Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -1 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Was machen Beschimpfungen mit der Gesellschaft?

Interdisziplinäres Forschungsprojekt an der TU Dresden Was machen Beschimpfungen mit der Gesellschaft?

Bauern, die ihre Notdurft in der Tiara des Papstes verrichten: Vulgäre Beleidigungen gab schon zu Zeiten Luthers. Mit der Bedeutung von Beschimpfungen und Schmähungen beschäftigt sich nun ein interdisziplinäres Forschungsprojekt der TU Dresden.

Prof. Dr. Gerd Schwerhoff
 

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden.  Ob in dem Kommentarspalten von Facebook, im Fußballstadion oder auf der Straße bei Pegida: Beleidigungen und Schmähgesten scheinen wieder Hochkonjunktur zu haben. Das Phänomen der Herabsetzung erforscht nun ein interdisziplinäres Forscherteam an der TU Dresden im Sonderforschungsbereich „Invektivität - Konstellationen und Dynamiken der Herabsetzung“.

Frage: “Invektivität“ klingt zunächst sehr wissenschaftlich. Was kann man sich darunter vorstellen?

Dr. Gerd Schwerhoff: „Invektivität“ bezieht sich Invektivität auf die alle Aspekte der Kommunikation, die jemanden herabsetzen und beleidigen können, egal ob mündlich, schriftlich oder bildlich. Wir forschen in einem interdisziplinären Forschungsverbund, der aus Wissenschaftlern der Geschichtswissenschaften, Kunstgeschichte, Literaturwissenschaften und Soziologie besteht. Jeder hat da eine eigene Idee davon, was Beleidigung und Schmähung sind. Im Prinzip ist „Invektivität“ also ein Kunstbegriff, den wir geschaffen haben, um bei der Forschung analytisch auf einen größtmöglichen gemeinsamen Nenner zu kommen

Was genau soll untersucht werden?

Wir wollen untersuchen, wie die verschiedenen Formen von Beleidigung unsere Gesellschaft und Kultur prägen und in der Vergangenheit geprägt haben. Gerade der Blick in die Geschichte ist interessant, weil er zeigt, dass es Herabsetzung und Schmähungen schon immer in den zahlreiche Ausprägungen gegeben hat, im positiven wie im negativen Sinne. Aus diesem Grund wollen wir uns exemplarisch mit verschiedenen historischen Epochen befassen, wie etwa dem Römischen Reich, die Reformation und die NS-Zeit. So wollen wir auch die Frage beantworten, ob wir wirklich in einem besonderen Zeitalter der Herabwürdigung leben oder das nur ein Trugschluss ist.

Welche historischen Beispiele gibt es?

Da gibt es sehr viele, wie die Breite unseres Themenspektrums zeigt. Mein eigenes Teilprojekt widmet sich der Reformation. Martin Luther war ja der größte Schimpfer seines Jahrhunderts, der seine Gegner, wie etwa den Papst, aufständische Bauern und auch Feinde im eigenen reformatorischen Lager auf das wüsteste beleidigt hat. Auch damals wurde schon viel geschmäht, gerade in bildlichen Darstellungen. Es gibt beispielsweise historische Drucke, auf denen Bauern ihre Notdurft in der päpstlichen Tiara verrichten oder ihre Blähungen dem Papst entgegen richten. Beleidigung ist also kein neues Phänomen.

Sondern?

Eines, dass es schon immer gegeben hat. Wir können das Phänomen der Beschimpfung und Herabsetzung durch die ganze Menschheitsgeschichte verfolgen. Die Form, wie man sich beleidigt, spiegelte auch immer zeitgenössische Wertvorstellungen wieder. Früher beschimpfte man sich beispielsweise mit Worten wie „Dieb“ und „Hurenbock“, heutzutage zeigt man sich den Stinkefinger. Ein anderes Beispiel: in Dresden sorgte ein symbolischer Galgen für Sigmar Gabriel und Angela Merkel bei einer Pegida-Demonstration für große Aufregung. Das ist wiederum ein Symbol, das man schon vor 500 Jahren verstanden hätte. Untersuchungen haben auch ergeben, dass beispielsweise die Italiener mit viel mehr sexuellen Bezügen fluchen, während in Deutschland eher die menschlichen Ausscheidungen im Mittelpunkt der Beleidigung stehen.

Welche anderen Forschungsprojekte wird es geben?

Insgesamt gibt es dreizehn Projekte. Ein Projekt widmet sich beispielsweise der europäischen Gelehrtenbewegung der Humanisten. Dort es war üblich, sich gegenseitig zur Stärkung des Zusammenhaltes auf Latein zu beschimpfen. Ein anders Projekt untersucht das Beleidigungspotenzial von Reality TV, wo Menschen im Fernsehen bloßgestellt und herabgesetzt werden. Eine rechtswissenschaftliche Untersuchung befasst sich mit dem Spannungsverhältnis zwischen Persönlichkeitsschutz und freier Meinungsäußerung im Internet.

Wie sieht die konkrete Zusammenarbeit zwischen den Lehrstühlen aus?

Neben den verschiedenen einzelnen Teilprojekten gibt es drei Querschnittsthemen, die wir gemeinsam angehen wollen. Eines ist der Zusammenhang zwischen Beleidigung und Gruppenzusammenhalt. Also wie kann mit Invektivität dazu beitragen, die Menschen zusammenzubringen, aber auch Menschen zu spalten und Feinbilder zu schaffen. Das zweite Querschnittsthema bezieht sich auf die Eskalationsspiralen bei Beleidigung und die Bedeutung von persönlichen Gefühle. Drittens soll die gemeinsame die Rolle der Medien erforscht werden. So wie das Internet unsere Kommunikation heutzutage komplett verändert, so tat das in der Neuzeit die Erfindung des Buchdrucks. Damals wie heute hatten Wort und Bild plötzlich eine viel größere Reichweite. Da stellt sich die Frage: wie „neu“ sind die Entwicklungen der digitalen Revolution eigentlich oder wiederholt sich einfach nur die Geschichte?

Und dann gibt es noch das Jahresthema „Populismus“, das wir gemeinsam im Zusammenhang mit „Invektivität“ erforschen wollen. „Populismus“ wird auch das Thema unserer Auftaktveranstaltung am 17. Oktober sein, bei der wir unsere Forschungsvorhaben der Öffentlichkeit präsentieren. Man könnte sagen, wir erforschen „Invektivität“ mit unterschiedlichen Materialien, stellen aber die gleichen Fragen. Am Ende vergleichen und diskutieren wir die Ergebnisse unserer Forschung. So erhalten wir einen Überblick, was Beleidigung und Herabsetzung mit unserer Gesellschaft und Kultur macht.

Wie wird der Sonderforschungsbereich finanziert?

Wir erhalten für vier Jahre 7,6 Millionen Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Alle vier Jahre können wir einen Verlängerungsantrag für die nächsten vier Jahre stellen. Die maximale Förderdauer beträgt 12 Jahre.

Insgesamt werden durch die Förderung rund 30 neue Stellen geschaffen, von denen insbesondere Nachwuchswissenschaftler profitieren, also Doktoranten und Postdoktoranten.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Dresden als Forschungsstandort und Pegida?

Wie gesagt ist Invektivität kein neues Phänomen, auch wenn es momentan in der Luft zu liegen scheint. Man beachte nur die Kontroversen um die Mohammed-Karikaturen und den Wahlkampf von Donald Trump. Man kann also nicht sagen, dass Dresden hier eine Alleinzuständigkeit hat. Nichtsdestotrotz ist Dresden auch die Bühne für eine populistische Bewegung wie Pegida. Das gibt dem Thema Invektivität für Dresden natürlich auch eine besondere Bedeutung, auch wenn es nicht in der Stadt entstanden ist.

Von Louisa Schmökel

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.