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Dresden Lokales Ein Wächter für sein Herz
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09:38 02.11.2018
am 10.10.18 in Dresden : Herzpatient Tannenbaum Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

„Watchmen – Die Wächter“, das ist ein Superhelden-Kinofilm nach einem Comic von Alan Moore. Die Filmhelden übernehmen die Überwachung von verschiedenen Akteuren und greifen ein, wenn Gefahr droht. Nach dem gleichen Prinzip trägt der Dresdner Jürgen Tannenbaum seit einiger Zeit einen Watchman – seinen Wächter – direkt am eigenen Herzen. Die Superkraft: Schutz vor einem erneuten Schlaganfall. „Der Watchman ist mein kleiner fünfer im Lotto“, sagt Tannenbaum. Denn die Nebenwirkung der Blutverdünner, die der 61-Jährige fast zehn Jahre nahm, kostete ihn durch einen plötzlichem Schlaganfall fast das Leben. Der Watchman soll nun darüber wachen, dass sich seine schlimmen Erinnerungen an einen Freitagmorgen im Oktober 2015 nicht wiederholen.

Ulrich Gerk, Oberarzt Städtisches Klinikum Dresden, hat den Watchman seinem Patienten eingesetzt. Quelle: Anja Schneider

Schlaganfall wird erst nicht erkannt

Tannenbaum hat starke Kopfschmerzen und legt sich ins Bett. Niemand weiß, was wirklich los ist. Das Wochenende verbringt er im Bett und geht am Montagmorgen zum Arzt. Auf Grund eines Blutergusses im Auge vermutet die Ärztin eine Augenembolie und überweist ihn sofort ins Krankenhaus. Erst hier wird im MRT festgestellt, Tannenbaum hat einen Schlaganfall.

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Die Ärzte überwachen die Blutung im Gehirn und hoffen, dass sie sich von selbst wieder auflöst. Tannenbaum hat Glück. Das Gefäß verschließt sich und er überlebt. Bei der Ursachenforschung nehmen die behandelnden Ärzte um Oberarzt Ulrich Gerk am Städtischen Klinikum Dresden die Vorgeschichte des Patienten ins Visier. Wie viele ältere Menschen, litt Tannenbaum an Vorhofflimmern. „Vorhofflimmern ist die häufigste Herz-Rhythmus-Störung und nimmt mit dem Alter zu. Rund jeder fünfte 80-Jährige leidet in Deutschland daran, erklärt Gerk.

Durch das Flimmern ziehen sich die Herzhöfe nicht mehr regelmäßig zusammen- „Wie bei einem Fluss mit Altwasser, wird das Blut träge“, erklärt Gerk. Das Blut gerinnt in einer Herzohr genannten Ausbuchtung und es bildet sich ein Blutgerinnsel. Wenn sich dieser Pfropf einmal ablöst und über die Hauptschlagader vom Herz in das Gehirn gelangt, verstopft es dort Blutgefäße und löst damit einen Schlaganfall aus.

Herzohr, wie Blinddarm, ein Überbleibsel der Evolution

Das Modell zeigt das Herzohr und den richtigen Sitz des Watchman. Quelle: Anja Schneider

Nimmt der Patient über lange Zeit hinweg Gerinnungshemmer, sinkt auf der einen Seite sein Risiko für ein Blutgerinnsel. Auf der anderen Seite erhöhen die umgangssprachlich Blutverdünner genannten Medikamente das Risiko einer inneren Blutung und somit auch das einer Hirnblutung.

Und das Herzohr, wie einen entzündeten Blinddarm, einfach entfernen? „Wenn ohnehin eine Operation am offenen Herzen notwendig ist, wird in einigen Fällen das Herzohr mitentfernt“, berichtet Gerk. Nur deswegen am offenen Herzen zu operieren, sei aber zu risikoreich.

Watchman-Prototyp vor 20 Jahren entwickelt

Die Lösung für Tannenbaum und bisher rund 250 andere Patienten am Friedrichstädter Krankenhaus ist das Vorhofverschlusssystem „Watchman“. Der Prototyp wurde bereits vor rund 20 Jahren entwickelt. Die Herausforderung für die Ärzte besteht in der pergamentdünnen Haut des Herzohrs, die leicht reißen kann. „Seid ihr verrückt, den Verschluss einzusetzen“, sagte ein Freund einst zu Gerk. Tatsächlich gab es die Gefahr, die Haut des Herzohrs zu beschädige. Heute ist das Risiko mit einem weiterentwickelten, weniger steifem System, geringer.

Der Watchman wird mit Hilfe eines Katheters eingesetzt: Weil die Größe menschlicher Herzen variiert, gibt es das Schirmchen in verschiedenen Größen. Quelle: Anja Schneider

Noch verhältnismäßig wenig Patienten haben Watchman

Noch entscheiden sich verhältnismäßig wenige Patienten für den Vorhofverschluss. Möglicherweise liege die Hemmschwelle Medikamente einzunehmen niedriger als sich einem Eingriff am Herzen zu unterziehen, vermutet der Oberarzt.

Aktuell haben sich die verschiedenen Kliniken in Ostsachsen zusammengeschlossen, um in einem Register an mehreren hundert Patienten unter anderem zu untersuchen, welche Medikamente nach der Implantation wie lange notwendig sind. „Bis jetzt haben wir nur Empfehlungen“, erklärt Gerk. Wenn alles gut verläuft, sei Medikamentenfreiheit das Ziel.

Ganz so weit ist Jürgen Tannenbaum noch nicht. Aber er hat nun weniger Angst vor einem Schlaganfall und einer inneren Blutung– der Watchman hält die Gefahr zurück.

Von Tomke Giedigkeit

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