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Lokales Weißer Hirsch – Symbolort traditioneller Bürgerlichkeit
Dresden Lokales Weißer Hirsch – Symbolort traditioneller Bürgerlichkeit
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12:14 30.11.2018
„Weißer Hirsch – Lesebuch 2“. Quelle: Buch
Dresden

Zuerst, im 17. Jahrhundert, stand hier nicht mehr als eine Schänke am Weinberg. Aus dem Landgut wurde ein Kurort und Villenviertel, in dem sich Geistesgrößen aus aller Welt erholten – der Weiße Hirsch ist eine Ausnahmeerscheinung unter den Dresdner Stadtteilen. Im kommenden Jahr soll an die Ersterwähnung vor 333 Jahren erinnert werden. Schon jetzt kann man sich in einem neuen Buch mit der Geschichte vertraut machen, herausgegeben vom Verschönerungsverein. Erstmals vorgestellt haben es dessen Protagonisten am Dienstagabend im italienischen Restaurant „Delizia“, einst Kino „Parklichtspiele“.

22 Autoren lieferten die Beiträge für das Lesebuch „Weißer Hirsch“. Es handelt sich um das zweite. Das erste, 2001, war in bescheidenem Schwarz-Weiß gehalten. Dieses nun kommt als solider 200-Seiten-Band in Farbe daher, reich illustriert mit historischen Abbildungen, größtenteils sehr guten Fotos sowie mit Pastellen, Ansichten von Straßen und Gebäuden, die Jochen Fiedler extra für das Buch gezeichnet hat. Die Texte reichen von kurzweiligen Anekdoten, sachlichen historischen Abrissen bis zum anspruchsvollen soziologischen Essay. Geordnet sind sie in Kapiteln, die Wesentliches dieses Stadtteils markieren: Sanatorium, Dresdner Heide, Villen, Gaststätten und Künstler.

Der Kultur- und Kunstwissenschaftler Paul Kaiser sieht den Weißen Hirsch in einer Sonderrolle bei der Aufwertung von Bürgerlichkeit nach 1990, als „Laboratorium“ und „Symbolort“ von überregionaler Bedeutung, nicht zuletzt dank Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ (2008). Schon zu DDR-Zeiten bewahrte Hausmusik, Traditionen, gute Manieren, klassischer Bildungskanon haben an Bedeutung gewonnen. Als jüngste Tendenz kommt hinzu, dass bei den Bundestagswahlen 2017 reichlich 13 Prozent hier AfD wählten. Konservative Bildungsbürger mischten sich mit zugezogenen modernen Kulturbürgern.

Man findet erfreuliche Geschichten, allen voran das als edles Wohnviertel neu erwachte Areal des Lahmann-Sanatoriums. Eine wenig bekannte Frau lernen wir kennen: Alice Lahmann (1899–1986), die aus St. Petersburg stammte, außer Russisch fünf Fremdsprachen beherrschte und außer anziehender Schönheit auch ausgeprägten Sinn für Stil besaß. Als Gattin von Heinrich (Heini) Lahmann (1890–1932) gestaltete sie die Innenräume. Aus der Zeit als Lazarett der Sowjetischen Armee ermöglicht uns ein Arzt einen seltenen Blick hinter die Mauern.

Die Bedeutung des Waldes wird uns bewusst gemacht, einst gab es einen Förster hier. Beinahe wären die rund tausend historischen Zeichen für die etwa 80 Wege in den 1980er Jahren an den Bäumen verschwunden, wenn Bürger sie nicht gerettet hätten. Waldpark und Konzertplatz werden in ihrem Aufblühen, Niedergang und Wiedererwachen als öffentlicher Ort für Geselligkeit und Kultur gezeigt. Der verfallende Brunnen der Paradies-Quelle bildet dabei ein kleines trauriges Kapitel.

Fünf Beispiele für repräsentative Villen, die nach 1990 saniert wurden, werden vorgestellt. Aber ebenso die unscheinbare Eigenheimsiedlung an der stillen Heinrich-Cotta-Straße. Da konnten sich Mitte der 1950er Jahre Arbeiter, Cellobauer, Forstangestellte, Architekten, Sängerin, Lehrer und Hausfrauen ihr Häuschen errichten, mit eigener Hand und teils weniger als 500 DDR-Mark Eigenkapital.

Wir erfahren, wie aus dem einstigen Gasthof das „Parkhotel“ wurde, in den Goldenen Zwanzigern die ausufernde Zahl an Vergnügungsveranstaltungen den Kurbetrieb des Sanatoriums störten, in der Nazizeit beflissen allen Juden der Zutritt verweigert wurde, bis der Kurbetrieb 1939 endete, das Gelände zum Reservelazarett wurde. Mit einem Kenner der Szene und ihrer Geschichte können wir einen Bummel durch 13 Cafés und Gaststätten unternehmen.

Für den Kunstort stehen neben dem Maler Jochen Fiedler, der sich mittlerweile freilich mit seinem Atelier vom Hirsch nach Hohnstein zurückgezogen hat, Kreative wie der Maler Sebastian Glockmann, die Glasgestalter Christoph Gräfe und TMVO Reimann, Gerda Lepke und Volker Mixsa, die den Altarraum der evangelischen Kirche in mutiger Moderne neu gestalteten; nicht zuletzt der unvergessene Rainer Wriecz (1958–2010), der die Häuser des Viertels auf seinen einzigartigen Bildern mit bewegten Linien das Tanzen lehrte.

Seit 1990 öffnen und schließen viele Geschäfte hier wie andernorts auch in raschem Wechsel. Einige Inseln der Kontinuität konnten die Autoren des Geschichtslesebuchs dennoch ausfindig machen: Bäcker George, inzwischen im Ruhestand, aber mit Nachfolger: Michael Langer. Die Härten des kleinen Handwerks lernen wir da ebenso kennen wie bei Änderungsschneiderin Silke Uhlmann. Häuser und ihre Bewohner, Vielfalt und Tradition im Wechsel der Zeiten – dieses Buch bietet uns einen bereichernden Einblick.

Verschönerungsverein Weißer Hirsch/Oberloschwitz (Hrsg.): Weißer Hirsch – Lesebuch 2. Elbhang-Kurier-Verlag. 200 S., 20 Euro. Zu beziehen über den Verein, E-Mail: info@dresden-weisser-hirsch.de, Internet: www.elbhangkurier.de (Shop)

Von Tomas Gärtner

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