatsbeteiligung und ab 1972 bis 1984 Betriebsdirektor des daraus entstandenen Volkseigenen Betriebs – VEB. Die erste Hälfte ging aufwärts und die andere abwärts. Bis 1972 konnten die Betriebe in Ostdeutschland teilweise privatwirtschaftlich agieren und waren auch leistungsfähig. Im Zuge der Umwandlung in VEBs war dies nicht mehr möglich. Danach war ich Hauptbuchhalter im VEB Mühlenbau mit über 1000 Mitarbeitern, das 1990 schlagartig zusammenbrach, aufgrund überzogener Exporte in den Nahen Osten. Bereits vor dem Konkurs dieses Betriebs habe ich mich bei der Treuhand in Berlin beworben. Von 1991 bis 1993 arbeitete ich dann in der Treuhand-Niederlassung Dresden.

Wie haben Sie die Zeit bei der Treuhand erlebt?

Die Zeit war zwiespältig. Negativ war der hohe Anteil der Westdeutschen in Führungspositionen. Bis hinunter zu den Abteilungsleitern gab es keinen Ostdeutschen. Gerade bei jungen Kollegen aus Westdeutschland hat man eine gewisse Überheblichkeit erlebt. Was mich besonders gestört hat, war die schnelle Abwicklung der Betriebe. Dies hat sich mit Frau Breuel (Birgit Breuel, ehemalige Präsidentin der Treuhand; Anm. d. Red.) an der Spitze noch intensiviert und es ging nur noch darum, Betriebe aus der Statistik verschwinden zu lassen – ohne darauf zu achten was mit diesen Unternehmen passiert. Die für die Treuhand-Direktoren ausgelobten Prämien haben sich auch nur daran bemessen, wie viele Betriebe aus dem Portfolio der Treuhand verschwinden und nicht etwa, wie viele Arbeitsplätze erhalten werden konnten. Das war deprimierend. Ich habe mich in meiner Position bemüht, notwendige Kredite für Unternehmen durchzusetzen. Dies wurde allerdings nicht genehmigt. Einige Betriebe im ehemaligen Bezirk Dresden konnte ich durch etwas Geschick und Tücke noch vor der Liquidation retten. Darauf bin ich stolz.

Was machte eine Treuhandanstalt?

Die Treuhandanstalt war eine Anstalt des öffentlichen Rechts.

Sie sollten die Betriebe der DDR privatisieren – nach den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft. So sollte die Effizienz und die Wettbewerbsfähigkeit gesteigert werden.

Am 1. Januar 1995 wurde sie zur Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben. Diese wiederum kümmert sich um die Reprivatisierung von Unternehmen.

Das hört sich so an, als hätte sich die Treuhand Wild-West-Methoden in Bezug auf Privatisierung und Abwicklung bedient.

Das kann man so nicht sagen. Es war ein aus München und Köln gesteuertes Riesenunternehmen. Von dort kamen teilweise große Delegationen eingeflogen, die dann pro Betrieb nur eine Stunde Zeit hatten und alle relevanten Unterlagen verlangten, um ihn kurz darauf zu liquidieren. Diese Art der Massenabfertigung war schlimm. Zwar gab es auch Proteste, jedoch spielten sich diese nur in der Belegschaft und in der Presse ab. Die Arbeit der Treuhand lief dessen ungeachtet reibungslos ab – mit dem Vorrang die Betriebe zu verkaufen und zwar so schnell wie möglich, ganz gleich an wen.

„So viel und so schnell wie möglich loswerden.“

Wie hätte man es besser machen können? War ein großer Konflikt nicht programmiert aufgrund der unterschiedlichen Wirtschaftssysteme beider Staaten und der Aufgabe, in kürzester Zeit ein Angleichung zu schaffen?

Das ist die Hauptkritik in meinen verschiedenen Schriften und Büchern: Das große Versäumnis damals war die fehlende Zielvorstellung, dass die Erhaltung von Arbeitsplätzen Vorrang vor allen anderen Überlegungen hat. Dies haben Bundeskanzler Kohl ( Helmut Kohl; Anm. d. Red.) und insbesondere Finanzminister Waigel (Theo Waigel, Anm. d. Red.) unterlassen. Anstatt dessen wurde folgende Prämisse ausgegeben: So viel und so schnell wie möglich loswerden. Das fand ich komplett falsch. Ich bin der Ansicht, dass ungefähr 40 Prozent der Betriebe überlebt hätten, wenn Kredite geflossen wären und die Produktion angepasst worden wäre. Diese Investitionskredite sind jedoch völlig ausgeblieben und das war auch ein großer Fehler. Damit blieb die Finanzierung und auch die Rettung von durchaus überlebensfähigen Betrieben aus. Hätte man dies anders gemacht, wären nicht alle drei Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen.

Theo Waigel und Helmut Kohl 1997 auf einem Parteitag der CDU in Leipzig. Quelle: Klaus-Dieter Gloger/LVZ-Archiv

Inwieweit wirkt sich diese Erfahrung bis heute in Ostdeutschland aus?

Viele wundern sich, dass dieses Thema nun wieder aufkommt. Das erkläre ich damit, dass nun die Jahrgänge in Rente kommen, die nach der Wende in unsicheren Arbeitsverhältnissen beschäftigt oder eben arbeitslos waren. Dies merken sie nun an ihren niedrigen Renten. Auch die Fehler der Treuhand sorgten für Unzufriedenheit und ein Gefühl von Unterdrückung in der Gesellschaft. Das merkt man bis heute.

Wie schätzen Sie die politische und wirtschaftliche Zukunft Ostdeutschlands ein?

Es ist ja ein Großteil der jüngeren Arbeitskräfte abgewandert und dadurch fehlen gewisse Jahrgänge, um den Bedarf an Stellen zu decken. Deshalb ist Sachsen auf Menschen aus Polen und Tschechien angewiesen, um diesen Bedarf zu erfüllen. Auch braucht es mehr Vertrauen in Neugründungen und bei einer Entscheidung einer Neuansiedlung zwischen Sachsen oder Franken, sollte man sich für Sachsen entscheiden, denn dort wird es mehr gebraucht.

Von Nicolas Allié

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