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Lokales Was führt Menschen in die Sucht? Forscher blicken 330 Dresdnern ins Gehirn
Dresden Lokales Was führt Menschen in die Sucht? Forscher blicken 330 Dresdnern ins Gehirn
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08:52 31.05.2017
Forscher der TU Dresden sehen die willentliche Selbstkontrolle als einen möglichen Schlüssel zum Verständnis von Suchtverhalten. Quelle: dpa
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Dresden

330 junge Dresdner nehmen aktuell an einer Langzeitstudie der TU Dresden teil, die willentliche Selbstkontrolle und süchtiges Verhalten untersucht. Dabei stellt sicht die Frage: Warum entwickeln manche Personen eine Sucht während ein großer Anteil an Personen keine Probleme zeigt?

Forscher der TU Dresden sehen die willentliche Selbstkontrolle als einen möglichen Schlüssel zum Verständnis von Suchtverhalten. Was mit fehlender Selbstkontrolle gemeint ist, kennt sicher jeder: Man nimmt sich etwas vor, hält es eine Weile durch und hat dann doch einen schwachen Moment. Typische Beispiele sind die Neujahrsvorsätze oder das Stück Kuchen während der Diät.

Seit 2012 fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft mit insgesamt rund 20 Millionen Euro den Sonderforschungsbereich „Volition und kognitive Kontrolle“, der sich der Frage widmet, wie die willentliche Kontrolle der eigenen Gefühle und Handlungen funktioniert. In den 14 geförderten Projekten sind neben der TU Dresden auch andere Einrichtungen, wie die Charité in Berlin, beteiligt.

Bereits identifiziert hat das Wissenschaftler-Team um Thomas Goschke, Professor für Allgemeine Psychologie und Sprecher des psychologischen Sonderforschungsbereichs, wichtige Regionen des Frontalhirns, die an der Steuerung menschlicher Selbstkontrolle beteiligt sind.

Zwischen 2012 und 2014 wurden in einer Studie der TU 119 Dresdner untersucht, von denen 27 Personen spielsüchtig und 41 Personen nikotinsüchtig waren. Die Studie ermittelte, dass Glücksspielsucht vornehmlich Menschen betrifft, denen die willentliche Selbstkontrolle schwerfällt und die Belohnungen nur ungern aufschieben. Die Faktoren, die eine Glücksspielsucht begünstigen, ähneln denen einer Alkohol- und Nikotinsucht, erklärt Kräplin.

Anja Kräplin Quelle: Anja Schneider

Die Deutsche Glücksspielbranche wächst: Nach Angaben des Internetportals Statista beläuft sich die Umsatzprognose für 2017 auf rund 14 Milliarden Euro – Tendenz steigend. 2016 haben sich nach Angaben der Landesstelle gegen die Suchtgefahren (SLS) sachsenweit 78 Personen in eine Therapie begeben, davon 19 in Dresden, um ihre Glücksspielsucht zu bekämpfen. Damit sind in der Landeshauptstadt mehr Menschen auf Grund von Glücksspiel in Behandlung als im sächsischen Durchschnitt. Einen Antrag auf Drogenentwöhnung von Rauschgiften allgemein stellten im vergangen Jahr 1 124 Suchtkranke in Sachsen, das sind 34 Prozent mehr als in den Jahren zuvor.

Um herauszufinden, ob diese persönlichen Merkmale, die bei jedem Menschen individuell ausgeprägt sind und sich im Laufe des Lebens auch ändern können, tatsächlich Auslöser für den Ruin am Spielautomaten oder die Abhängigkeit von den täglichen Zigaretten sind, folgt nun die breit angelegte Längsschnittstudie. Neben Goschke und Kräplin, sind der Suchtforscher Gerhard Bühringer, der Neurowissenschaftler Professor Michael Smolka sowie die wissenschaftlichen Mitarbeiter Klaus-Martin Krönke und Max Wolff beteiligt.

Mit Hilfe der 330 Dresdner, die zwischen 19 und 25 Jahren sind, wollen die Forscher nun in einer Langzeitstudie über mehrere Jahre hinweg untersuchen, ob sich an Hand der jeweiligen neurokognitiven Prozesse in den Frontalhirnen der Studienteilnehmer eine Suchtentwicklung vorhersagen lässt. Per Zufall wurden vom Alter passende Personen mit Wohnsitz in Dresden durch die Forschungsgruppe angeschrieben. Etwa 10 Prozent waren bereit, an jährlichen Befragungsterminen zu ihrer Selbstkontrolle und süchtigem Verhalten teilzunehmen. „Alle drei Jahre bearbeiten die Teilnehmer Aufgaben und Reaktionstest am Computer, während ihre Gehirnaktivität mit Hilfe des MRT analysiert wird“, erklärt Kräplin das wissenschaftliche Vorgehen. Es wird gezielt untersucht, wie sich das Risiko für süchtiges Verhalten im Laufe des Lebens verändert. Dabei müssen die Wissenschaftler ausdauernd sein, weiß Kräplin.

Erste Ergebnisse kann die Arbeitsgruppe aber bereits verkünden: Durch die Befragung der 330 Dresdner per Smartphone wurde deutlich, dass Menschen häufig mit Versuchungen konfrontiert sind, wie einem leckeren Kuchen während einer Diät. Etwa die Hälfte der Personen gab der Versuchung in solchen Situationen nach. Die Personen, die beispielsweise an den Diät-Zielen festhielten, haben dagegen eine erhöhte Selbstkontrolle und sind weniger anfällig eine Sucht zu entwickeln.

Die Unterschiede werden auch im MRT deutlich: Nach Fehlern zeigten die Dresdner Studienteilnehmer mit hoher Selbstkontrolle eine stärkere Hirnaktivität in sogenannten „Überwachungsnetzwerken“, die weitere Fehler in der Selbstkontrolle unterbinden soll. „Wie sich Selbstkontrolle und das süchtige Verhalten der Studienteilnehmer in den nächsten Jahren entwickeln wird, ist für die Forschung aber auch die klinische Praxis äußerst spannend“ sagt Kräplin. Zunächst plant das Forscherteam um Professor Goschke die 330 Dresdner bis 2020 wissenschaftlich zu begleiten. Bei einer erneuten Förderung des Sonderforschungsbereichs ist auch eine längere Zusammenarbeit vorstellbar.

Von Tomke Giedigkeit

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