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Lokales Weg damit! – Fußgängerlobby will in Dresden den grünen Pfeil abschaffen
Dresden Lokales Weg damit! – Fußgängerlobby will in Dresden den grünen Pfeil abschaffen
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07:35 08.01.2019
Daumen runter für den grünen Pfeil: Matthias Medicus und seine Mitstreiter vom Verein Dresden zu Fuß kämpfen für die Abschaffung des Blechschilds. Quelle: Anja Schneider
Dresden

Nur kurz bremsen und gleich wieder be­schleunigen – hintereinanderweg sau­sen die Autos um die Kurve. Matthias Medicus vom Verein Dresden zu Fuß hat ganz bewusst den Georgplatz vor dem Rathaus gewählt, um zu zeigen, was ihn und seine Mitstreiter umtreibt. Der grüne Pfeil, hochgehaltenes DDR-Relikt – aus ih­rer Sicht ein nutzloses und vor allem gefährliches Ärgernis.

Jedes Jahr, so schätzt es der Dachverband Fußverkehr, gibt es in Deutschland 100.000 Unfälle wegen des grünen Pfeils, Fußgänger und Radfahrer seien besonders häufig betroffen. Weg damit, lautet daher die zentrale Forderung. Und Sachsens Landeshauptstadt steht bei der Fußgängerlobby be­sonders im Fokus. Denn Dresden gilt zugleich als Hauptstadt des grünen Pfeils. Derzeit hängen hier 245 Grünpfeile an den Ampelmasten.

Die Stadt hat keine belastbaren Unfallzahlen

Tatsächlich lassen sich an der großen Kreuzung vor dem Dresdner Rathaus Ver­kehrs­verstöße im Minutentakt beobachten. Seit vielen Jahren klebt dort, wo die Autos von der Bürgerwiese auf die St. Petersburger Straße einbiegen, ein grüner Pfeil. Der erlaubt das Abbiegen, auch wenn die Ampel Rot zeigt – setzt zugleich aber voraus, dass die Au­tofahrer zu­nächst erst einmal drei Sekunden an der Haltelinie stoppen und sich genau um­schauen.

Gradeaus und nach links rot, für Rechtsabbieger grün nach einen verpflichtenden Stopp - klingt so schwer eigentlich noch. Quelle: Archiv

Doch die Realität sieht freilich anders aus. Zumindest an diesem Vormittag, als Matthias Medicus am Georgplatz das Problem aufzeigen will, hält sich praktisch kaum ein Autofahrer an diese Vorschrift. Ein großer Kurvenradius, dazu viel Übersicht – das lädt geradezu ein, bei freier Straße schnittig um die Kurve zu brettern, meint Matthias Medicus. Die Fahrer würden zu­meist nur nach anderen Autos schauen. Zum Problem wird das, wenn plötzlich Fußgänger oder Radfahrer auf die Fahrbahn treten. Oft habe er an entsprechenden Kreuzungen schon Bei­nahunfälle be­obachtet: „In nur einer hal­­ben Stunde ha­be ich am Georgplatz zwei Vollbremsungen gesehen.“

Wie viele Unfälle sich tatsächlich an Grünpfeilen in Dresden ereignen, ist al­lerdings unklar. Belastbare Zahlen gibt es nicht, weder Stadt noch Polizei führen entsprechende Statistiken. Die Fußgängerlobby verweist auf mehrere Unfälle in der Woche. Die Polizei kann in­des zumindest keine Unfallhäufung aufgrund des Grün­pfeils ausmachen, wie Sprecher Mar­ko Laske sagt – wenngleich sich das mangels Zahlen nicht untermauern lasse.

Etliche Grünpfeile sind falsch montiert

Bei der Forderung nach der Demontage des grünen Pfeils stützt sich der Fußgängerverein jedoch nicht nur auf eigene Beobachtungen – sondern auch auf eine umfangreiche Studie zur „Si­cherheit von Grünpfeilen“, die 2015 von Fachleuten der Technischen Universität Dresden präsentiert wurde. Und darin stecken durchaus in­­teressante Erkenntnisse.

Der Dresdner Verkehrswissenschaftler Sebastian Hantschel ist einer der Autoren. Er und weitere Forschende hatten dazu eine große Menge an Daten abgefragt und ausgewertet, allen voran auch zu Dresden. Die Experten haben auch die Un­fallstatistiken betrachtet. Die Ergebnisse zeigen zunächst, dass Ampelkreuzungen mit Grünpfeil nicht signifikant unsicherer sind, erklärt Sebastian Hantschel. Doch auch diese Zahlen seien nicht sonderlich be­lastbar, so der Wissenschaftler. Denn viele Grünpfeile sind eher an kleineren Kreuzungen und Einmündungen, „an denen ohnehin nicht viel los ist.“

Doch die Experten haben andere Dinge herausgefunden. Bei zwei Dritteln der Unfälle mit Personenschäden, die unmittelbar auf die Grünpfeil-Regelung zu­rückzuführen sind, waren demnach tatsächlich nichtmotorisierte Verkehrsteilnehmer be­teiligt, sprich: Fußgänger oder Radfahrer. Auch die Beobachtung, dass sich viele Au­tofahrer nicht an die Vorschriften halten, stützt die Studie. 70 Prozent der Fahrer in Dresden hätten sich bei Messungen vor Ort nicht an­nähernd regelkonform verhalten.

Und noch mehr deckt die Studie auf. So waren damals in Dresden tatsächlich fast ein Dutzend Grünpfeile entgegen der geltenden Vorschriften mon­tiert, bei vielen weiteren gebe es zumindest Be­den­ken. Auch dies ein Vorwurf von Matthias Medicus und seinen Mitstreitern in Richtung Stadt. Vor allem aber, das haben die Wissenschaftler bei Testfahrten in Dresden überprüft, sorge der grüne Pfeil nicht da­für, dass Autofahrer insgesamt schneller vorwärts kommen. „Bei einer Fahrt mittlere Länge durch die Stadt geht es mit Nutzung des Grünpfeils nicht schneller voran“, lautet das Fazit des Experten.

Wer nicht stoppt, riskiert 70 Euro Strafe und einen Punkt

Der grüne Pfeil – seit Jahren ist das kleine Blechschild ein heißes Eisen. Aus Sicht der Polizei sorge der Pfeil durchaus da­für, dass sich Wartezeiten für Rechtsabbieger deutlich verkürzen. „Er hilft letztendlich, Stauerscheinungen an Kreuzungen entgegenzuwirken“, so der Sprecher. Bestätigen kann er indes die Beobachtungen, dass es viele Autofahrer mit den Re­­geln nicht genau nehmen: „Fakt ist, dass bei Verkehrskontrollen eine hohe Zahl an Verstößen gegen das Haltegebot beim Grünpfeil festzustellen ist.“

Zugleich würde jedoch auch nur in den seltensten Fällen das Haltegebot ab­solut missachtet. „Meist er­folgt ein deutliches Ab­bremsen, fast bis zum geforderten Stillstand, und eine Rund­umschau, bevor nach rechts abgebogen wird.“ Besonders günstig kommen die Verkehrssünder üb­rigens nicht davon. Verstöße werden mit 70 Eu­­ro und einem Punkt ge­ahndet – wenn sie denn festgestellt werden.

Allein seit 2015 hat die Stadtverwaltung Dresden eigenen Angaben zufolge 19 grüne Pfeile an Ampeln abbauen lassen. Gründe dafür waren unter anderem das Unfallgeschehen, Änderungen an der Ampelsteuerung oder schlichtweg, weil die Sicht fehlte:

Stauffenbergallee/Marienallee: Zufahrt Marienallee Nord

Zwinglistraße/Bodenbacher Straße: Zufahrt Bodenbacher Straße

Cossebauder Straße/Tonbergstraße: Zufahrt Tonbergstraße

Reicker Straße/Lohrmannstraße/Kepplerstraße: Zufahrt Lohrmannstraße und Zufahrt Kepplerstraße

Güntzplatz: Zufahrt Ziegelstraße

Reicker Straße/Tornaer Straße/Otto-Mohr-Straße: Zufahrt Otto-Mohr-Straße

und Zufahrt Tornaer Straße

Teplitzer Straße/Caspar-David-Friedrich-Straße: Zufahrt Caspar-David-Friedrich-Straße

Berggartenstraße/Hüblerstraße: Zufahrt Hüblerstraße Ost

Antonstraße/Leipziger Straße: Zufahrt Leipziger Straße

Dohnaer Straße/Lockwitztalstraße: Zufahrt Lockwitztalstraße

Reicker Straße/Rayskistraße: Zufahrt Rayskistraße

Wasaplatz: Zufahrt zur Oskarstraße und

Zufahrt Wasastraße

Budapester Straße/Josephinenstraße: Zufahrt Budapester Straße Ost und

Zufahrt Josephinenstraße Nord

Käthe-Kollwitz-Ufer/Fetscherstraße (West): Zufahrt Fetscherstraße

Hansastraße/Maxim-Gorki-Straße/Hechtstraße: Zufahrt Hansastraße

Bei der Dresdner Stadtverwaltung, zu­ständig für die Ampeln und den grünen Pfeil, reagieren die Verantwortlichen äu­ßerst nüchtern auf die Thematik. „Durch den Grünpfeil kann es zur Verbesserung der Flüssigkeit des Verkehrs, dabei be­sonders in Zeiten mit weniger Verkehr kommen“, sagt Straßen- und Tiefbauamtschef Reinhard Koettnitz. Das Unfallgeschehen an den Kreuzungen werde derweil re­­gel­mä­ßig ausgewertet, Hinweisen von Einwohnern nachgegangen. Und: Nach Veröffentlichung der Studie er­­folgte ebenso ei­ne Über­prü­fung – mit dem Er­gebnis, dass ei­nige der beanstandeten Grünpfeile abgeschraubt wurden.

Hamburg führte den Pfeil neu ein

Reinhard Koettnitz verweist darauf, dass „in den vergangenen Jahren in Dresden vermehrt Grünpfeile zur Erhöhung der Verkehrssicherheit abgebaut wurden.“ Das belegen die Zahlen. So gab es vor acht Jahren noch 272 Grünpfeile – 27 mehr als heute. Trotz des vereinzelten Ab­­baus gebe es aber keine Festlegung, den grünen Pfeil gänzlich abzuschaffen.

Anderswo haben die Verantwortlichen andere Entscheidungen getroffen. Etwa in Hamburg. 2002 war in der Dresdner Partnerstadt die flächendeckende Einführung des Grünpfeils beschlossen worden – nur zwei Jahre später hingen mehr als 300. Doch in­zwischen hat sich deren Zahl mehr als halbiert. „Die Grünpfeilregelung ist nicht so leistungsfähig und konfliktarm wie eine gesicherte Führung der Rechtsabbieger in ei­ner eigenen Ampelphase“, heißt es vom Hamburger Senat. Tendenziell wird die Zahl der Pfeile deshalb in der Hansestadt weiter sinken.

Diese Hoffnung hegt auch der Verein Dresden zu Fuß. „Wenn wir alle grünen Pfeile ab­nehmen, hätten wir auch weniger Unfälle“, ist Matthias Medicus überzeugt. Die besondere Symbolik des grünen Pfeils als aus DDR-Zeiten herübergerettete Errungenschaft ist ihm durchaus bewusst. Rücksicht will der Verein da­rauf trotzdem nicht nehmen. „Zu DDR-Zeiten gab es weniger Autos und weniger Am­peln. Damals war der Grünpfeil noch kein Problem“, sagt Matthias Medicus.

Von Sebastian Kositz

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