Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 6 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Was die Städtepartnerschaft Dresden-Hamburg bei der Stasi auslöste

Geschichte Was die Städtepartnerschaft Dresden-Hamburg bei der Stasi auslöste

Städtepartnerschaften sind heute in Europa das Normalste von der Welt. Vor 30 Jahren war das noch ganz anders. Zu Zeiten des Eisernen Vorhangs löste das Bündnis zwischen Dresden und Hamburg bei der Staatssicherheit den ganz normalen Wahnsinn aus.

Der DDR-Geheimdienst zog bei der Fahrt des Dampfers „Dresden“ in die Hansestadt alle Register.

Quelle: Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen (BStU)

Dresden.  Für die Staatssicherheit der DDR muss es der blanke Horror gewesen sein: Mit dem weltpolitischen Tauwetter nach dem jahrzehntelangen Kalten Krieg zwischen Ost und West öffnet sich in den 80er Jahren plötzlich die Tür für deutsch-deutsche Städtepartnerschaften. Die beiden Saarländer Oskar Lafontaine, damals Ministerpräsident im Saarland, und Erich Honecker, Staatsratsvorsitzender und mächtigster Mann der DDR, bereiteten den Weg für eine Vereinbarung zwischen Saarlouis und Eisenhüttenstadt. Das war Mitte der 1980er Jahre und ließ bei der Staatssicherheit die ganze Maschinerie anrollen.

„Es ist unglaublich, was da für ein Aufwand betrieben wurde, alles war getragen von einem tiefen Misstrauen gegenüber den eigenen Bürgern“, erzählt Konrad Felber im Gespräch mit den DNN. Er ist Leiter der Außenstelle Dresden des Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit (BStU), wo die Hinterlassenschaften des DDR-Geheimdienstes verwaltet und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Für einen Vortrag anlässlich der Städtepartnerschaft Dresden-Hamburg am 14. November in der Hansestadt hat er Tausende Seiten der Stasi-Akten gewälzt.

Weltpolitisch war es ein großer Schritt, den Ost und West vor mehr als 30 Jahren reichlich zögerlich gingen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde hüben und drüben zunächst auf Abgrenzung gesetzt. Waffenstarr standen sich die Blöcke an dem gegenüber, was für den Westen eine unnatürliche innerdeutsche Grenze war und für den Osten eine Staatsgrenze zwischen „überlegenem Sozialismus“ und „parasitärem Imperialismus“. Erst mit der Ost-Politik der Annäherung unter Willy Brandt (SPD) kam Bewegung in die verfahrene Sache. Doch es mussten noch mehrere hochbetagte sowjetische Staatschefs ableben, bevor der jüngere Michael Gorbatschow 1985 ans Ruder kam und eine Politik von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) auf den Weg bringen konnte. Mit der Verständigung von Honecker und Lafontain bei einem Treffen in Berlin im November 1985 war der Bann gebrochen – auch wenn das noch nicht alle Ost-Funktionäre wahrhaben wollten. Am 14. Dezember 1987 in Dresden und am 16. Dezember 1987 in Hamburg wurde die Vereinbarung über die Städtepartnerschaft von Hamburgs Erstem Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) und Dresdens Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer (SED) unterzeichnet.

Das weltpolitische Tauwetter verschaffte Dresdens Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer die historische Gelegenheit für den Abschluss der Städt

Das weltpolitische Tauwetter verschaffte Dresdens Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer die historische Gelegenheit für den Abschluss der Städtepartnerschaft mit Hamburg.

Quelle: Archiv

Spätestens da begann für die Stasi der Stress. Ob Fußballer von Dynamo Dresden, Musiker der Staatskapelle oder Wissenschaftler der TU – wann immer Kontakte ins NSW, das nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet, anstanden, packte den Geheimdienst unter Minister Erich Mielke der paranoide Wahnsinn. Mit allen Mitteln sollte vermieden werden, dass DDR-Bürger die Gelegenheit zum Verlassen der DDR nutzten – das passte schließlich nicht zur stets postulierten Großartigkeit des eigenen Systems.

„Vertrauliche Verschlusssache – VVS 0008““ stand über dem Papier vom 23. November 1987. Es kam von Minister Mielke höchstselbst. „Aus gegebenem Anlass“ informierte er über eine Verfügung des Ministerrats der DDR über die „Aufgaben der Staatsorgane bei der Vorbereitung und Realisierung von Städtepartnerschaften zwischen Städten der DDR und Städten der BRD“. Formal war der Ministerrat mit Willi Stoph an der Spitze die Regierung der DDR. Doch praktisch war er nur der Durchlauferhitzer für Entscheidungen des Politbüros des Zentralkomitees (ZK) der Sozialistischen Einheitspartei (SED). Mit seinem „Staatsgeheimnis“ setzt Mielke den „demokratischen Zentralismus“ um. Bei den Räten der Städte, Kreise und Bezirke eingehende Anfragen von West-Städten waren „unbeantwortet“ dem „Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten, Abteilung BRD“ zuzuleiten. Und natürlich ging es um die Sicherheit.

Schon drei Tage später gab der Chef der Stasi-Bezirksverwaltung, Horst Böhm, die Weisungen seines Chefs aus Berlin nach unten weiter. In seinem „Maßnahmeplan“ sprach der Generalmajor von „verstärkten Versuchen des Gegners, das politische Anliegen des angestrebten Dialogs für subversive Aktivitäten gegen die DDR“ zu missbrauchen. Natürlich waren alle „diesbezüglichen Pläne und Absichten zielstrebig aufzuklären und erkannte Angriffe des Gegners entschieden abzuwehren“. Damit soll es an dieser Stelle genug sein mit dem einschlägigen Stasi-Jargon, der sich in dieser Weise auf fünf dichtbeschriebenen Seiten fortsetzt. Zu diesem Zeitpunkt bestand im Bezirk Dresden lediglich eine Städtepartnerschaft zwischen Meißen und Fellbach, zwischen Riesa und Mannheim sowie Dresden und Hamburg waren sie in Vorbereitung. Böhms Anweisungen übersetzte die Abteilung XX der Bezirksverwaltung dann noch mal für die Kreisdienststellen im Bezirk mit einer Anweisung unter dem Titel „Informationsbedarf“. Darin listete Stasi-Oberst Ernst Tzscheutschler auf, was als Versuch, die Städtepartnerschaft „zu missbrauchen und zu unterlaufen“ zu werten war: Bestrebungen, die Partnerschaftsbeziehung „ausschließlich auf sogenannte menschliche Begegnungen auf breitester Ebene zu konzentrieren“ oder auch durch „Unterlaufen staatlicher Weisungen“ direkte Kontakte zwischen Personen auf kommunaler Ebene, zwischen Wissenschaftlern, Kunst- und Kulturschaffenden, Sportlern und Jugendlichen, Privatpersonen unterschiedlicher Art“ zu ermöglichen. Die Stasi fürchtete Druck auf die Genehmigung von Ausreiseanträgen und zur Bildung kirchlicher Partnerschaften und Versuche, „DDR-Kontaktpartner materiell und finanziell zu korrumpieren“. Vom Wesen einer Städtepartnerschaft, die davon lebt, dass sie „von den Menschen getragen wird“, wie es der erste freigewählte Oberbürgermeister von Dresden, Herbert Wagner (CDU), heute im DNN-Interview erklärt, blieb zu DDR-Zeiten praktisch nichts übrig.

Die Verschmutzung der Elbe gehörte Mitte der 80er Jahre zu den Anlässen für die Annäherung zwischen Dresden und Hamburg

Die Verschmutzung der Elbe gehörte Mitte der 80er Jahre zu den Anlässen für die Annäherung zwischen Dresden und Hamburg. Sofort nahm die Stasi den Ersten Bürgermeister der Hansestadt, Klaus von Dohnanyi ins Visier. Auch nach der Unterzeichnung der Städtepartnerschaft ließ der Spitzelapparat von Stasi-Chef Erich Mielke nicht locker. So zog der DDR-Geheimdienst bei der Fahrt des Dampfers „Dresden“ in die Hansestadt alle Register.

Quelle: Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen (BStU)

Vielmehr brachte die Stasi ihren ganzen Spitzelapparat in Stellung. Sie hatte Angst vor Provokationen und Störaktionen bei Reisen von DDR-Delegationen in den Westen und vor „Werbe- und Abschöpfungshandlungen seitens der Geheimdienste der BRD bzw. anderer imperialistischer Geheimdienste“. So dauerte es nicht lange, bis Berichte inoffizieller Stasi-Mitarbeiter rund um die Städtepartnerschaft aktenkundig wurden. Am 21. Dezember 1987 berichtet ein IM über SPD und CDU in Hamburg (Es gab „innerhalb der CDU-Fraktion gewisse Spannungen“). Am 22. Dezember macht die Stasi einen Bericht von IM „Mai“ aktenkundig. Er beschrieb seine Gespräche mit Dohnanyi, schimpfte über die Künstleragentur der DDR und gab Informationen über die Geschäfte einer Hamburger Reederin wider, die ihm nach eigenem Bekunden „vertraulich mitgeteilt worden“ seien und vieles mehr. Die Öffnung der Stasi-Akten ließ inzwischen erkennen, dass hinter diesem Decknamen der Intendant der Dresdner Semperoper, Gerd Schönfelder, stand. Ob sich alle Betroffenen dieses Vertrauensbruchs bewusst sind, ist nicht bekannt. In einer Chronologie Hamburgs zur Städtepartnerschaft findet Schönfelder bislang noch wohlwollende Erwähnung.

 Als sich Klaus von Dohnanyi, damals Hamburgs Erster Bürgermeister, 1985 vorsichtig für eine Annäherung an Dresden zu interessieren begann – schließlich bestand mit der Elbe und nicht zuletzt deren Verschmutzung ein ganz natürliches Band zwischen den Städten – da begann auch das Interesse der Stasi an ihm. Die DDR-Schlapphüte fassten ihre Erkenntnisse unter dem Namen „Hydrant“ zusammen – warum auch immer.

Dohnanyi trat Mitte 1988 in Hamburg aus „innenpolitischen“ Gründen zurück. Mithin geriet naturgemäß sein Nachfolger Henning Voscherau ins Visier der Stasi. Informationen heftete die Stasi unter dem Aktionsnamen „Bürger“ ab. Wenn der SPD-Politiker bei Besuchen in Dresden vom Hotel zum Restaurant lief, war die Stasi dabei. Wenn eine Frau und ein Mann das abendliche Essen gemeinsam verließen, genauso. Im Hotel wurden die Telefone abgehört, auch von Journalisten. Die Stasi-Aktionen rund um den Besuch der Hamburger CDU-Fraktion in Dresden bekamen 1988 das Etikett „Alster“ verpasst. Akribisch begleitete die Stasi auch einen Besuch des Raddampfers „Dresden“ in Hamburg (siehe Kasten). Und schließlich war der Stasi auch der dreitägige Aufenthalt der Dresdner „Stadtauswahl Schach“ im Februar 1988 eine dreiseitige Information („Streng vertraulich – um Rückgabe wird gebeten“) an SED-Bezirkschef Hans Modrow wert. Daraus wurde „ganz Ungeheuerliches“ bekannt, hat Außenstellenleiter Felber in den Akten entdeckt. Schach-Großmeister Wolfgang Uhlmann hatte Schach gespielt, simultan, im Hotel Atlantik – während die offizielle Delegation programmgemäß der Oper „Die verkaufte Braut“ lauschte.

In ihrem Beobachtungswahn konnte sich die Stasi nicht nur auf ihre 3500 hauptamtlichen Mitarbeiter im Bereich der Bezirksverwaltung Dresden und 11500 Stasi-Spitzel unter den 1,2 Millionen Einwohnern im Bezirk stützen, sondern nach Felbers Angaben auch auf viele Spione im Westen. Rund 3000 Bundesbürger hätten im Westen seinerzeit gespitzelt, 1500 führt die Hauptabteilung Aufklärung der Berliner Zentrale und die übrigen 1500 andere Abteilungen in Berlin oder aus den Bezirksverwaltungen. Wurden die Inoffiziellen in der DDR bisweilen mit Telefonanschlüssen gelockt, so war es im Westen einfach schnöder Mammon. Wie Felber erläutert, hat die Stasi in Hamburg unter anderem Bundesnachrichtendienst, Bundesamt für Verfassungsschutz, Ministerialbehörden, Institute der Bundeswehr sowie Hamburger Unternehmen und Medien wie die Howaldtswerke Deutsche Werft AG, Blohm und Voss oder auch „Spiegel“ und „Zeit“ im Visier.

Auch wenn sich viele Dinge heute wirr und unfreiwillig komisch anhören, zu DDR-Zeiten waren sie kein Grund zum Lachen. „Das hatte kaum Spaßcharakter, es führte stets zur Bespitzelung von Bürger in Ost und West“, erklärte Außenstellenchef Felber. Das Ministerium für Staatssicherheit habe dabei „Aktivitäten von unvorstellbarem Ausmaß betrieben, um seine Existenzberechtigung nachzuweisen und um die Doktrin der Staatspartei SED umzusetzen“. Genauso wenig absehbar seien jeweils die Folgen gewesen, wie sich immer wieder zeigte, wenn vermeintlich unliebsame Menschen bei anstehenden Reisen in den Westen aussortiert wurden.

Felber ist „unerklärlich, warum sich bei der Stasi niemand gefragt hat, was machen wir hier eigentlich?“ Das habe den Stasi-Leuten wohl ihre politische Erziehung und die militärischen Strukturen verboten. Nach Felbers Ansicht lässt sich aus den Stasi-Akten heute für „jeden von uns, die Pflicht ableiten, sich eine eigene Meinung zu bilden“ und sich damit auch aktiv in die Gesellschaft einzubringen. „Wer das Denken ausschaltet, schließt sich möglicherweise Parolen an, die Freiheitsrechte einschränken.“

Von Ingolf Pleil

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Lokales
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Wettersponsor

Das Wetter in und um Dresden präsentiert Ihnen die Toskana-Therme Bad Schandau.