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Lokales Weihnachtsausstellung zu Märchen: Oft grausam, dennoch ungemein beliebt
Dresden Lokales Weihnachtsausstellung zu Märchen: Oft grausam, dennoch ungemein beliebt
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19:09 01.12.2018
Zwischen Heimelig- und Grausamkeit: Das Stadtmuseum widmet seine Weihnachtsausstellung 2018 dem Märchen. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Da! Da sind sie! Da sind Anna und Elsa! Kinder, vor allem Mädchen, juchzen und jubeln, wenn sie Figuren aus dem Animationsfilm „Frozen“ erblicken. Die holde Königstochter Schneewittchen brachte dem Disney-Konzern 1937 Millionen ein: Seitdem hat sich aus den Märchenprinzessinnen und sonstigen Heldinnen ein äußerst lukrativer Geschäftszweig entwickelt. Ob Cinderella, Dornröschen, Arielle, Belle, Jasmine, Pocahontas, das „neu verföhnte“ Rapunzel oder Merida, die Zahl der Merchandising-Artikel mit Gesichtern der Figuren ist Legion.

Einige Beispiele zeigt nun das Stadtmuseum Dresden in seiner neuen Weihnachtsausstellung „Vom Märchen, das auszog, erzählt zu werden“, in der es – nomen est omen – um Märchen geht. So weisen, wie man zur Kenntnis nimmt, Verpackungen von Puffreistafeln einer Schokoladenmanufaktur in Weißenfels Märchenmotive auf, die Käserei Altenburger Land GmbH wirbt mit entsprechenden Motiv für „Rotkäppchen-Landrahm“. Ja, Disney hat kein Copyright, was die kommerzielle Zweitverwertung von Märchen angeht.

Dem, der nun wieder einen Ausverkauf der Werte zu beklagen, den Untergang des Abendlandes zu wittern oder Auswüchse des schnöden Kapitalismus zu monieren müssen glaubt, dem wird vor Augen geführt, dass dies durchaus schon in „guter alter“ wie sozialistischer Zeit der Fall war. Aus den 1950er-Jahren stammt eine Lebkuchenverpackung der Pulsnitzer Lebkuchen, Keks- und Waffelfabrik Erich Richter, die Hänsel und Gretel vor dem das Lebkuchenhaus zeigt. Oder da wäre jener Kinderteller, der das auf Sterntaler hoffende Kind zeigt. Es ist ein Produkt der Dresdner Firma Villeroy & Boch und stammt aus dem Jahr 1890.

Rendezvous mit Hänsel und Gretel, Rotkäppchen und dem gestiefelten Kater – bis Anfang März lädt die Weihnachtsausstellung ins Stadtmuseum an der Wilsdruffer/Landhausstraße.

Rund 160 Exponate – größtenteils aus dem hauseigenen Bestand des Stadtmuseum – sind zu sehen. Allzu textlastig ist die Schau nicht, schließlich wollte man vermeiden, dass es heißt: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann lesen sie noch heute. Vermitteln will man, wie Ausstellungs-Kuratorin Andrea Rudolph gestern gegenüber den DNN erklärte, dass Märchen mit der Veröffentlichung durch die Brüder Grimm einen enormen Popularitätsschub erlebten. Galt es im 19. Jahrhundert noch als vom Aussterben bedroht, blieb es dank vielfältiger Rezeption lebendig und fasziniert bis heute Kinder wie Erwachsene – nicht zuletzt in der Weihnachtszeit. Es bediente sich Buch, Bild und Bühne, Film und Fernsehen, Kunst und Kommerz, um erzählt zu werden.

Die Ausstellung ist keine typische Weihnachtsausstellung, aber Märchen haben gerade in der Adventszeit Konjunktur, wie Erika Eschebach sagte, die Direktorin des Stadtmuseums Dresden. Dafür spricht einiges, schon ein Blick auf die Spielpläne von Theater- und Opernbühnen. Schon die ersten Ausgaben ihrer „Kinder- und Hausmärchen“ sollten, so einst die Hoffnung der die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm unbedingt „noch zum Weihnachtsgeschenk fertig werden.

Die Schau im Stadtmuseum geht der Popularisierung des Märchens seit den Grimms in den unterschiedlichen Vermittlungsformen nach – ob mit Rotkäppchen im Märchenbuch, Hänsel und Gretel als Würfelspiel, Aschenputtel im Film (Produzenten und Programmmacher wissen: Mit Märchenverfilmungen erreicht man mit Sicherheit ein Millionenpublikum, selbst in der 1001sten Wiederholung), Schneewittchen in der Märchenillustration oder Dornröschen als erzgebirgischer Schnitzerei. Märchen entkommt man nicht, schon gar nicht auf dem Striezelmarkt. Es gibt ein Märchenhaus, ein Knusperhaus, in dem Märchen im Form von Puppentheater-Inszenierungen gespielt werden. Und „wo führt die Kindereisenbahn durch? Natürlich durch einen Märchenwald!“, stellte Rudolph klar.

Nun ist etwa Tschaikowskis Ballett „Dornröschen“ sehr bekannt, weniger hingegen das gleichnamige „Märchen mit Gesang & Tanz“ von Carl August Görner, das 1912 am Königlichen Schauspielhaus zu Dresden gegeben wurde, wie ein Programmzettel belegt. „Aschenbrödel“, „Schneewittchen“, „Frau Holle“ – von den 50 Werken, die der Schauspieler und Bühnendichter Görner allein für Kinder schuf (sein erstes Bühnenstück „Gärtner und Gärtnerin“ wurde 1826 in Freiberg aufgeführt), basierten knapp die Hälfte auf Märchen der Brüder Grimm, Hans Christian Andersen sowie Charles Perrault.

Insbesondere werden in der Schau Märchen durch historische Schaustücke aus Holz der 1945 gegründeten Spielzeugfabrik Egon Umbreit aus Eibenstock erlebbar. Deren geschnitzte Märchenszenen entzückten 1947 die Besucher der Dresdner Weihnachtsmesse in der Tonhalle. Überliefert ist ein Fotobuch, das Dresdens damaliger Bürgermeister Walter Weidauer von der werktätigen Bevölkerung geschenkt bekam und das zwei Märchenszenen dokumentiert. Die Entwürfe zu den Märchen lieferte die vor zwei Jahren verstorbene Helmtraud Wunderwald (nein, der Name ist kein Fantasie-Pseudonym). Als die Firma Umbreit in den 1960ern die Produktion einstellte, wurden viele der Märchenstücke vom Stadtmuseum Dresden angekauft und werden nun erstmals zwar nicht zur Gänze, aber doch erheblicher Breite ausgestellt, wie Erika Eschebach sagte.

Nicht groß, aber immerhin ansatzweise wird in der Schau anschnitten, dass viele Märchen ausgesprochen grausam sind. Das ist Teil ihrer urtümlichen Kraft. Im Unterschied zu vielen Kinderbuchhelden der politisch korrekten Kuschelpädagogik der Gegenwart, die nach dem ersten Kennenlernen ihren Reiz verbraucht haben, sind gerade die Grimmschen Klassiker beliebter denn je.

Verschiedene Mitmachstationen, ein Rätselheft für Kinder, Märchenlese- und Spielecken sowie im „Kinderkino“ zu sehende Märchenfilme aus der Produktion des DEFA-Märchenstudios Dresden dürften insbesondere Kinderherzen höher schlagen lassen. Nur auf einer extra „abgedeckelten“ Vitrine wird gewarnt: „Nur für Erwachsene. Achtung- Inhalt ist nicht jugendfrei.“ Man muss also volljährig sein, um in Büchern wie „Erotische Volksmärchen aus aller Welt“ oder auch dem Märchenbuch für Erwachsene blättern zu dürfen. Das letztere Werk hat außer „gewissen“ Stellen auch allerlei frivol-pikante Illustrationen aufzuweisen. Ergänzend wird ein buntes Rahmenprogramm zur Vertiefung der Märchenthematik offeriert: Vorträge, Märchenstunden, Theaterspiele und märchenhafte Musik sind dabei nicht nur im Landhaus selbst, sondern auch in den anderen Häusern der Städtischen Museen zu erleben, im Palitzsch-Museum, dem Kügelgenhaus oder auch im Deutschen Institut für Animationsfilm den Technischen Sammlungen.

3. März 2019, Di. bis So. 10 bis 18 Uhr, freitags bis 19 Uhr, Eintritt: 5 Euro

www.museen-dresden.de

Von Christian Ruf

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